PwC ist die unangefochtene Nummer 1 in Deutschland. Doch die Pflichtrotation für Prüfmandate könnte den ganzen Markt durcheinanderwirbeln.

PwC

12.01.16
Banking & Berater

PwC, EY, KPMG & Deloitte: Der Kampf hat begonnen

2016 geht der Wettlauf der Big Four in die nächste Runde. Noch nie war die Chance so groß, begehrte Mandate zu gewinnen, und das Risiko so hoch, hart erarbeitete Marktanteile zu verlieren. Eine Analyse über die Gewinner und Verlierer.

2016 wird ein wichtiges Jahr. Das Jahr, in dem KPMG, PwC, Ernst & Young und Deloitte zeigen müssen, wer im neu entbrannten Kampf um die Prüfmandate die Nase vorne hat. Denn in den kommenden Jahren müssen 24 der Dax-30-Unternehmen ihren Prüfer wechseln, es werden Honorare im Volumen von 250 Millionen Euro umverteilt. Schon jetzt versuchen alle vier großen Prüfgesellschaften, sich ihr Stück vom Kuchen zu sichern.

Die von der EU beschlossene Rotationspflicht für Wirtschaftsprüfer, die die jahrzehntealten Strukturen aufbrechen soll, zwingt die Big Four dazu, ihre bisherigen Mandate abzugeben und sich neue zu suchen. Noch nie war damit die Chance für jene, die bisher kaum zum Zug kamen, größer, begehrte Mandate zu gewinnen – und noch nie war das Risiko für die Marktführer höher, die hart erarbeiteten Anteile zu verlieren.

Deloitte hat mit Bayer den Startschuss gegeben

Und der Wettlauf ist kaum eröffnet, da legt Deloitte schon vor. Ausgerechnet der kleinste der Big Four hat mit Bayer das wertvollste Unternehmen im Dax als Kunden ergattert. Bayer wird seit geraumer Zeit vom Platzhirsch PwC geprüft. Medienberichten zufolge hatte sich auch KPMG um das Mandat bemüht – offenbar erfolglos. Damit hat Deloitte im Kampf um die Mandate ein wichtiges Zeichen gesetzt: Die Gesellschaft kann auch die ganz großen Konzerne prüfen. Bislang war Deloitte vor allem stark im Mittelstand vertreten, von den Dax-30-Unternehmen prüfte die Gesellschaft bislang nur K+S – und das auch nur deswegen, weil der Konzern erst 2008 in den Dax aufgestiegen war.

Dass Bayer sich ausgerechnet für Deloitte entschieden hat, ist auch eine Warnung für die anderen drei. Bisher herrschte die Meinung, dass eine kleinere WP-Gesellschaft kaum Chancen hat, an ein großes Mandat zu kommen, weil der Einarbeitungsaufwand – und damit auch das berechnete Honorar – so massiv ist. Doch Bayer glaubt offenbar an Deloitte. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass Deloitte in den vergangenen Jahren ordentlich zugelegt hat. Das Unternehmen wuchs zuletzt jährlich um 9 Prozent (2015) beziehungsweise 8 Prozent (2014). Mit einem Umsatz von nur 790 Millionen Euro bleibt Deloitte zwar die wohl kleinste Gefahr. Eine Kampfansage hat Deloitte-Chef Plendl dennoch gemacht: Er will fünf bis sechs Mandate gewinnen.

Ernst & Young wächst rasant

Auch Ernst & Young, bisher ebenfalls nur schwach im Dax vertreten, hat schon angekündigt, seine Mandate auf 20 Prozent verdoppeln zu wollen. Dazu hat EY jetzt sogar seine Führung ausgetauscht. Statt Georg Graf Waldersee führen künftig Julie Teigland und Hubert Barth die Geschäfte. Barth soll sich voll und ganz auf die Jagd nach neuen Mandaten konzentrieren. Die Chancen, dass er dabei Erfolg hat, stehen gut: EY hat in den vergangenen Jahren massiv zugelegt und ist mit konstant 9 Prozent am stärksten von allen Big Four gewachsen. Inzwischen hat EY sogar die ehemalige Nummer zwei KPMG überholt und ist mit einem Umsatz von 1,53 Milliarden Euro dem Marktführer PwC dicht auf den Fersen.

Wie viele Jahre PwC seinen Platz mit einem Umsatz von 1,65 Milliarden Euro noch halten kann, ist fraglich. Zuletzt wuchs die WP-Gesellschaft einigermaßen stark um 6,3 Prozent, doch das Jahr zuvor war mit 3 Prozent schwach. Außerdem hatte PwC zuletzt sieben Standorte geschlossen und den nächstgrößeren angeschlossen, um mit dem Geld aus den eingesparten Mietzahlungen Investitionen in die Digitalisierung zu finanzieren – damit könnte PwC weniger attraktiv für Kunden sein, die von den größeren Standorten weiter entfernt sind.

Chance für PwC und KPMG: Wer nicht prüft, darf beraten

KPMG fährt die gegenteilige Strategie und hat zuletzt in kleineren Regionen Standorte eröffnet, um näher am Kunden zu sein und sich auch im Mittelstand zu positionieren. Doch auch die Umsatzentwicklung von KPMG war zuletzt eher durchwachsen: 2015 stiegen die Umsätze zwar um 9 Prozent, doch 2014 stiegen sie nur um 4 Prozent an und entwickelten sich damit schwächer als bei Deloitte und EY. PwC und KPMG, die gemeinsam 80 Prozent der Mandate im Dax prüfen, müssen jetzt besonders aufpassen, dass ihre Umsatze durch die Prüferrotation nicht unterminiert werden.

Dafür haben die beiden aber noch ein Ass im Ärmel. Denn dort, wo sie in Zukunft nicht prüfen dürfen, können sie immerhin beraten. Und das ist ein durchaus lukratives Geschäft: Während sich das Wachstum im Sektor Prüfung schon lange vorwiegend im einstelligen Bereich bewegt, sind die Wachstumsraten in der Beratung locker zweistellig. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen seinen ehemaligen Prüfer als Berater einstellt, ist sehr groß: Immerhin kennt kein anderer das Unternehmen so gut.

Doch Deloitte und EY überlassen den beiden großen Wettbewerbern nicht einfach so das Feld. Jeder der Big Four versucht, seinen Beratungsarm so attraktiv wie möglich aussehen zu lassen. PwC hat sich mit dem Kauf von Booz verstärkt, EY kaufte J&M Management Consulting, KPMG kaufte p³ Consulting und die CTG Corporate Group. Deloitte hat unterdessen den Vorteil, dass es seine Beratungssparte im Gegensatz zu den anderen drei überhaupt nie verkauft hat. 

Big Four: Neue Mandatsverteilung für Jahrzehnte

Insgesamt haben die Prüfer zwar noch einige Jahre Zeit, bis alle Mandate neu verteilt werden müssen. Doch die Unternehmen, die ihre Prüfer wechseln müssen, werden kaum bis zum letzten Tag warten, denn jeder will die besten Konditionen aushandeln. Hinzu kommt: Die neue Verteilung wird voraussichtlich für 20 Jahre festzementiert sein. Laut eines neuen Entwurfs der Bundesregierung können die Unternehmen ihre Prüfer künftig sogar bis zu 20 Jahre behalten statt wie ursprünglich vorgesehen nur bis zu zehn Jahre. Einzige Voraussetzung: Das Unternehmen muss das Mandat nach zehn Jahren neu ausschreiben. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich tatsächlich für einen neuen Prüfer entscheidet, der sich in alle Prozesse erneut einarbeiten muss, ist wohl eher gering.

Für die Wirtschaftsprüfer bedeutet das: Sie müssen sich jetzt besonders reinhängen, um die zur Disposition stehenden Mandate zu ergattern. Die Jahre 2016 und 2017 dürften daher wegweisend werden für die Marktverteilung der nächsten Jahrzehnte.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de