Trainer Bruno Labbadia (links) und sein Team sind auf dem Weg zum Klassenerhalt. Die geplante neue Anleihe könnte die Lage beim HSV noch weiter stabilisieren.

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06.04.16
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Neue HSV-Anleihe: Befreiungsschlag oder volles Risiko?

Die Platzierung einer neuen Anleihe wäre ein Meilenstein für die Sanierung des Hamburger SV. Die Frage ist, ob der HSV reif genug ist, mit einer solchen Lage professionell umzugehen.

Stimmen die Berichte der „Bild“-Zeitung – was in der Regel der Fall ist –, dann ist der Hamburger SV dem Teufel schon weiter entkommen als viele glauben. Offenbar steht Finanzchef Frank Wettstein, der den HSV noch vor wenigen Wochen gegenüber FINANCE als „Sanierungsfall“ bezeichnet hatte, kurz davor, bei Profi-Investoren eine neue Anleihe unterzubringen. Mit den im Raum stehenden 40 Millionen Euro wäre sie groß genug, um die kurzfristig fällig werden Finanzschulden abzudecken: Deren Höhe hatte der HSV bei der Bilanzvorlage im November auf fast 38 Millionen Euro beziffert. Der Großteil entfällt auf die noch übrige Stadionschuld von 25 Millionen Euro.

Dank neuer Anleihemillionen hätte die Vereinsführung auch erst einmal Luft, um noch nicht bezahlte Ablösesummen in Höhe von netto rund 9 Millionen Euro zu begleichen. Außerdem könnte dann auch die Rückzahlung der 2019 fällig werdenden Fananleihe über 17,5 Millionen Euro ohne Stress und Panik vorbereitet werden, was man nicht von jeder Finanztransaktion der jüngeren HSV-Geschichte behaupten kann.

Wettstein und Labbadia haben geliefert – jetzt muss Beiersdorfer

Der wichtigste Vorteil einer erfolgreichen Anleiheemission wäre aber, dass der HSV so vermeiden könnte, Gelder von der Mannschaft zu den Gläubigern zu tragen, um die Stadionschulden loszuwerden. Dieses Risiko halten Wettstein und HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer augenscheinlich für nicht vertretbar: „Wir müssen auch investieren können“, sagte Wettstein gegenüber FINANCE als Antwort auf die Frage, warum er die Schulden restrukturieren will. Außerdem folgen auch nach der Rückzahlung der Stadionschulden wieder Fälligkeiten, die nur dann vernünftig bedient werden können, wenn der HSV finanziell nicht mehr blutet.

Es zeichnet sich ab, dass dieser Punkt bald erreicht werden könnte. Die laufende Saison bezeichnet Finanzchef Wettstein noch als „Übergangsjahr“, ab nächster Saison soll es dann nach langer Zeit endlich so weit sein, dass der HSV keine Verluste mehr schreibt. Dabei hilft, dass neben Wettstein – der gerade dabei ist, die Finanzlage in den Griff zu bekommen – auch Trainer Bruno Labbadia geliefert hat. Zu den Abstiegsplätzen hält der HSV schon die gesamte Saison über Sicherheitsabstand.

Immer noch abhängig von Gönner Kühne

Damit verlagert sich die Bringschuld jetzt langsam zu Beiersdorfer. Dank der Arbeit von Labbadia und Wettstein könnte sich dem Vereinschef in diesem Sommer zum ersten Mal die Chance bieten, selbst zu gestalten und den HSV zu professionalisieren. Dann muss der frühere Profifußballer zeigen, dass er nicht in die gleiche Falle tappt wie seine glücklosen Vorgänger. Diese hatten jede neue Finanzspritze genutzt, um mit Hilfe zusätzlicher Kaderinvestitionen den HSV krampfhaft an die Bundesligaspitze zu hieven – in der naiven Vorstellung, anschließend von dort aus dann die Finanzen zu konsolidieren. Die Folgen dieser Politik sind bekannt.

Zweifellos wird – und muss – auch Beiersdorfer Wettstein einen Teil der neuen Millionen wegnehmen und sie ins Team stecken. Offen ist, wie üppig er zugreift und ob die Kaderinvestitionen in Zukunft einer Idee folgen oder wieder nur der Trophäenlust der HSV-Oberen.

Anlass zur Hoffnung gibt, dass sich selbst im überdrehten Umfeld des HSV nur schwer der Eindruck breit machen kann, mit einer neuen Anleihe und dem Stopfen der Verlustquellen sei die Sanierung schon erfolgreich abgeschlossen. Finanzschulden von 56 Millionen Euro und Gesamtschulden von 90 Millionen Euro sorgen dafür, dass noch mehr als genug Finanzierungspartner vom HSV ihr Geld zurückbekommen wollen, bevor die Bahn frei würde für einen Angriff auf die Bundesligaspitze.   

Immerhin sollte es nach einer geglückten Umschuldung brenzlige Situationen wie im abgelaufenen November nicht mehr geben, als der ewige Gönner Klaus-Michael Kühne dem HSV auf die Schnelle fast 10 Millionen Euro pumpen musste, damit der Klub seine Rechnungen bezahlen konnte. Ein Umsatz von 113 Millionen Euro und ein operativer Gewinn von 25 Millionen Euro – wie für diese Saison geplant – sollten ein professionelles Unternehmen eigentlich in die Lage versetzen, über den Jahresverlauf hinweg liquide zu bleiben.

Zwei Drittel der möglichen Anteile hat der HSV schon zu Geld gemacht

Die Zeit dafür, einen stabilen Zustand zu erreichen, neigt sich langsam dem Ende zu. Durch die Ausgliederung der Profiabteilung im Sommer 2014 wurde es dem Management ermöglicht, bis zu 24,9 Prozent der HSV-Anteile zu Geld zu machen. 15 Prozent wurden schon für zusammen rund 38 Millionen Euro verkauft. Weitere 10 Prozent liegen noch im Schaufenster. Das lässt weitere 25 bis 30 Millionen Euro erwarten – dann wäre Feierabend. Und einen Teil der noch nicht eingeworbenen Gelder wird der HSV auch in dieser Saison wieder benötigen, um im Tagesgeschäft anfallende Millionenverluste auszugleichen.   

Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Zukunft des HSV wird auch der bevorstehende Sprung bei den TV-Erlösen haben. Kommt Beständigkeit in den Klub, könnte von der DFL ab nächsten Sommer genau jener finanzielle Rückenwind kommen, der die Segel des Klubs wieder aufrichtet und den HSV in den sicheren Hafen einlaufen lässt. Doch der Millionenregen erhöht auch den Einsatz, der auf dem Spiel steht. Verpulvert der HSV die Gelder so wie in der Vergangenheit und steht am Ende wieder nur mit einem aufgeblähten, viel zu teuren Luxuskader da, dürfte es dem finanziell ausgezehrten Traditionsverein schwerfallen, sich ein weiteres Mal aus einer solchen Lage zu befreien.

Der Sanierungskurs wird Altlasten erzeugen

Und es bleiben noch weitere Fragen über den Tag hinaus. Eine ist, ob die Aktionärsstruktur des HSV für das Management noch beherrschbar ist, wenn am Ende der häppchenweise vollzogenen Anteilsverkäufe zehn oder mehr Unternehmer glauben, mitreden zu können, obwohl sie nur kleinste Beteiligungen haben. Dann wäre der HSV wieder ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und Hahnenkämpfe.

Außerdem müssen sich HSV-Fans darauf einstellen, dass eine derart umfangreiche Restrukturierung, wie sie der HSV durchlaufen muss, Altlasten erzeugt. Diese könnten die Wiederauferstehung des Klubs bremsen.

Einen Vorgeschmack gibt diese Meldung: So soll sich der HSV von einem Gönner 4,5 Millionen Euro für Transfers gepumpt haben – gegen die Ausgabe eines Besserungsscheins. Das lässt darauf schließen, dass ein nennenswerter Teil der später eventuell anfallenden Transfergewinne in die Taschen des ominösen Geldgebers fließen wird und nicht in die Kassen des Klubs. Damit droht dem HSV am Ende seines langen Marsches zur sportlichen und finanziellen Genesung die Situation, dass gute Spieler weg gekauft werden, die Ablösesummen aber nicht beim HSV landen, sondern bei den alten Helfern in der Not.

Bei aller augenblicklichen Euphorie in Hamburg gehört auch dies zur Gesamtbetrachtung der Lage: Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Finanzchef Wettstein bei neuen Investoren frische Millionen einwerben muss.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Finanzspagat beim FC St. Pauli, Sanierungserfolge bei Schalke 04, Risikokurs bei Eintracht Frankfurt und vieles mehr: Weitere Fußballfinanzanalysen finden Sie auf dem FINANCE-Blog „3. Halbzeit“. Außerdem: Folgen Sie der 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.

Wer ist der Mann, der um die Sanierung der HSV-Finanzen kämpft? Erfahren Sie mehr im FINANCE-Köpfe-Profil von HSV-Finanzchef Frank Wettstein.