Begeisterung pur: 17 Heimspiele lang genossen die Fans von Eintracht Braunschweig Bundesliga-Fußball. Der Klub hat die Zeit in der Bel Etage genutzt, um seine Sanierung abzuschließen.

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08.05.14
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Eintracht Braunschweig: Bei Abstieg saniert

Vom Chaos-Klub zur Sparbüchse: Was der HSV an Größenwahn zu bieten hat, wirft Eintracht Braunschweig an wirtschaftlicher Vernunft in die Waagschale. Aber bis der Traditionsverein echtes Bundesligaformat bekommt, ist noch ein weiter Weg zu gehen.

Übermorgen geht es für Eintracht Braunschweig um alles – im Gegensatz zum Hamburger SV aber nicht um alles oder nichts. Mit einem Sieg in Hoffenheim könnte die Truppe von Coach Torsten Lieberknecht noch sensationell den Sprung auf den Relegationsplatz schaffen. Doch auch im Abstiegsfall würde sich in Braunschweig nicht die Hölle auftun. Denn das, was der HSV an Wahnsinn und Verschwendungssucht zu bieten hat, bringt Eintracht Braunschweig an wirtschaftlicher Vernunft auf die Waage.

Zumindest ist die Finanzlage des Bundesliga-Underdogs deutlich inspirierender als die Offensivbemühungen der Elf auf dem Rasen. Sieben Jahre nach dem Beinahe-Untergang, dem Absturz in die 4. Liga und turmhohen Schulden haben die Sanierer Soeren Oliver Voigt, Marc Arnold und Torsten Lieberknecht das Gastspiel in der Bundesliga genutzt, um die finanzielle Gesundung des Traditionsklubs abzuschließen. Die Zahlen, die die Vereinsführung den Fans in wenigen Monaten präsentieren wird, könnten ein Meilenstein werden.

Die Kapitalgesellschaft, in die der Profibereich ausgelagert ist, wird am Ende dieser Saison laut Vereinschef Soeren Oliver Voigt „einen erheblichen Jahresüberschuss“ erwirtschaften, Presseberichten zufolge womöglich sogar wesentlich mehr als in der Saison 2011/12, als unterm Strich ein Plus von 1,7 Millionen Euro stand.

Die Kapitalgesellschaft ist schon seit drei Jahren schuldenfrei. Voigt erläuterte gegenüber FINANCE, dass dank der fälligen Dividende in wenigen Monaten dann auch der Gesamtverein seine Schulden los sein wird.

Eintracht Braunschweig hat den Umsatz verfünffacht

Die Entschuldung konnte nur gelingen, weil man in Braunschweig auch nach dem überraschenden Bundesligaaufstieg kühlen Kopf bewahrte. Anstatt zu versuchen, mit Millionentransfers den unwahrscheinlichen Klassenerhalt zu erzwingen, gaben Voigt, Arnold und Lieberknecht vor der Saison die Devise aus, den Klub „mittelfristig“ in der Bundesliga zu etablieren.

Das Heranrücken an die Fleischtöpfe in der Bundesliga hat der Klub genutzt, um sich Fett für die nächsten Jahre anzufressen. Am Ende der Saison wird die Eintracht einen Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro bilanzieren, doppelt so viel wie in der Aufstiegssaison und fünfmal so viel wie vor fünf Jahren. Das Beispiel Eintracht Braunschweig zeigt, welch großen Hebel die Fernsehgelder auf die Einnahmeseite besonders der kleinen Vereine haben: In der Dritten Liga kassierten die Blau-Gelben 0,8 Millionen Euro pro Saison, in der Zweiten Liga 4,3 Millionen – in der Bundesliga satte 18 Millionen.

Im Abstiegsfall wären es in der kommenden Saison knapp 8 Millionen Euro an TV-Einnahmen – fast doppelt so viel wie im vorangegangenen Jahr in Liga Zwei, weil das Intermezzo in der Bundesliga den Blau-Gelben im TV-Ranking mächtig viele Punkte gebracht hat. Und auch bei anderen Einnahmeposten stünde die Eintracht nach einem Abstieg deutlich besser da als in der vergangenen Saison. Beispiel Ticketeinnahmen: „Unsere Business Seats sind auch für die Zweite Liga ausverkauft“, freut sich Voigt. Zwar zu geringeren Preisen, aber immerhin. Sein Fazit: „Selbst bei einem Abstieg würde der Eintracht mehr Geld zur Verfügung stehen als in der Aufstiegssaison 2012/13.“

Damals beliefen sich die Personalkosten auf 9 Millionen Euro, aktuell in der Bundesliga kostet der Kader knapp 14 Millionen Euro. Mit einem absehbaren Personalbudget von rund 10 Millionen Euro wären die Braunschweiger zwar kein Schwergewicht in der Zweiten Liga, aber ein solider Aufstiegsanwärter – und damit genau auf Kurs, um die Eintracht zu einem ständigen Bundesligaaspiranten zu machen.

Keine Schulden, aber auch wenig Vermögen

Und die Zeit läuft für die Braunschweiger. Im wichtigen Fernsehgelder-Ranking schleppt der Traditionsverein derzeit noch die Wertungen aus seinen Drittligajahren mit sich herum. Erst in zwei Jahren werden die Null-Nummern aus der Berechnung verschwinden. Dann könnte die Eintracht in der Fernsehgeldtabelle zu den Top-Vereinen der Zweiten Liga aufschließen, was Mehreinnahmen von 1 bis 2 Millionen Euro pro Saison bedeuten würde.

Auch die Entschuldung hilft Voigt  beim wirtschaftlichen Wiederaufbau des Vereins. Während zum Beispiel der Aufsteiger 1.FC Köln noch einen Schuldenberg von 30 Millionen Euro abtragen muss, kann Eintracht Braunschweig investieren.

Für bis zu 15 Millionen Euro soll ein Nachwuchsleistungszentrum in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden. Finanziert auf Pump? „Auf keinen Fall“, stellt Voigt klar. „Wir entnehmen die Mittel ausschließlich den Überschüssen, die wir erwirtschaften.“ Auf einen Termin für die Fertigstellung will sich der Eintracht-Chef, der nebenbei auch noch Eigenkapital aufbauen möchte, daher auch nicht festlegen lassen.  
   
Doch bei allem Respekt vor dem Erreichten: Bis Eintracht Braunschweig zu einem echten Bundesligaanwärter wird, ist noch viel zu tun. Seine Schulden ist der Klub zwar los, aber nennenswertes Vermögen ist nicht vorhanden. Das Stadion ist mit 23.000 Plätzen viel zu klein für gehobene Ansprüche – und es gehört der Stadt. Die Eintracht zahlt eine unbekannte Millionensumme an Stadionmiete, die andere Klubs nicht stemmen müssen – oder zumindest nur in Form von Zins und Tilgung, bis die Bauten abbezahlt sind.

Auch im Kader muss noch einiges passieren. Dessen aktueller Marktwert wird auf 26,6 Millionen Euro taxiert, absoluter Tiefstwert in der Bundesliga. Der FC Augsburg bringt als nächster Bundesligaklub schon fast 44 Millionen auf die Waage. Rekordtransfer der Braunschweiger ist Stürmer Torsten Oehrl, der im vergangenen Sommer verpflichtet wurde. Ablösesumme: 500.000 Euro. So viel lässt sich der FC Bayern seinen Greenkeeper kosten.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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