"Fan-Marsch" der Anhänger des MSV Duisburg nach dem Lizenzentzug im vergangenen Frühjahr: Die Fans haben einen großen Anteil an der Rettung der Zebras.

MSV Duisburg

03.04.14
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Schuldenschnitt beim MSV Duisburg

Nach einem Haircut von 80 Prozent ist der Traditionsverein MSV Duisburg gerettet. Im Vergleich zu Duisburg sind Griechenland und Venezuela für Investoren ein Ponyhof.

„Schulden sind kein Problem, so lange man die Zinsen bezahlen kann.“ Dieses legendäre Bonmot von Ex-Schalke-CFO Jupp Schnusenberg reicht, um zu verstehen, warum es so vielen Fußballklubs den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn es auf dem Platz nicht läuft. Aktuelles Beispiel: Der MSV Duisburg.

Glücklich sind all jene, die nur Gläubiger von Argentinien oder Griechenland waren – beim MSV müssen die Geldgeber richtig bluten. Einen Schuldenschnitt von 80 Prozent haben die Zebras mit ihren rund einhundert Gläubigern durchgezogen – außen vor blieb nur die DFL, deren Forderungen über 400.000 Euro von dem Schuldenschnitt ausgenommen sind. Manche Gläubiger haben auf weniger als 80 Prozent verzichtet, zum Beispiel das Internationale Bankhaus Bodensee, bei dem außer der Risikoabteilung wohl nur der Fußballgott höchstselbst weiß, warum die Marktseite einem Klub wie dem MSV Kredit gegeben hat. Dafür haben andere Gläubiger sogar auf all ihre Forderungen gegen den Traditionsverein verzichtet. Solche Geschichten schreibt wirklich nur der Fußball.

Dank des Schuldenschnitts sinken die Verbindlichkeiten des MSV nun um 15 Millionen. Die Frage, wie ein langjähriger Zweitligaverein einen Schuldenberg von rund 20 Millionen Euro anhäufen konnte, ist müßig – auch so eine Finanzierungsgeschichte schreibt nur der Fußball. Jedenfalls war die Finanzlage der Zebras so prekär, dass die DFL dem MSV im vergangenen Jahr die Lizenz für die Zweite Liga verweigerte. Seitdem kickt der Klub in der Dritten Liga.

Fananleihe soll den MSV Duisburg zurück nach oben bringen

Aber nun sehen die Zebras wieder Land. Von den Altlasten befreit, soll in der kommenden Saison das Projekt Wiederaufstieg in Angriff genommen werden – und die nächste Finanztransaktion. Seit einem halben Jahr schon bietet der MSV eine Fananleihe über bis zu 5 Millionen Euro feil. Kurios: Obwohl jeder weiß, dass der MSV fast ein Jahr lang de facto pleite war, sind für 400.000 Euro Bonds gezeichnet worden, vornehmlich von Fans. Im Vergleich zu ihnen wirken die Käufer venezolanischer Staatsanleihen wie stockkonservative Value-Investoren.

Sobald der Schuldenschnitt dem MSV aber die Lizenz für die nächste Saison gesichert hat, sollen dann auch „Investoren angesprochen werden, für die die Anleihe auch wirtschaftlich ein Anreiz ist“. Glück auf, liebe Zebras, kann man da nur sagen.   
 
Doch wie auch immer die Resonanz auf die Fananleihe ausfallen wird: Es werden am Ende nicht die möglichen neuen Investoren gewesen sein, falls der MSV wieder zurück in die Spur findet. Auch diesmal hat ein Traditionsklub seine neue Chance nicht seinen Fans oder seinen Investoren zu verdanken, sondern zwei Klassikern der Fußballwelt: einem großzügigen Mäzen und Finanzspritzen der öffentlichen Hand.

Die Lebensversicherung: OB Sören Link im MSV-Schal

Es ist ein Segen für den MSV, dass er mit Gerald Kassner, dem Chef des Tourismusunternehmens Schauinsland, nach Walter Hellmich erneut einen Gönner gefunden hat, bei dem Herzblut die Kaufmannsdenke übertrumpft. Kassner hat viel eigenes Geld in den Klub gepumpt und Presseberichten zufolge auch Schulden diverser (auch öffentlicher) Gläubiger aufgekauft, um die Rettung abzusichern. Da kann Abramowitsch in London noch so viele Edelkicker anschleppen – so viel Liebe wie Kassner in Duisburg wird dem Ölbaron in Chelsea nie entgegenschlagen.  

Auch die Stadtwerke beteiligen sich an dem Schuldenschnitt, zudem übernimmt die Stadt die Mehrheit an der Stadiongesellschaft und senkt die Stadionmiete des MSV für die Dritte Liga auf 900.000 Euro – von bislang völlig irrwitzigen 5 Millionen, fast so viel wie mancher Bundesligaklub zahlt. Ob sich auch in Duisburg so viel Widerstand gegen die Rettung des Klubs durch die Stadt formieren wird wie in Kaiserslautern? Noch halten sich die Kritiker zurück, aber auch die Stadt Duisburg schwimmt nicht gerade im Geld.

Dass die Stadt trotzdem eingreift, hat der MSV wohl vor allem seinen Fans zu verdanken, denn die Anhänger haben den Stadtoberen ein klares Zeichen gesetzt: Seit dem Lizenzentzug im vergangenen Frühjahr ist die Zahl der Mitglieder um fast 50 Prozent auf 6.600 gestiegen. Über 13.000 Zuschauer schauen sich im Schnitt die sportlich eher tristen Drittliga-Kicks gegen Gegner wie Wehen Wiesbaden und den SV Elbersberg an – fußballerische Rohkost für die ganz Hartgesottenen. Doch ihre Botschaft ist klar: Der MSV soll leben.

Die beste  Lebensversicherung für die Zebras sind dabei die Bilder von Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link im MSV-Dress, mit Mikro in der Hand vor den Fans. Wenn Link jetzt bei der Rettung gekniffen hätte, würde in der Ruhrmetropole der Mob toben. Auch so lässt sich eine Passivseite restrukturieren.        

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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