Der VfB Stuttgart kämpft – nicht nur um den Klassenerhalt. Den Klub plagen zu hohe Kosten und rückläufige Einnahmen.

Frank Hoermann, Sven Simon / picture alliance

20.05.15
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Der VfB Stuttgart wankt

Der VfB Stuttgart kämpft – nicht nur um den Klassenerhalt. Den Klub plagen zu hohe Kosten und rückläufige Einnahmen. Die finanzielle Lage ist brandgefährlich, irgendwer muss das Ruder jetzt herumreißen.

Endspielstimmung in Stuttgart: Mit einem Auswärtssieg in Paderborn könnte sich der VfB Stuttgart in allerletzter Minute doch noch am eigenen Schopf aus dem Abstiegssumpf ziehen. Für den wacker kämpfenden VfB steht am Samstag in Paderborn aber nicht nur sportlich, sondern auch finanziell eine Menge auf dem Spiel. Mit einem Umsatz von fast 105 Millionen Euro (Kalenderjahr 2013) haben die Schwaben im Fall des Abstiegs – zusammen mit dem HSV – deutlich mehr zu verlieren als ihre Konkurrenten. Und der VfB hat schon jetzt ein strukturelles Ertragsproblem, das sich durch einen Abstieg verschärfen würde.

Zunächst einmal muss man nüchtern feststellen, dass der VfB an dem dynamischen Wachstum, das die Bundesliga erfasst hat, seit Jahren nicht teilnimmt. Seit vier Jahren stagnieren die Erlöse, trotz immer weiter steigender TV-Einnahmen in der gesamten Liga. Das liegt natürlich auch daran, dass der VfB nicht mehr international spielt, aber dem Klub gelingt es auch nicht, andere Erlösquellen ergiebiger sprudeln zu lassen. Von fünf Einnahmeposten wuchsen 2013 allein die medialen Vermarktungserlöse, alle anderen gaben nach.

Zweites Problem: Die Kosten sind zu hoch, der Etat weist eine strukturelle Unterdeckung auf. Und das, obwohl der VfB in der Vergangenheit zum Teil hohe Transferüberschüsse erwirtschaftet hat. Da dies im Jahr 2014 nicht gelungen ist, dürften die neuen Zahlen, die der neue Finanzchef Stefan Heim in wenigen Monaten vorlegen wird, noch trüber ausfallen als die von 2013.

Auslöser der Fehlbalance ist der zu teure Kader. Mit 60 Millionen Euro (davon fast 48 Millionen Euro für den Lizenzspielerkader) gibt der VfB 57 Prozent der Umsätze und 52 Prozent seiner Gesamterträge für Gehälter aus. Das ist deutlich mehr als die deutschen Top-Klubs Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04 sich gönnen – und fast so viel wie bei dem außer Rand und Band geratenen Hamburger SV.

Der VfB Stuttgart braucht jedes Jahr einen Gomez-Transfer

Im Ergebnis führt das dazu, dass der VfB in einem normalen Jahr inzwischen fast zwangsläufig rote Zahlen schreibt. 2013 bilanzierten die Schwaben einen Verlust von 3,1 Millionen Euro, 2012 waren es 9,7 Millionen Euro. Das ist auch eine Hypothek für die sportliche Weiterentwicklung, denn eigentlich müsste der VfB aus wirtschaftlicher Sicht – anstatt seinen Kader zusammenzuhalten – in jedem Jahr mindestens einen selbst ausgebildeten Spieler der Top-Kategorie für viel Geld an einen Spitzenklub verkaufen, um die Verluste auszugleichen – so wie es in der guten alten Zeit mit Mario Gomez, Sami Khedira und Kevin Kuranyi gelungen ist.

Talente dieses Formats sucht man im aktuellen Kader aber leider vergeblich. Der beschlossene Verkauf  des Talents Joshua Kimmich für 7 Millionen Euro an Bayern München hilft den Stuttgartern zwar, ist aber finanziell nicht groß genug, um das Blatt zu wenden. Von den aktuellen Spielern sind Antonio Rüdiger und Timo Werner am wertvollsten, deren Marktwert die Fachseite Transfermarkt.de auf 10 beziehungsweise 12 Millionen Euro taxiert.

Aber ob jemand nach dieser schwachen Saison wirklich diese Summen für Rüdiger oder Werner zu zahlen bereit wäre? Und was ist mit den anderen Spielern? Immer nach einem Abstieg verfallen die Marktwerte von Spielern rapide, vor allem wenn der abgestiegene Klub sie loswerden muss, um die Gehaltskosten zu trimmen. Beim VfB wäre das mit Sicherheit der Fall. „Unsere Situation ist so, wie sie ist“, sagte Trainer Huub Stevens schon im Winter. „Wir können das Geld für Kimmich nicht ins Team investieren.“ So ist es.

Vereinsvermögen mehr als halbiert

Immerhin hat der ertragsschwache VfB – anders als der mit über 100 Millionen Euro verschuldete Hamburger SV – kein gravierendes Bilanzproblem. Mit fast 14 Millionen Euro Cash war die Kasse der Schwaben Ende 2013 gut gefüllt, dem gegenüber stehen Bankschulden, die 2013 von 4,7 auf 9 Millionen Euro angestiegen sind. Auf der Habenseite finden sich eine stille Beteiligung an der Mercedes-Benz-Arena in Höhe von 15,8 Millionen Euro und natürlich der Kader, dessen Wert Ende 2013 mit 13,2 Millionen Euro bilanziert wurde.

Weil der VfB vor Beginn dieser Saison für rund 10 Millionen Euro eingekauft hatte, wird die 2014er-Bilanz mit ziemlicher Sicherheit einen höheren Kaderwert ausweisen. Trotzdem schlummern in dieser Bilanzposition stille Reserven in zweistelliger Millionenhöhe. Im Fall des Abstiegs müssten diese freilich auch gehoben werden, denn der im Frühjahr nach fast 30 Jahren im Amt zurückgetretene Finanzchef Ulrich Ruf hat seinem Nachfolger Stefan Heim kein dickes Polster hinterlassen: Das Vereinsvermögen hat sich zwischen 2011 und 2013 von 21,6 auf 8,7 Millionen Euro mehr als halbiert.

Neu-CFO Stefan Heim muss an die Personalkosten ran

Was also steht dem VfB nun im Sommer bevor? Im Abstiegsfall eine Rosskur. Der Umsatz würde sich nahezu halbieren, die Personalkosten von 60 Millionen Euro müssten um mindestens 20 bis 25 Millionen Euro gekürzt werden, damit der Klub nicht aus dem Tritt gerät. Die Mannschaft würde sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Die Transfererlöse helfen, ein Jahr in der Zweiten Liga und den Aufbau eines neuen Teams zu finanzieren. Trotzdem würde ein Neuaufbau den VfB um Jahre zurückwerfen.

Selbst im Fall des Klassenerhalts müssten die Kosten runter. Teure Neuverpflichtungen im Sommer wären ein großes finanzielles Risiko. Die Klubführung braucht jedenfalls dringend ein Konzept, wie sie den Verein auch ohne Transferüberschüsse und Sondererlöse aus DFB- oder Europapokal in die schwarzen Zahlen hieven kann. Unmöglich ist das nicht. Dass man auch mit Personalkosten von 30 bis 40 Millionen Euro ohne Weiteres in der Bundesliga bestehen kann, zeigen Klubs wie die solide wirtschaftende Eintracht Frankfurt, der wieder auf die Beine gekommene 1.FC Köln oder die Underdogs aus Mainz und Augsburg.

Hilft Daimler oder kommt der Impuls von innen?

Bitter für den VfB: Die sportliche Schwächephase kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: Investorengelder strömen in die Bundesliga, auch Mittelklasseklubs wie Hertha BSC rüsten mit Hilfe von Investorengeldern auf. Und im Rückspiegel des VfB ist mit dem FC Ingolstadt gerade dem nächsten Konzernklub der Sprung in die Bundesliga gelungen, RB Leipzig wird im nächsten Jahr nach oben drängen.

Eigentlich war der VfB Stuttgart zum Gegenschlag bereit: Im vergangenen Sommer wollte die Vereinsführung die Mitglieder über eine Auslagerung der Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft abstimmen lassen – ein Weg, den inzwischen so gut wie alle Bundesligavereine gegangen sind. Aber die Mitglieder opponierten, die Abstimmung wurde auf 2016 verschoben.

Ein Abstieg würde diesen Zeitplan kippen. Strategisch macht es keinen Sinn, den Verein ausgerechnet dann für frisches Geld von externen Investoren zu öffnen, wenn dessen Wert im Keller ist. Der Autobauer Daimler steht angeblich bereit, um für mehr als 30 Millionen Euro rund ein Viertel der VfB-Anteile zu erwerben. Kommt der VfB aber sportlich und wirtschaftlich nicht schnell wieder auf die Beine, kann der Klub diesen erhofften warmen Geldregen bis auf weiteres wohl in den Wind schlagen. Bedauern würden das viele Mitglieder nicht. Aber beim VfB muss etwas passieren, ob von innen oder von außen. So wie jetzt kann der Traditionsverein auch wirtschaftlich nicht weitermachen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de  

Schuldenberg bei Schalke 04, Sponsorencoup bei Bayern München, Finanz-Irrsinn beim Hamburger SV: Mehr Beiträge aus dem FINANCE-Blog „3. Halbzeit“ finden Sie hier. Folgen Sie 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.