Fußball-WM: Warum Brasilien den Pott holt

Felipe Goifman/Thinkstock / Getty Images

11.06.14
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Fußball-WM: Warum Brasilien den Pott holt

Sonne schießt Tore, die Engländer müssen in roten Trikots auflaufen und Blonde die Elfmeter schießen: Volkswirte, Physiker und Chemiker wissen längst, wie die Teams ihre Chancen auf den WM-Pokal maximieren können. Ihre Werke sind schrullig und charmant – ein Fest für Verrückte, Zahlenfreaks und WM-Tipper.

Das Fieber steigt, morgen um 22 Uhr geht es endlich los, das Sambafest in Brasilien. Extraschichten, banges Rechnen, Trennung von der Familie: Die Wochen vor dem Kick-off waren eine harte Zeit für die zahlreichen Forscher und Finanzer, die keine Mühen gescheut haben, um den WM-Code zu entschlüsseln. Nicht alles, was sie dabei fabriziert haben, hält strengsten wissenschaftlichen Kriterien stand. Aber amüsant ist es allemal – und eine nicht zu unterschätzende Geheimwaffe für das anstehende WM-Tippspiel im Kollegen- oder Freundeskreis.

Unicredit-Volkswirt Andreas Rees: Brasilien macht‘s

Andreas Rees, im Nebenjob (sehr kluger) Chefvolkswirt für Deutschland bei der Unicredit, hat mit seinem Ökonomenteam eine Funktion mit neun Variablen entwickelt, um die Stärke der einzelnen WM-Teilnehmer zu ermitteln. Zu den Kriterien zählen unter anderem das Abschneiden der Teams bei den vergangenen Weltmeisterschaften und den Jugend-WMs, die Größe der männlichen Bevölkerung zwischen 20 und 29 Jahren oder auch der Heim- und Kontinentalvorteil, den bei der kommenden WM die Teams aus Südamerika genießen. Rees‘ Prognose: Im Finale erwartet uns der Klassiker Brasilien gegen Argentinien mit dem besseren Ende für die Selecao, im Halbfinale ist Endstation für Uruguay und Deutschland.

Der Volkswirt und sein Team wären aber keine echten Banker, wenn sie aus ihrer Rechnerei keine Handlungsempfehlung für Investoren ableiten würden: Ihre Prognosen vergleichen sie mit den offiziellen Wettquoten der Buchmacher und machen klare Ansagen: „Go long in Uruguay und Ghana“, lautet ihr Rat. Mit einer Quote von 1:26 rangiere ihr Halbfinalist Uruguay auf der Favoritenliste der Buchmacher nur auf Rang 9. Für den Weltmeistertipp Ghana – mit dem Viertelfinaleinzug von der Unicredit hoch eingeschätzt – gäbe es eine Quote von 180:1. Klare Kandidaten für Leerverkäufe seien hingegen die bei den Buchmachern „zu hoch bewerteten“ Teams aus Belgien, Portugal und Holland, die laut Rees alle nach der Vorrunde oder spätestens dem Achtelfinale nach Hause fahren werden.

Ein Software-Prognosetool für jedermann

Mit Programmiercodes sind Informatiker der Freien Universität Berlin dem WM-Spielplan zu Leibe gerückt. Die Jungs haben sogar eine Simulations-Software entwickelt, die die WM-Spiele modelliert und mit der jedermann online herumspielen kann.

Um den Zufall auszuschließen, hat das Team von Informatik-Professor Raul Rojas den Spielplan insgesamt 10.000-mal durchrechnen lassen. Ihr Ergebnis: Mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit werde eine dieser Mannschaften den Titel holen: Brasilien, Argentinien, Spanien oder Deutschland. Topfavorit der Berliner ist Brasilien. Nett, aber zu dieser Einschätzung sind viele Fußballkenner auch ohne Software-Unterstützung gekommen.

Stephen Hawking und Englands Elfmeter-Trauma

Im Auftrag eines britischen Buchmachers hat auch der weltberühmte theoretische Physiker Stephen Hawking seinen Taschenrechner ausgepackt und auf Basis aller Weltmeisterschaften seit 1966 ausgerechnet, was passieren müsste, damit England mal wieder einen WM-Titel holt.

Um die Chancen zu maximieren, empfiehlt Hawking dem englischen Coach Roy Hodgson, sein Team in roten Hemden und im 4-3-3-System auf den Rasen zu schicken. Die Chancen der Engländer, ein Match als Sieger zu beenden, stünden bei einem europäischen Referee statistisch gesehen fast doppelt so gut wie bei einem Nicht-Europäer. Die Erklärung liefert Hawking gleich mit: „Europäische Schiedsrichter sympathisieren eben eher mit dem englischen Spiel und weniger mit Ballerinas wie Uruguay-Star Luis Suarez.“

Die Anwesenheit der in England für ihre Abschlussstärke beim Shopping berüchtigten „WAGs“ (Wives and Girlfriends) habe hingegen keinen Einfluss auf die Chancen, den Titel ins Mutterland des Fußballs zu holen. Deshalb sieht Hawking auch keinen Vorteil für die bei der WAG-WM nur schwer zu schlagenden Engländer, sondern tippt ebenfalls auf die Brasilianer.

Auch wie England sein Elfmetertrauma überwinden könnte, hat Hawking herausgefunden: Lasst die Blonden schießen! Blonde Schützen jagen seiner Auswertung nach 84 Prozent ihrer Elfer ins Netz. Dunkelhaarige sind eine Katastrophe und treffen nur zu 69 Prozent. Dann sollten Trainer, denen es an Blonden mangelt, noch lieber die Kahlköpfigen zum Punkt schicken. Bei Spielern mit hautfarbener Kopfzierde beträgt die Trefferwahrscheinlichkeit immerhin 71 Prozent.

Bundestrainer Joachim Löw wäre gut beraten, noch zu recherchieren, wie die Chancen für gefärbte Blonde wie André Schürrle einzuschätzen sind – und ob Bastian Schweinsteiger noch als blond oder schon als grau gilt.

Wie Hawking seine Elfmetertheorie mit seinem WM-Tipp Brasilien unter einen Hut bringt, würde uns aber schon interessieren. Auf den Panini-Bildern der brasilianischen WM-Kicker dominiert die Haarfarbe schwarz.

Hawkings bester Verbündeter könnte die Geschichte sein, die sich gerade im ganz großen Stil wiederholt. Schauen wir zurück ins Jahr 1966: Atletico Madrid wird spanischer Meister, Real Madrid holt den Europapokal der Landesmeister, und Österreich gewinnt den Eurovision Song Contest. Fußball-Weltmeister 1966 wurde...England.

Vitamin-D: Frühstück der Champions

Nicht die Farbe der Haare oder der Trikots, sondern die Hitze im WM-Gastgeberland hält der brasilianische Biochemiker Ricardo Cassiano von der Uni Sao Paulo für WM-entscheidend. Für seine Prognose hat er Blutproben von Nationalteams aus den vergangenen 60 Jahren analysiert und die Blutwerte in Bezug zur Spielstärke und zur Torgefahr der einzelnen Teams gesetzt. „Die sportliche Leistungsfähigkeit der Kicker steigt proportional zum Vitamin-D-Spiegel an“, weiß Cassiano zu berichten. Beleg: Die höchste Vitamin-D-Konzentration fand der Forscher im Blut des früheren Stürmerstars und WM-Rekordtorschützen Ronaldo. Spannend wäre auch ein Test des Cholesterinspiegels gewesen – auch da dürfte Ronaldo ganz vorne mit dabei gewesen sein.

Auf Teamebene am besten abgeschnitten hat natürlich Brasilien, gefolgt von Spanien. Ganz hinten liegen die Australier – wegen der dortigen Sonnenschutzkampagne, die die Bildung von Vitamin-D bremse, wie Cassiano schlussfolgert. Schwarzen Hautkrebs für den WM-Titel riskieren: So weit scheinen die Aussies offensichtlich nicht zu gehen.

Team Hawking/Rees vs. Octopus Paul: Die Wette gilt

Ein Testergebnis dürfte den Modellen aller WM-Wissenschaftler in die Karten spielen: Der Zufall hat in Brasilien schlechtere Karten als bei früheren WMs. Aufwendige Windkanalversuche japanischer Wissenschaftler haben den Nachweis erbracht, dass noch nie zuvor ein WM-Ball so stabile Flugeigenschaften aufwies wie der in Brasilien zum Einsatz kommende „Brazuca“.

Einer kann sich die ganze Rechnerei aber ganz entspannt aus dem Krakenhimmel anschauen. An die Prognosesicherheit des legendären, inzwischen leider verstorbenen Tintenfischs Paul während der WM in Südafrika müssen Rees, Hawking & Co. erstmal rankommen. Wer erinnert sich nicht: Acht von acht Spielausgängen hat Paul richtig vorhergesagt. Die rechnerische Wahrscheinlichkeit für diesen Durchmarsch lag bei 1:250 oder 0,39 Prozent. Das Team Hawking/Rees vs. Octopus Paul: Top, die Wette gilt.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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