KPMG

27.06.16
Banking & Berater

Der Fall KPMG und die Exzesse der Insolvenzverwalter

Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann fordert eine halbe Milliarde Euro von KPMG – wegen eines angeblich fehlerhaften Sanierungsgutachtens. Dies zeigt, warum Sanierungen vor der Insolvenz immer gefährlicher für alle Beteiligten werden.

Der Insolvenzverwalter der Werftengruppe P+S, Berthold Brinkmann, hat die deutsche Niederlassung von KPMG auf 514 Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Die Klage hatte Brinkmann bereits im vergangenen Jahr eingereicht, das gewaltige Ausmaß seiner Forderungen wurde erst vor wenigen Tagen bekannt.

Brinkmann hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft auf dem Kieker, weil sie bereits 2009 der kriselnden Werft ein fehlerhaftes Sanierungsgutachten ausgestellt haben soll. 2012 ging die P+S, die übrigens im Wahlkreis von Angela Merkel ansässig ist, pleite, und es begann das lange juristische Nachspiel.

Die Höhe der Forderung an KPMG ist ein besonders krasses Beispiel dafür, welchen Risiken Sanierer derzeit ausgesetzt sind, wenn sie eine Insolvenz und die damit einhergehende Wertvernichtung vermeiden wollen. Neben KPMG sind nach FINANCE-Informationen auch andere Akteure der Werft mit Forderungen in Millionenhöhe konfrontiert.

Sanierungsmanager: „Manche Insolvenzverwalter laufen Amok“

Der Grund der exzessiven Forderungen liegt auch darin, dass sich die Zahl der Firmenpleiten hierzulande im langjährigen Tief befindet. Viele Insolvenzverwalter stehen deshalb selbst mit dem Rücken zur Wand. „Manche Insolvenzverwalter laufen Amok“, sagt ein Sanierungsmanager, der nicht namentlich genannt werden möchte. Die Verwalter reizen alle rechtlichen Mittel mit Anfechtungsklagen aus – auch um die eigene und befreundete Kanzleien auszulasten. „Anfechtungsklagen zur Erhöhung der Masse dienen den Gläubigerinteressen, aber sie sind auch für die Verwalter eine interessante Ertragsquelle in Zeiten schlechter Auslastung“, fügt der Manager hinzu.

Oft genug orientiert sich die Höhe ihrer Klagen an den Deckungssummen der D&O-Versicherungen. Doch selbst wenn die Versicherer einspringen, ist eine Verurteilung meist eine erhebliche Belastung für einen Manager, der in seinem Metier „verbrannt" ist. Greift die Versicherung nicht, ist er ruiniert. Der Verband der deutschen Restrukturierungsexperten TMA, zu dessen erweiterten Vorstand auch der von der Klage mit betroffene KPMG-Chefsanierer Michael Axhausen gehört, hatte die Exzesse bei Anfechtungsklagen, insbesondere am Beispiel des Solarkonzerns Q-Cells, bereits im vergangenen Jahr beklagt.

Justizminister Heiko Maas muss handeln

Man darf natürlich nicht verschweigen, dass der Insolvenzverwalter verpflichtet ist, das Maximale für die Gläubiger herauszuholen. Immerhin hat die besagte Werftenpleite auch noch eine strafrechtliche Komponente, steht bei P+S doch der Vorwurf der Insolvenzverschleppung im Raum. Zudem stehen schludrige Sanierungsgutachten, die nicht selten von jungen, unerfahrenen Mitarbeitern erstellt werden, seit langem in der Kritik – in dutzenden weiteren Fällen. Die Berater müssen sich selber an die Nase fassen und belastbare Qualitätsstandards und Verhaltensnormen entwickeln.

Doch mehren sich Klagen wie jetzt bei P+S, wird die Rettung von Unternehmen für die Sanierer selbst immer gefährlicher, wenn nicht sogar unmöglich. Die Gefahren, die dies nach sich zieht, sind groß, wird doch bei jeder Insolvenz viel Wert vernichtet.

Es wird Zeit, dass Justizminister Heiko Maas die Reform des Insolvenzrechts wirklich anpackt und eine rechtliche Grundlage für den konstruktiven Umgang mit dem Krisenfall vor der Insolvenz schafft. Derzeit agiert er in dieser Hinsicht zu zögerlich. Das Zaudern könnte für die deutsche Volkswirtschaft teuer werden.

markus.dentz[at]finance-magazin.de