Ernst & Young

07.07.16
Banking & Berater

Kopf-an-Kopf-Rennen bei KPMG, PwC und EY

Die Wirtschaftsprüfer KPMG, PwC, EY und Deloitte sind 2015 außergewöhnlich stark gewachsen. 2016 soll sogar noch besser werden – dank der verpflichtenden Wirtschaftsprüferrotation. Die kleinen WP-Gesellschaften werden hingegen die Verlierer sein.

2015 war ein außergewöhnlich gutes Geschäftsjahr für deutsche Wirtschaftsprüfer: Die größten 25 haben ein Rekordwachstum von mehr als 8 Prozent erreicht, rund 2 Prozentpunkte mehr, als sie vergangenes Jahr noch prognostiziert haben. Das ist das Ergebnis der aktuellen Lünendonk-Studie, in der jedes Jahr der Wirtschaftsprüfermarkt untersucht wird.

Dabei lieferten sich die größten WP-Gesellschaften ein Kopf-an-Kopf-Rennen: PwC, am Umsatz gemessen nach wie vor auf Platz 1 in Deutschland, hat bei einem Wachstum von 5,9 Prozent 1,63 Milliarden Euro erwirtschaftet. EY hat mit einem Umsatz von 1,53 Milliarden Euro KPMG vom zweiten Platz verdrängt und ist mit einem überdurchschnittlichen starken Wachstum von 9,2 Prozent dem Marktführer dicht auf den Fersen. KPMG belegt mit einem Wachstum von 9 Prozent und einem Umsatz von 1,51 Milliarden Euro den dritten Platz. Dass KPMG und EY die Plätze getauscht haben, obwohl sie fast gleich stark gewachsen sind, liegt an einer leicht anderen Berechnungsmethode im Vorjahr.

Weit abgeschlagen ist die viertgrößte Wirtschaftsprüfung: Deloitte ist mit 8,3 Prozent zwar auch stark gewachsen, hat aber nur einen Umsatz von 790 Millionen Euro.

Big Four: Rekordprognosen für 2016

Bis auf den Platztausch zwischen KPMG und EY hat sich innerhalb der Top 10 der deutschen WP-Gesellschaften an der Reihenfolge nichts geändert: Auf Platz 5 ist BDO (212 Millionen Euro), gefolgt von Rödl & Partner (183 Millionen Euro), Ebner Stolz (168 Millionen Euro), Baker Tilly Roelfs (138 Millionen Euro), Roever Broenner Susat Mazars (114 Millionen Euro) und auf Platz 10 Warth & Klein Grant Thornton (86 Millionen Euro).

Das Wachstum 2015 war bereits überdurchschnittlich hoch, doch mit der Prognose für 2016 gehen die Big Four sogar noch weiter: Sie erwarten einen Umsatzanstieg von 10 Prozent. Normalerweise sind die Prognosen der WP-Gesellschaften eher konservativ. Der Grund für den Optimismus ist nun die Pflichtrotation, die vor rund zwei Wochen in Kraft getreten ist. Sie zwingt Unternehmen, in den kommenden Jahren ihren Abschlussprüfer zu wechseln. Alleine im Dax30 muss der Großteil der Unternehmen seinen Prüfer bis 2020 wechseln. Diese Rotation werden die Big Four voraussichtlich unter sich selbst ausmachen, Marktbeobachter erwarten, dass am Ende sich jede der Big Four einen ähnlich großen Teil des Neugeschäfts mit Dax-Konzernen sichern wird.

KPMG prüft seit 126 Jahren den Versicherer Allianz

Im Moment hat KPMG die mit Abstand meisten Mandate, gefolgt von PwC. Mit der neuen Regelung soll die oft jahrzehntelange Beziehung zwischen einem Unternehmen und einem Prüfer gebrochen werden, um die Unabhängigkeit zu wahren. Und das war lange überfällig: Viele Unternehmen lassen sich schon seit 20 Jahren vom gleichen Prüfer in die Zahlen schauen. Krasser ist der Fall bei der Lufthansa, die seit 1955 von PwC geprüft wird oder bei der Allianz, die sogar schon seit 1890 – also seit 126 Jahren – mit KPMG den gleichen Prüfer hat.

Mit dem Gesetz sollte außerdem die Vormacht der Big Four gebrochen werden und kleinere WP-Gesellschaften zum Zug kommen. „Die angestrebte Dekonzentration wird mit Sicherheit nicht erreicht“, glaubt aber Martin Plendl, Chef von Deloitte. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine kleine WP-Gesellschaft ein Dax-30-Mandat bekommt, ist äußerst gering.

Wirtschaftsprüfer erteilen Joint Audit eine Absage

Eine Chance für die kleineren WP-Gesellschaften hätte das Joint Audit sein können, also die Prüfung eines Unternehmens durch mehr als einen Prüfer gleichzeitig. Die erlaubt es Unternehmen, dass sie die Rotation nicht nach 20, sondern erst nach 24 Jahren machen müssen. Doch kaum ein Prüfer glaubt, dass Unternehmen tatsächlich davon Gebrauch machen werden: „Es würde mich überraschen, wenn große Unternehmen sich für ein Joint Audit entscheiden“, sagt Joachim Riese, Chef von Warth & Klein Grant Thornton.

Vor zwei Wochen noch verteidigte Pierre Zapp, Partner bei Roever Broenner Susat Mazars, das Modell Joint Audit noch gegenüber FINANCE, doch sein Kollege Jost Wiechmann ist offenbar anderer Meinung: „Eine Verlängerung von vier Jahren wird kein überzeugendes Argument sein“. Und BDO-Chef Holger Otto drückt es so aus: „Die Messe ist gelesen. Ein Unternehmen, dass sich für ein Joint Audit entscheidet, wäre die große Ausnahme“. Das Problem: Viele Unternehmen sind offenbar der Meinung, dass ein Joint Audit wesentlich teurer ist und dass sich die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen und Prüfern sowie innerhalb der Prüfer als schwierig gestaltet.

Kleine Wirtschaftsprüfer können enorme Kosten nicht stemmen

Wahrscheinlicher ist deswegen, dass sich immer mehr kleinere Gesellschaften zusammenschließen, um ihre Chancen auf größere Mandate zu erhöhen. Die starke Internationalisierung der Mandanten, die immer stärkere Spezialisierung, die gefordert wird, sowie die Digitalisierung führen zu Kosten, die eine einzelne WP-Gesellschaft alleine nicht mehr stemmen kann.

Alleine bei der Digitalisierung sind die Summen enorm: BDO-Chef Holger Otte spricht von einem dreistelligen Millionenbetrag. EY-Chef Georg Waldersee rechnet sogar mit rund 1 Milliarde Euro. „Von den heutigen Next 10 werden vielleicht noch fünf oder sechs übrig bleiben“, glaubt Jost Wiechmann, Partner bei Roever Broenner Susat Mazars. Die Next 10 sind die nächstgrößten Wirtschaftsprüfungen nach den vier größten.

Hinzu kommt, dass vielen kleineren Wirtschaftsprüfern schlicht die Branchenkenntnisse fehlen. Ein Prüfer, der bislang beispielsweise noch nie im Automotive-Bereich geprüft hat, hat praktisch keine Chancen auf ein VW-Mandat. Wie schwer es ist, ein branchenfremdes Mandat zu ergattern, zeigt Deloitte. Die WP-Gesellschaft hat überraschend das Bayer-Mandat bekommen, doch bis dahin war es ein langer Weg, erzählt Deloitte-Chef Plendl: „Wir haben uns mehrere Jahre ganz gezielt auf den Pitch vorbereitet und Mitarbeiter in Pharmaunternehmen geschickt, um sie zu qualifizieren. Da muss man gezielt investieren und Kompetenz aufbauen“. Einer Deloitte mag das noch gelingen, doch bei den kleineren Konkurrenten ist das kaum denkbar.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de


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