Frankfurter Skyline: Banken müssen sich derzeit um wenige Krisenfälle kümmern.
01.12.16
Banking & Berater

Restrukturierer befürchten Jobabbau

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist gut und wird immer besser. Das spiegelt sich auch im neunten Restrukturierungsbarometer wider: Die Zahl neuer Unternehmenskrisen geht zurück. Die befragten Spezialisten befürchten jetzt weiteren Personalabbau in ihrem eigenen Bereich.

Das allgemeine Restrukturierungsumfeld hat sich aus Sicht von Restrukturierungsexperten aus Banken in den vergangenen Monaten wieder aufgehellt. So gaben nur noch 19 Prozent der befragten Experten an, in den vergangenen sechs Monaten mehr neue Krisenfälle zur Bearbeitung auf den Tisch bekommen zu haben. Zum Vergleich: Im Frühjahr waren es noch 24 Prozent. Damals erwarteten die Befragten angesichts der zähen konjunkturellen Lage, politischer Konflikte und des Rohstoffpreisverfalls einen deutlichen Anstieg neuer Restrukturierungsfälle. 

Allerdings hat sich das Bild im Herbst deutlich geändert: Viele deutsche Unternehmen profitieren von einer erstarkten Nachfrage auf dem Weltmarkt. So verwundert es nicht, dass viele befragte Restrukturierungsspezialisten sinkende Zahlen meldeten. 46 Prozent der Befragten haben im vergangenen halben Jahr weniger neue Krisenfälle auf den Tisch bekommen als in den vorangegangenen sechs Monaten.

Zu diesem Ergebnis kommt das aktuelle Restrukturierungsbarometer, das FINANCE in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Struktur Management Partner (SMP) im Oktober durchgeführt hat. 86 Professionals aus dem Intensive-Care-Bereich von Banken haben sich daran beteiligt.

Das Thema Restrukturierung wird Ihnen präsentiert von Struktur Management Partner:

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Am meisten Restrukturierungen in Textil und Bekleidung

Auf Branchen heruntergebrochen, hat der Sektor „Textil und Bekleidung“ den Bereich „Maschinen- und Anlagenbau“ von der Spitze verdrängt. Der Wettbewerbsdruck durch den Onlinehandel und die schnell expandierenden Textildiscounter bringt immer mehr klassische Modehäuser in Turbulenzen.

Nach dem Herrenmode-Filialisten Pohland und der Textilkette Wöhrl musste jüngst auch Sinn Leffers Insolvenz in Eigenverwaltung beantragen. Schätzungen des Bundesverbandes des Deutschen Textilhandels (BTE) zufolge hat sich die Zahl der selbstständigen Textilhändler seit der Jahrtausendwende fast halbiert – von damals mehr als 35.000 auf derzeit rund 18.000 Unternehmen. Auch „Handel und E-Commerce“ haben sich zuletzt noch vor die Vorzeigebranche der deutschen Industrie, „Maschinen- und Anlagenbau“, geschoben.

Zunehmend spielt auch das Thema Digitalisierung eine Rolle bei Krisenfällen: Bei lediglich 16 Prozent der Restrukturierungsexperten führten verfehlte oder nicht konsequent durchgeführte Digitalisierungsstrategien noch nie zu Schieflagen bei den eigenen Portfoliounternehmen. „Digitalisierung ist zwar im Work-out-Portfolio noch nicht auf breiter Front angekommen", erklärt SMP-Partner Georgiy Michailov.„In einigen Branchen ist dieses Thema jedoch bereits jetzt extrem brisant.“ Die Aufschlüsselung, welche Branchen momentan die größten Probleme bei der digitalen Transformation haben, zeigt: Der Handel steht  an erster Stelle, gefolgt von Textil und Bekleidung sowie dem Maschinen und Anlagenbau.

Personalabbau im Intensive-Care-Bereich

Einen klaren Trend gab es bei den Erfolgsaussichten von Restrukturierungsfällen. Im Vergleich zur vorangegangenen Erhebung (35 Prozent) gaben jetzt schon 42 Prozent der Befragten an, mehr Engagements aus der „Intensivstation“ wieder in den Marktbereich zurückgeführt zu haben. Die Chancen für einen positiven Ausgang einer Restrukturierung liegen über dem Durchschnittswert der vergangenen vier Jahre. Relativierend muss jedoch gesagt werden, dass die Experten parallel dazu auch einen Anstieg der Unternehmenskrisen mit negativem Ausgang konstatieren.

Deutlich pessimistischer blicken die Banker auf die Personalsituation im Workout-Bereich: 56 Prozent der Umfrageteilnehmer gehen davon aus, dass ihre Bank die Restrukturierungsabteilung personell verkleinern wird (Frühjahr 2016: 39 Prozent). 32 Prozent erwarten keine Änderungen der augenblicklichen Kapazitäten, und nur 5 Prozent glauben, dass Personal aufgebaut wird. Dass die Restrukturierer so pessimistisch auf die Personalsituation in der eigenen Branche blicken, hängt unter anderem damit zusammen, dass sich der vor sechs Monaten noch prognostizierte Anstieg neuer Krisenfälle nicht bewahrheitet hat.

Zu den vollständigen Ergebnissen der Umfrage gelangen Sie hier.

markus.dentz[at]finance-magazin.de

Das 9. Restrukturierungsbarometer

Im Rahmen des Restrukturierungsbarometers befragt FINANCE in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Struktur Management Partner regelmäßig die Professionals aus dem Intensive-Care-Bereich von Banken. An der neunten Auflage haben sich 86 Befragte beteiligt. Zum Archiv geht es hier.