Eintracht Frankfurt will nach oben. Aber die Ambitionen stehen finanziell auf einem anfälligen Grund.

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09.09.15
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Eintracht Frankfurt fährt das Finanzrisiko hoch

Das Millionenfieber in der Bundesliga hat auch Eintracht Frankfurt erfasst. Die Finanzstrategie des neuen starken Mannes Axel Hellmann ist deutlich offensiver als die des scheidenden Heribert Bruchhagen. Das Risiko dämpfen sollen Spielerverkäufe – und neue Investoren von außen.

Bei Eintracht Frankfurt herrscht gute Stimmung: Der Rekordtransfer von Keeper Kevin Trapp nach Paris brachte 9 Millionen Euro, der Saisonstart lief ordentlich, und jetzt steht auch noch der Frankfurter „Fußballgott“ Alex Meier unmittelbar davor, nach langer Pause wieder seine zehn Apostel um sich zu scharen und Flanken in Tore zu verwandeln. Doch die Laune ist besser als die Lage. Die in dieser Woche präsentierten Finanzergebnisse der abgelaufenen Spielzeit dürften bei manchen Eintracht-Anhängern für Ernüchterung sorgen.

Denn nach einem starken Ergebnis im Geschäftsjahr 2013/14, als die Eintracht von der Teilnahme an der Europa League profitierte und einen Rekordgewinn von 9 Millionen Euro erwirtschaftete, sind die Zahlen der abgelaufenen Saison schwach: Der Umsatz ist von 99 auf 88 Millionen Euro zurückgegangen, unter dem Strich stand ein Jahresverlust von 6,1 Millionen Euro. In der Folge ist das Eigenkapital von 12 auf 5,7 Millionen Euro zusammengeschmolzen. Immerhin kam diese Entwicklung nicht überraschend, die Zahlen haben die Eintracht-Verantwortlichen schon vor einem Jahr fast genau so angekündigt – wenn auch mit dem Vermerk versehen, die Planung sei „konservativ“.

Eintracht-Kurswechsel „vom Markt aufgezwungen“

Der geplante Rückfall in die Verlustzone ist kein Unfall, sondern klares Kalkül des Eintracht-Managements. Galt jahrelang die Bruchhagen’sche „Realismus statt Träumerei“-Philosophie, die sich in einer maßvollen Investitionspolitik ausdrückte, will die Eintracht jetzt Gas geben. „Wir stecken all unsere Energie in die sportliche Wettbewerbsfähigkeit – selbst wenn das operative Verluste nach sich zieht“, gibt der designierte Eintracht-Boss Axel Hellmann die Marschrichtung vor.

Interessant ist, dass vor zwei Wochen BVB-Chef Hans-Joachim Watzke für seine Kampfansage an den FC Bayern fast die gleiche Formulierung gewählt hat: „All unsere Gewinne fließen ab sofort in den Kader, es gilt das Primat der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit“, hatte Watzke angekündigt.

Kein Wunder, dass Eintracht-Chef Heribert Bruchhagen darauf anspielt, um den Kurswechsel zu begründen: „Das Umdenken ist uns vom Markt aufgezwungen worden“, verteidigt sich der im Sommer in Rente gehende Eintracht-Chef. „Wir müssen offensiver investieren, sonst ziehen die Wettbewerber vorbei.“

Der BVB kann sich das leisten, die Eintracht nicht

Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt: Der BVB kann sich das sportliche Pressing wirtschaftlich leisten, die Eintracht eher nicht. Dort stiegen in der vergangenen Saison die Personalkosten der Bundesligamannschaft von 30,9 auf 35,8 Millionen Euro. Für die laufende Saison hat die Eintracht ihrem nicht gerade anspruchslosen Trainer Armin Veh sogar einen Etat von 38,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Die Vorgabe der Eintracht-Führung an Veh ist jetzt denn auch Tabellenplatz 9. Das ist nur recht und billig, denn andere Mittelklasseklubs der Bundesliga sind auf Sanierungskurs und mussten ihre Spieleretats zuletzt zusammenstreichen: Der VfB Stuttgart steckt seit Jahren in den roten Zahlen, Werder Bremen schleppt noch immer die Altlasten aus der goldenen Ära mit sich herum, und der Hamburger SV steckt bis zum Hals im Schuldensumpf. Die Eintracht ist offensichtlich entschlossen, diese Gelegenheit zu nutzen, um sich im oberen Bundesligamittelfeld festzusetzen – ein Kraftakt, der ihre Mittel eigentlich übersteigt: „Unser jetziger Lizenzspieleretat von 39 Millionen Euro ist aus dem laufenden Geschäft nicht refinanzierbar“, macht Bruchhagen klar.

Eintracht Frankfurt geht auf Kurs Mainz

Das zeigen auch die Planzahlen für die laufende Saison: Eintracht Frankfurt rechnet zwar erstmals mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz, aber erneut mit einem operativen Verlust von 4,5 Millionen Euro – allerdings vor Transfererlösen. Dank eines Gewinns von 8 Millionen Euro aus dem Trapp-Transfer (nach Abzug der Beratergebühren und der Auflösung seines verbliebenen Bilanzwerts) will die Eintracht 2015/16 wieder Gewinne schreiben.

An dieses Bild werden sich die Eintracht-Fans gewöhnen müssen. Der Klub geht zwar ins Risiko, um eine aussichtsreiche Truppe auf den Rasen zu schicken. Aber Transfererlöse gehören ab sofort zum Businessplan der Eintracht-Bosse. Das zweite Bruchhagen-Mantra „Wir verkaufen keine Spieler, wenn wir nicht müssen“ – es sei denn, sie haben Ausstiegsklauseln wie damals Schwegler, Jung und Rode – kann sich die Eintracht nun nicht mehr leisten.

Bruchhagen will die Eintracht trotzdem noch nicht als hessische Kopie der Managementphilosophie von Mainz 05 durchgehen lassen, wo das ertragreiche An- und Verkaufen von Spielern Alltagsgeschäft ist: „Wir sind nicht Mainz 05, wir müssen nicht immer verkaufen“, wehrt sich Bruchhagen. Aber Fakt ist: Bei einer konstanten Unterdeckung des Etats in Millionenhöhe geht die Eintracht nicht nur in Richtung Mainzer Modell, sie muss es sogar.

Zu Pass kommt der Eintracht bei diesem Strategieschwenk der enorme Preisauftrieb am Spielermarkt, bei dem die Eintracht künftig mit kassieren will. Teure, aber aussichtsreiche Spieler auch als Finanzanlage zu verpflichten, um sie dann nach ein, zwei Jahren mit Gewinn wieder zu verkaufen, das ist der Kern der neuen Eintracht-Strategie. Torjäger Haris Seferovic könnte im nächsten Sommer der erste große „Trade“ der Eintracht am Spielermarkt werden. Auch bei der Verpflichtung des holländischen Sturmtalents Luc Castaignos dürfte die Exit-Perspektive schon eine Rolle gespielt haben.   

Hellmann will für 10 Millionen Euro Genussscheine ausgeben

Die Eintracht-Führung ist sich bewusst, dass mit ihrem neuen Managementkurs das Risiko steigt. Mit einem nicht komplett gedeckten Etat die sportlichen Ziele zu verfehlen, würde im folgenden Jahr fast zwangsläufig zu Verlusten, tiefen Einschnitten bei den Gehältern und dem Verkauf von Leistungsträgern führen.

Obwohl Eintracht Frankfurt nach wie vor schuldenfrei ist, glauben Hellmann und Bruchhagen offenbar nicht, dass das gegenwärtige Eigenkapitalpolster von 5,7 Millionen Euro als Risikopuffer ausreicht. Deshalb wird die Eintracht bald Genussscheine an eine Handvoll Privatinvestoren ausgeben. Anfang November ist es laut Hellmann so weit. „In der Bundesliga ist im Moment so viel wirtschaftliche Dynamik drin, dass wir für 20 Millionen Euro Genussscheine platzieren könnten“, glaubt der Ex-Finanzchef. Aber er will es nicht übertreiben: „Zur Risikoabsicherung brauchen wir nur 10 Millionen Euro.“   

Die Eintracht will zurück nach Europa

Der bevorstehende Kapitalmarktdeal wird also kaum dazu führen, dass die Eintracht über Coach Armin Veh und Sportchef Bruno Hübner ein noch größeres Füllhorn ausschütten kann. Vernünftig ist das allemal, schließlich gelten Genussscheine zwar als Eigenkapital und müssen in Verlustjahren nicht bedient werden. Aber grundsätzlich haben auch Genussscheingläubiger Anspruch auf Zinsen, und am Ende der Laufzeit müssen die Papiere zurückgezahlt werden, wie auch jeder Kredit.

Zusätzlichen Investitionsspielraum erhofft sich die Eintracht stattdessen von den 2020 auslaufenden Verträgen mit der Stadiongesellschaft und dem Vermarktungspartner Sportfive. Hellmann glaubt, dass die Eintracht dann bis zu 10 Millionen Euro Mehreinnahmen pro Jahr erwarten darf. „Wir könnten dann unsere Etatunterdeckung abbauen und trotzdem nochmal 5 bis 7 Millionen Euro mehr in die Mannschaft stecken“, hofft der neue Finanzchef Oliver Frankenbach.

Das entspricht fast genau dem Rückstand, den das Eintracht-Management auf Etatseite derzeit noch zu den aktuellen Europa-League-Aspiranten sieht. Die internationalen Honigtöpfe sind also das klare Ziel. Doch die Ambitionen der Eintracht stehen auf wackeligem Grund.      

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mega-Deal bei Mainz 05, Bayern-Attacke bei Borussia Dortmund und erste Zeichen der Vernunft beim Hamburger SV: Mehr Beiträge aus dem FINANCE-Blog „3. Halbzeit“ finden Sie hier. Folgen Sie 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.