EY ist der Abschlussprüfer des Schweizer Konzerns ABB, bei dem es einen Betrugsfall gegeben hat. Hätte EY den Betrug schon früher erkennen können?

Ernst & Young

04.04.17
Banking & Berater

Welche Verantwortung trägt EY beim ABB-Betrug?

Der Betrugsskandal bei ABB wirft die Frage auf, welche Verantwortung der Abschlussprüfer EY dafür trägt, dass die kriminellen Handlungen bei ABB lange übersehen wurden. Wie es aussieht, hat EY gute Argumente auf seiner Seite.

Der Fall ging in den vergangenen Wochen durch die Medien: Ein hochrangiger Treasurer einer koreanischen Tochter des Schweizer Industriekonzerns ABB soll 100 Millionen Dollar unterschlagen haben. Der Manager ist untergetaucht, seitdem suchen die Schweizer nach ihm, unter anderem mit der internationalen Kriminalpolizei Interpol. Der Finanzbetrug kostet ABB über 70 Millionen Dollar.

Wegen der laufenden Ermittlungen verschob ABB die Vorlage des Geschäftsberichts. Als er schließlich am 13. März veröffentlicht wurde, legte der Abschlussprüfer Ernst & Young (EY) seinem Kunden ABB in seinem Abschlussprüferbericht schweres Versagen zur Last. Demnach habe das Interne Kontrollsystem (IKS) gravierende Schwächen aufgewiesen. So habe das Unternehmen die Treasury-Einheit in Südkorea nicht effektiv kontrolliert, es habe außerdem keine ausreichende Trennung von Funktionen („Segregation of Duties“) gegeben, heißt es weiter im Bericht. Unter anderem sei auch der Zugang zu Unterschriftssiegeln („Signature Seals“), mit denen Zahlungen autorisiert werden können, nicht ausreichend geschützt gewesen, lautet ein weiterer Vorwurf des Big-Four-Wirtschaftsprüfers EY.

„EY hätte die Probleme bei ABB früher aufdecken können“

Dass EY all diese Punkte in seinem Bestätigungsvermerk anspricht, nachdem der Betrug an die Öffentlichkeit gelangte, war absolut notwendig – alles andere wäre eine Pflichtverletzung gewesen. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Prüfer nicht schon im Vorfeld diese zahlreichen Probleme im IKS hätte erkennen müssen – immerhin gehört die Prüfung des IKS, sofern das Kontrollsystem rechnungslegungsrelevante Themen berührt, zu den Kernaufgaben eines Abschlussprüfers.

„Als langjähriger Prüfer von ABB hätte EY die Probleme schon viel früher aufdecken können“, ist sich daher ein Wirtschaftsprüfer, der anonym bleiben möchte, sicher. Tatsächlich prüft EY bei ABB schon seit 1994 und dürfte mit dem Konzern sehr gut vertraut sein. „Es gab vermutlich Schwachstellen im Rahmen der Prüfung“, glaubt der anonyme Wirtschaftsprüfer daher. Sowohl ABB als auch EY wollten zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. Sie verweisen auf das laufende Verfahren und die gesetzliche Schweigepflicht eines Wirtschaftsprüfers.

Siemens, VW, Schlecker: Welche Verantwortung trägt der Prüfer?

Fälle wie jener bei ABB werfen immer wieder die Frage auf, welche Verantwortung der Abschlussprüfer bei Betrug und Bilanzungereimtheiten trägt. So war es auch bei der Korruptionsaffäre von Siemens vor rund zehn Jahren. Damals warfen Kritiker KPMG vor, bei schwarzen Kassen weggeschaut zu haben.

Oder der Fall VW: Nach wie vor ist unklar, ob es wegen des Dieselskandals Konsequenzen für den Abschlussprüfer PwC geben wird. Ganz aktuell stehen auch Wirtschaftsprüfer, die die insolvente Drogeriekette Schlecker geprüft hatten, vor Gericht: Zwei Prüfer von EY wurden angeklagt, weil sie falsche Bilanzen testiert hatten.

„Es ist Aufgabe des Abschlussprüfers festzustellen, ob die Rechnungslegung wesentliche Fehler aufweist – auch solche, die auf kriminelle Handlungen zurückgehen“, sagt Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer IDW. „Die Abschlussprüfung ist aber nicht speziell darauf ausgerichtet, kriminelle Handlungen aufzudecken.“ Bei der Prüfung des IKS heißt das konkret: Der Prüfer muss prüfen, ob das IKS geeignet ist, eine ordnungsgemäße Rechnungslegung zu unterstützen. „Ohne konkrete Hinweise ist es für den Abschlussprüfer aber sehr schwierig, kriminelle Handlungen festzustellen“, so Naumann.

Prüfer muss sich auf Authentizität der Unterlagen verlassen

Bei einer Prüfung sucht der Abschlussprüfer im Rahmen der Unternehmensanalyse nach Risikofaktoren für Bilanzmanipulationen oder Vermögensschädigungen. Er schaut beispielsweise, ob es Auffälligkeiten in den Zahlen gab: Sind Größen in der Bilanz und der GuV plausibel? Haben sich bei Geschäftsvorfällen im Zeitablauf starke Veränderungen ergeben? Ein Prüfer lässt sich zum Beispiel auch stichprobenartig Geschäftsverkehr mit Partnern wie Banken bestätigen, unter anderem um sicherzugehen, dass überwiesene Gelder nicht etwa auf Konten von Privatpersonen gegangen sind.

Dabei geht der Abschlussprüfer bei der Prüfung mit einer kritischen Grundhaltung vor. Da er keine Unterschlagungsprüfung durchführt, muss er sich aber – wenn keine gegenteiligen Anhaltspunkte vorliegen – grundsätzlich auf die Authentizität der ihm vorgelegten Unterlagen verlassen können. Fälschungen oder Verschleierungen – gegebenenfalls sogar mit Hilfe Dritter – können vom Prüfer daher nicht immer erkannt werden. Hat ein Mitarbeiter beispielsweise Komplizen bei der Bank, die den Geschäftsverkehr mit dem Unternehmen bestätigen, ist es für den Prüfer kaum möglich, einen Betrug aufzudecken.

Oft bringt erst die forensische Prüfung Klarheit – wie bei ABB

Anders sieht die Lage aus, wenn ein konkreter Verdacht vorliegt. Da dann das Prüfungsrisiko deutlich höher eingeschätzt wird, reagiert der Prüfer mit zusätzlichen Maßnahmen: Die WP-Gesellschaft kann beispielsweise forensische Experten einsetzen, die mit speziellen Techniken verdächtige Bereiche auswerten. In diesem Rahmen dürfte auch EY schließlich die Lücken im IKS von ABB entdeckt haben.

Allerdings beinhaltet eine forensische Prüfung eine ganz andere Vorgehensweise als eine Abschlussprüfung – sie ist bezogen auf den aufzudeckenden Sachverhalt gezielter und auch aufwendiger. „Sie kann daher nicht der Standardfall bei einer Abschlussprüfung sein“, meint IDW-Chef Naumann.

Nachweis einer Pflichtverletzung ist schwer zu führen

Ob ein Abschlussprüfer bei Bilanzskandalen und Betrug nachträglich in die Verantwortung genommen wird, hängt davon ab, ob es eine Pflichtverletzung gab, erklärt Naumann. Das bedeutet konkret: Wenn der Wirtschaftsprüfer nachweisen kann, dass er alles in seiner Macht stehende getan hat, um die Bilanzen ordnungsgemäß zu prüfen, trifft ihn keine Schuld.

Aus der Dokumentation der Prüfung, die der Prüfer immer anfertigt, muss daher hervorgehen, wie genau er beispielsweise Belege geprüft oder auf Basis welcher Informationen er die Risikoeinschätzung abgesegnet hat. Zu überprüfen, ob die Qualitätssicherung eingehalten wurde, ist die Aufgabe der Berufsaufsicht, die Prüfer von sogenannten Unternehmen von öffentlichem Interesse werden von der Abschlussprüferaufsichtsbehörde kontrolliert. In Deutschland ist das die APAS (ehemals APAK), in der Schweiz die Revisionsaufsichtsbehörde (RAB).

Die Sanktionen der RAB reichen von einem Verweis über Geldbußen bis hin zum Entzug der Zulassung eines Wirtschaftsprüfers, was aber nur in besonders schweren Fällen passiert. Bei strafrechtlich relevanten Tatbeständen erfolgt eine Anzeige bei den zuständigen Strafverfolgungsbehörden. Ob die Schweizer RAB auch die Rolle von EY als Konzernprüfer von ABB überprüfen wird, ist noch nicht entschieden, erklärte die Behörde auf Anfrage.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Wie entwickeln sich die Geschäftszahlen von KPMG, Deloitte, PwC und Ernst & Young (EY)? Wer verliert welche Mandate, wer kann Marktanteile gewinnen? Mehr dazu können Sie auf unserer Themenseite zu den Big Four lesen.