Krisenstimmung beim Hamburger SV: Mäzen Klaus-Michael Kühne will sein Geld zurück der HSV steht vor den Trümmern seiner Finanzpolitik.

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20.01.15
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HSV: Kühne will sein Geld zurück

Krisenstimmung beim Hamburger SV: Mäzen Klaus-Michael Kühne will sein Geld zurück, der HSV steht vor den Trümmern seiner Finanzpolitik. Ab 2016 wird es richtig eng.

Damit hat in Hamburg keiner gerechnet: Der unerschütterliche HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne hat die Schnauze voll und will sein Geld zurück. Anstatt ein von Kühne bereit gestelltes Darlehen über 25 Millionen Euro wie geplant in Anteile zu wandeln, muss der Hamburger SV den Kredit jetzt bis 2017 in Raten abstottern. Kühnes Kehrtwende könnte beim HSV noch hohe Wellen auslösen: Spätestens jetzt, da der Klub Kühnes Rückhalt verloren hat, ist die finanzielle Lage so prekär wie die sportliche.

Für den Moment ist die Lage noch beherrschbar, in diesem Jahr muss der HSV nur einen kleinen Teil des Kredits von 2 Millionen Euro an Geldgeber Kühne zurückzahlen. 2016 und 2017 werden dann aber satte 23 Millionen Euro fällig. Und damit nicht genug: Selbst wenn der HSV das überlebt, steht 2019 direkt die Rückzahlung der Fananleihe über 17,5 Millionen Euro an. Für ein gesundes Unternehmen wären diese Fälligkeiten dank der noch recht langen Laufzeiten keine große Bedrohung. Aber der neue HSV-Finanzchef Frank Wettstein wird wohl schon jetzt jeden Morgen die Uhr ticken hören, wenn er ins Büro kommt, denn die Lage beim Bundesliga-Urgestein ist ernst.

Vor den Banken „die Hosen heruntergelassen“

Die Schicksalsfrage bleibt, wie Finanzchef Wettstein und der ebenfalls neue Aufsichtsrats-Chef Karl Gernandt die nötigen Mittel auftreiben wollen, um Kühne auszuzahlen. Vor Banken hätte der HSV im Herbst „die Hosen heruntergelassen“, zitierte die Bild-Zeitung Gernandt kürzlich – die neue HSV-Spitze will anscheinend Transparenz schaffen, um Vertrauen zurückzugewinnen.

In der Zwischenzeit verhandelt Wettstein offenbar über eine Umschuldung der Immobilienkredite. Presseberichten zufolge will er die Restschulden, die noch auf dem Stadion liegen, mit der Finanzierung für den „HSV-Campus“, das neue Nachwuchszentrum, bündeln und so die Zinslast senken. Aber ein langsam in die Jahre kommendes Stadion und ein Entwicklungsprojekt, das bislang nur auf dem Papier existiert, passen ungefähr so gut zusammen wie zuletzt die einzelnen Mannschaftsteile des HSV.

Und selbst wenn es Wettstein tatsächlich gelingen würde, mit einem kreativen Deal die Immobilienfinanzierungen neu aufzusetzen, müsste der Finanzchef das Stadion und das Campus-Grundstück vermutlich wieder mit neuen Schulden aufladen, damit dem HSV dabei auch neues Geld zufließt. Allerdings ist unklar, ob dafür in der Bilanz und bei den Immobilien überhaupt noch Spielraum ist. Sicher: Der Immobilien-Deal könnte dem HSV etwas Linderung verschaffen. Retten wird er den Verein aber nicht.

Kühnes Absage ist eine Hypothek für die Investorensuche

Das zweite große Asset des HSV neben der Arena ist sein Kader, aus dem sich aber kurzfristig wohl nicht viel Geld herausholen ließe. Spieler, die einen nennenswerten Transfererlös versprechen, sucht man beim HSV seit dem Weggang Calhanoglus vergebens. Teuer sind die Kicker irgendwie immer nur dann, wenn der HSV sie kauft.

Damit bleibt zur Liquiditätsbeschaffung nur noch die Suche nach neuen Investoren. Aber der Start hätte nicht schlechter laufen können. Die Unternehmensberatung KPMG hat den Unternehmenswert des HSV in einem Wertgutachten auf 330 Millionen Euro beziffert. Kühne muss aus allen Wolken gefallen sein, als er von dieser Zahl gehört hat: „Ihm sind die Anteile in der jetzigen Situation zu teuer“, erklärte sein Vertrauter Gernandt gegenüber Medien. Aber wenn schon der Edel-Fan Kühne abwinkt, dem es an Geld ja nun wirklich nicht mangelt – mit welchen Argumenten will der HSV dann andere Investoren von sich überzeugen?

Die Monster-Bewertung passt nicht zur Ertragskraft des HSV

Sollte die KPMG-Bewertung bei der Investorensuche tatsächlich die Benchmark sein, wäre diese Hürde sehr, sehr hoch. Abzüglich der Nettofinanzschulden des HSV, die Ende Juni 2013 bei über 50 Millionen Euro lagen und in der abgelaufenen Saison bis zum Juni 2014 eher noch gestiegen sein dürften, errechnet sich aus den KPMG-Zahlen ein Wert des Eigenkapitals von rund 280 Millionen Euro. Kühne hätte für sein Darlehen über 25 Millionen Euro also nicht einmal 10 Prozent der Anteile bekommen – geliebäugelt hatte er im vergangenen Jahr Medienberichten zufolge eher mit 20 bis 25 Prozent.

Dass Kühne abgewunken hat, ist angesichts dieser Eckdaten kein Wunder. Rechnen wir: Legt man eine „marktübliche“ Bewertung zu Grunde, bei der der Unternehmenswert dem 7-fachen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) entspricht, müsste der HSV pro Saison ein Ebitda von 47 Millionen Euro erwirtschaften, um einen Unternehmenswert von 330 Millionen Euro zu rechtfertigen.

Selbst wenn man den HSV als Turnaround-Kandidaten mit starker Marke und hohem Ertragspotential einstuft und dem Klub eine Bewertung in Höhe des 9-fachen Ebitda zugesteht, müsste der HSV dafür sehr zeitnah immer noch ein Ebitda von 37 Millionen Euro abliefern. Und was für ein Ebitda hat der HSV zuletzt erwirtschaftet? In der Saison 2012/13 waren es 12 Millionen Euro, in der Saison davor 20 Millionen Euro. Nun ja. Die von KPMG errechnete Bewertung ist jedenfalls sportlicher als mitunter die Darbietungen des kickenden Hamburger Personals.

Personalkosten: Riesen-Chance bereits verstrichen

Wie könnte der HSV in seine Monster-Bewertung hineinwachsen? Für die Chance auf deutlich höhere Umsätze mangelt es dem Klub an einer Champions-League-Perspektive. Blieben noch die Kosten: Mit 63 Millionen Euro leistet sich der HSV zurzeit Personalausgaben in Höhe von 54 Prozent des Umsatzes. Selbst bei den ausgabefreudigsten Bundesligaklubs Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04 machen die Personalkosten nur zwischen 40 und 48 Prozent der Umsätze aus.

Das verspricht Einsparpotential. Und dass im Sommer die Verträge von 14 Spielern auslaufen, wäre eigentlich die große Chance, die Gehaltskosten in Richtung der eigentlich geplanten 40 Millionen Euro zu drücken. Aber der HSV hat im vergangenen Sommer schon wieder so viele neue Spieler geholt, dass er selbst nach einem großen Ausmisten im Sommer nicht einmal in die Nähe des angepeilten Kostenniveaus kommen dürfte – zumal noch in diesen Wochen erneut neue Spieler geholt werden sollen.

So soll zum Beispiel für 6 Millionen Euro der Stürmer Josip Drmic aus Leverkusen kommen. Die Ablösesumme plant der HSV angeblich solide zu finanzieren – indem die Hamburger sie über drei Jahresraten abstottern. Damit die Gelder auch ja genau dann fällig werden, wenn auch Kühne ausbezahlt werden muss.

Wird ein Otto-Erbe der neue Kühne?

Und was macht man in Hamburg gerne, wenn es eng zu werden droht? Man besinnt sich auf das, was in der guten alten Zeit funktioniert hat. Glaubt man Hamburger Zeitungsberichten, hat der HSV jüngst Alexander Otto, den Erben des Hamburger Otto-Konzerns, auf einen möglichen Zuschuss zum Bau des HSV-Campus angesprochen. Gut, dass die Hamburger Kaufmannstradition so viele erfolgreiche Unternehmer hervorgebracht hat.

Ob es Otto interessiert, dass der HSV die für den Campus-Bau benötigten Gelder offiziell eigentlich ja schon längst über die Fananleihe bei seinen Anhängern eingesammelt hat? Dass die 17,5 Millionen Euro der Fans stattdessen im Tagesgeschäft verbrannt worden sind, regt im Umfeld des Vereins – so scheint es – kaum jemanden groß auf, zumindest jedenfalls wohl niemanden mit Einfluss. Aus der Ferne betrachtet wirkt es so, als schauten sie in der Hansestadt auf den HSV wie die Politik-Interessierten auf die FDP: Mit einer Mischung aus Faszination und Fassungslosigkeit, wie sich eine Institution nur derart selbst zerlegen kann.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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