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03.06.16
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Gladbach mausert sich zum Bundesligakrösus

Rekordtransfer, Champions-League-Millionen, Marketing-Boom: Borussia Mönchengladbach bläst auch wirtschaftlich zum Angriff auf die Bundesligaspitze. Doch das Beispiel des HSV mahnt zur Vorsicht.

Jubel am Niederrhein: Mit dem Verkauf von Mittelfeldstar Granit Xhaka an Arsenal London schließt Borussia Mönchengladbach auch wirtschaftlich zur Spitzengruppe der Bundesliga auf. Rund 45 Millionen Euro bezahlt Arsenal, 15 Prozent davon gehen an Xhakas früheren Klub FC Basel. Mit den verbleibenden fast 40 Millionen kann Borussia-Manager Max Eberl auf Einkaufstour gehen, denn anders als manch anderer Bundesligaklub benötigt die Borussia die Transfereinnahmen nicht, um Löcher zu stopfen oder Schulden abzulösen. Im Gegenteil: Die Fohlen schielen wirtschaftlich eher nach oben als nach unten.

Zumindest Schalke 04, Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg, der Verfolgergruppe des Spitzenduos Bayern München und Borussia Dortmund, erwächst mit den Gladbachern ein ernstzunehmender Konkurrent. Die erstmalige Teilnahme an der Champions League trieb die Erlöse von Borussia Mönchengladbach im vergangenen Jahr auf den Rekordwert von 160,6 Millionen Euro. Das sind 30 Millionen Euro mehr als 2014 und fast 100 Millionen Euro mehr als noch vor fünf Jahren. Unter dem Strich stand ein Rekordgewinn nach Steuern von 21 Millionen Euro.

Die Champions League hat rund 20 Millionen Euro zum Umsatzplus und 10 Millionen Euro zum Rekordgewinn beigetragen. Selbst wenn die Borussia zum Start der neuen Saison in der Champions-League-Qualifikation scheitern sollte, könnte 2016 dank des Xhaka-Transfers erneut ein Rekordjahr werden. Denn nicht nur beim Umsatz schlägt der Deal mit fast 40 Millionen Euro zu Buche, sondern auch beim Gewinn. Gladbach hatte  Xhaka im Sommer 2012 für etwas weniger als 10 Millionen Euro geholt. Weil die bezahlte Ablösesumme über die Vertragslaufzeit abgeschrieben wird, dürfte Xhaka in der Borussen-Bilanz nur noch mit einem Wert von wenigen Millionen Euro stehen. Die Differenz kann Finanzchef Stephan Schippers als Gewinn verbuchen.

Gladbach hat die Kosten im Griff und noch Potential für mehr

Es ist absehbar, dass Gladbach nicht nur kurz-, sondern auch mittelfristig von der aktuellen Erfolgsserie profitieren wird, schließlich haben die Erfolge und der flotte Offensivfußball die Fohlen wieder Kult werden lassen. Das lockt neue Fans an: Im vergangenen Jahr verkaufte Gladbach erstmals mehr als 100.000 Trikots, fast so viele wie Schalke 04. Die Marketingerlöse stiegen von 11 auf 15 Millionen Euro.

Und da geht noch mehr. Der aktuelle Ausrüstervertrag mit Kappa läuft 2018 aus, der nächste Ausrüster wird Gladbach wesentlich mehr bezahlen müssen – vor allem, wenn die Borussia erneut in die Champions League einzieht und sich in der Bundesligaspitze festsetzen kann. Außerdem hat der Klub die Namensrechte am Stadion „Borussia-Park“ noch nicht vergeben – eine Entscheidung mit Seltenheitswert in der Bundesliga. Entschließen sich die Borussen, den Stadionnamen doch noch zu vermarkten, könnten sie mit weiteren 5 Millionen Euro pro Jahr rechnen. Auch bei den Kosten hält das Management Augenmaß: Die Personalkostenquote liegt bei sehr gesunden 43 Prozent vom Umsatz und damit niedriger als bei den meisten anderen Bundesligisten, von ausländischen Oberklasseklubs ganz zu schweigen.

Was macht Gladbach mit den Stadionschulden von 50 Millionen Euro?

Finanzchef Schippers und Sportchef Eberl täten aber gut daran, jetzt nicht in die Vollen zu gehen, denn ganz strahlendblau ist der Himmel über dem Borussia-Park auch nicht. Zwar sitzt Borussia Mönchengladbach auf einer Eigenkapitaldecke von 61,4 Millionen Euro, was sonst nur die beiden Topklubs aus München und Dortmund schaffen. Aber auf dem Klub lasten noch rund 50 Millionen Euro Schulden aus dem Bau des Stadions, der inklusive Trainingsgelände gut 110 Millionen Euro gekostet hat und nahezu komplett fremdfinanziert wurde.

Die Bankschulden wird die Borussia bis Ende 2017 abbezahlt haben. Dann jedoch bittet die Stadt Mönchengladbach die Borussia zur Kasse. Dieser müssen die Fohlen von 2018 an in jedem Quartal 1 Million Euro überweisen, bis dann zu Beginn der 2030er-Jahre alle Schulden abgestottert sein werden – so zumindest lautet der Plan.

Theoretisch ließe sich die Tilgung womöglich beschleunigen, und ein unerwarteter Transfererlös der Größenordnung Xhaka wäre auch ein guter Anlass für ein solches Manöver. Allerdings sind die Finanzierungslasten der Gladbacher mit 4 Millionen Euro im Jahr derzeit überschaubar und liegen sogar unter dem, was viele andere Bundesligaklubs an Stadionmiete bezahlen müssen.

Strategisch hingegen könnte es Sinn machen, mit der Stadt das Gespräch über eine Sondertilgung zu suchen, denn auch eigentlich beherrschbare Stadionschulden können einen Klub in Bedrängnis bringen, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Das beweist gerade der Hamburger SV: Seit mehr als fünfzehn Jahren hat der HSV seinen Stadionkredit brav abgestottert, und just zwei Jahre vor dem Ziel ist der Bundesliga-Dino ins Stolpern geraten: Der HSV musste einen neuen Millionenkredit aufnehmen, um von den verbliebenen Stadionschulden nicht erdrückt zu werden – dem Vernehmen nach einmal mehr bei Klubmäzen Klaus-Michael Kühne. Es geht um nicht mehr als 20 Millionen Euro. Aber bei einem angeknockten Klub wie dem HSV reicht das, um für Turbulenzen zu sorgen.

Nächster Deal: Millionenspritze von strategischen Partnern?

Bleiben die Gladbacher ihrer unaufgeregten Art des Wirtschaftens treu, werden sie nun aber erst einmal durchatmen und versuchen, das Erreichte zu konsolidieren. So wie schon 2012, als der Wechsel von Marco Reus nach Dortmund zwar den Kader schwächte, aber 17,5 Millionen Euro in die Kassen spülte. Damals steckte Gladbach das Geld in teure Neuverpflichtungen, die eine Weile brauchten, um Fuß zu fassen. Darunter war der Millionenflop Luuk de Jong aus Holland, aber auch Granit Xhaka, der zunächst ebenfalls als Fehleinkauf galt,  sich dann jedoch zum Erfolgsgaranten entwickelte. Auch in der aktuellen Situation ist zu befürchten, dass der Verlust des besten Spielers nicht spurlos an der Mannschaft vorbei gehen wird, auch wenn es am nötigen Kleingeld für Ersatz nicht mangelt.

Konsolidierung könnte auch an anderer Stelle in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Finanzchef Schippers hat öffentlich schon einmal mit dem Gedanken gespielt, wichtige Sponsoren über eine Beteiligung langfristig an den Klub zu binden. Borussia Dortmund und Bayern München haben auf diese Weise weit mehr als 100 Millionen Euro frisches Geld hereingeholt.

Ihr aktueller Lauf hat die Verhandlungsposition der Borussen erheblich verbessert. 250 bis 300 Millionen Euro dürfte der Klub mindestens wert sein. Loggen die Gladbacher jetzt einen Teil des Erreichten ein und verkaufen eine Beteiligung an einen strategischen Partner, könnten sie sich zum dauerhaften Champions-League-Teilnehmer emporschwingen. Nicht schlecht für einen Klub, der vor fünf Jahren so gut wie abgestiegen war und erst in der Relegation den totalen Absturz verhindern konnte. Mit damals fast 100 Millionen Euro Schulden wäre ein Abstieg mehr als ein kleiner Betriebsunfall gewesen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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