Jubelstimmung beim Karnevalsverein: Der 1.FC Köln stürmt auch in der TV-Tabelle der Bundesliga nach vorne. Es winkt ein warmer Millionenregen.

Anke Waelischmiller/Sven Simon/picture alliance

07.01.16
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TV-Gelder 2016: Diese Klubs hoffen, diese Klubs zittern

Hinter den Top 6 der Bundesliga liefern sich die Traditionsklubs einen engen Kampf um die TV-Millionen. Im Sommer könnten die Geldtöpfe zu wandern beginnen – ausgerechnet hin zu den Karnevalsvereinen.

Die Bundesliga-Hinrunde ist vorbei, und an der Spitze zeigt sich das bekannte Bild: Bayern München vor Borussia Dortmund. Axel Hellmann hat das bissig kommentiert: „Meister werden immer die Bayern. Das eigentlich Spannende an der Bundesliga ist inzwischen doch das Abschneiden der Klubs in der fünfjährigen TV-Gelder-Tabelle“, sagte der Vorstand von Eintracht Frankfurt vor einigen Wochen.

Recht hat er, denn im Fünf-Jahres-Ranking tobt ein extrem intensiver, enger Wettstreit um die besten Plätze bei der Verteilung des millionenschweren und immer schneller größer werdenden TV-Kuchens. Beteiligt sind vor allem die Traditionsklubs. Während sich auch in der TV-Gelder-Tabelle die Top-Klubs aus München, Dortmund, Leverkusen, Mönchengladbach, Gelsenkirchen und Wolfsburg abgesetzt haben, geht es dahinter zur Sache – auch weil vermeintliche Außenseiter wie Mainz 05 und der FC Augsburg das Fünfjahresranking derzeit kräftig aufmischen.

Und die Rangfolge ist beileibe kein Spleen von Fußballmanagern wie Hellmann. Es ist absehbar ist, dass die DFL im Frühjahr bei der Neuvergabe der Fernsehrechte einen erheblichen Preisaufschlag herausverhandeln wird. Die Schätzungen der Zuwächse reichen von 50 bis 100 Prozent. Da ist es für die Klubs in dieser Saison eminent wichtig, sich in der Mehrjahrestabelle gut zu platzieren. Schließlich können sie nur dann richtig von dem Geldregen profitieren, der der Bundesliga in den kommenden Jahren ins Haus steht. Fallen sie hingegen zurück, droht ihr Rückstand zementiert zu werden, indem die Wettbewerber noch höhere Mehreinnahmen einstreichen.

Hertha BSC könnte einen Riesensprung machen

Der Winterpausenstand der TV-Tabelle ist bemerkenswert. Bliebe die Bundesligatabelle so wie zum Abschluss der Hinrunde, würde sich ausgerechnet Mainz 05 zum ersten Verfolger des Führungs-Sextetts aufschwingen. Zum Saisonstart standen die Mainzer noch auf Platz 9. Jeder Platz weiter oben bedeutet für die nächste Saison rund 1,2 Millionen Euro an Mehreinnahmen. Und tritt der neue TV-Vertrag ab übernächster Saison in Kraft, könnte jeder Platz sogar gut und gerne 2 Millionen Euro wert sein. Gut für die Mainzer, die es aktuell auf 411 Punkte bringen: Mit  dem FC Augsburg liegt der ärgste Verfolger zwar nur 4 Punkte zurück, dahinter klafft aber schon ein gehöriges Loch zum Rest des Feldes.

Dieses wird aktuell vom Überraschungsteam der Hinrunde angeführt: Für Hertha BSC stehen gegenwärtig 393 Punkte zu Buche. Schafft es die Hertha, den dritten Tabellenplatz zu halten, könnte sie sich gegenüber der Vorsaison im TV-Gelder-Ranking um sage und schreibe sechs Plätze verbessern. Das wären über 8 Millionen Euro mehr TV-Einnahmen für Hertha-CFO Ingo Schiller, dem es gerade erst gelungen ist, die Hertha dank des Einstiegs des US-Finanzinvestors KKR von ihrem immens hohen Schuldenberg zu befreien.

20 Prozent mehr Etat für Hertha-Trainer Pal Dardai?

Aktuell macht Hertha rund 80 Millionen Euro Umsatz. Der sportliche Höhenflug der Mannschaft könnte dem Klub in der nächsten Spielzeit also allein dank des Aufstiegs im TV-Ranking ein Umsatzplus von 10 Prozent bescheren. Schiller könnte dadurch den Spieleretat um mehr als 20 Prozent auf rund 45 Millionen Euro aufstocken. Damit würde die Hertha ins obere Mittelfeld vorstoßen, Trainer Pal Dardai stünde mehr Geld zur Verfügung als etwa seinen Kollegen bei Eintracht Frankfurt und dem VfB Stuttgart – und die Mittel wären sogar selbst verdient. Beide Kontrahenten wollen zwar auch ihre Etats hochfahren, brauchen dafür aber Geld von außen: Der VfB Stuttgart will die Profiabteilung ausgliedern und strategische Investoren am Profigeschäft beteiligen, während Eintracht Frankfurt in Kürze Genussscheine an befreundete Banker und Unternehmer verkaufen will.

Falls die Hertha in der Rückrunde allerdings ins Mittelfeld zurückfallen sollte und gleichzeitig die Rivalen Eintracht Frankfurt, Hannover 96 und TSG Hoffenheim aus dem Tabellenkeller herauskämen, wäre der schöne Traum dahin. Dann nämlich könnte die Hertha im TV-Ranking ohne weiteres wieder auf Platz 12 oder 13 abrutschen, und die erhofften Mehreinnahmen würden von 8 auf 2 bis 3 Millionen Euro zusammenschrumpfen.

Hannover und Hoffenheim verspielen ihre guten Platzierungen

Die große Unbekannte bei der Verteilung der TV-Töpfe für die kommende Saison ist der Abstiegskampf, in dem völlig überraschend nicht die beiden krassen Außenseiter Darmstadt 98 und FC Ingolstadt stecken, sondern ambitionierte Klubs wie Hoffenheim, Hannover, Stuttgart und Frankfurt. Ob tatsächlich zwei von ihnen den Weg in die Zweite Liga antreten müssen oder es am Ende doch die beiden Aufsteiger erwischt, hat große Auswirkungen auf die Fünfjahrestabelle.

Das zeigt das Beispiel von Hannover 96 und der TSG Hoffenheim, die zur Winterpause die beiden Abstiegsränge in der Bundesliga besetzen. Halten sie die Klasse, würden sie sich am Saisonende im Fünfjahresranking wohl zwischen Platz 10 und 12 widerfinden und damit mehrere Klubs um zwei Plätze nach hinten drängen. In der Gefahrenzone befinden sich Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, VfB Stuttgart sowie der HSV und der 1.FC Köln – und vielleicht sogar auch Hertha BSC.

Für alle Traditionsklubs, die die Klasse halten, wäre es daher mit Blick auf die TV-Tabelle besser, wenn Darmstadt und Ingolstadt in der Bundesliga blieben und etablierte Konkurrenten wie Hannover und Hoffenheim absteigen würden. Denn auch die beiden wahrscheinlichen Aufsteiger RB Leipzig und SC Freiburg haben viel zu wenig Punkte, um den Arrivierten im Mehrjahresvergleich gefährlich zu werden. Dann wären in der nächsten Saison die hintersten vier Plätze im TV-Ranking zementiert, und alle anderen Mittelklasseklubs könnten ihre Platzierungen halten oder sogar verbessern.

Dem 1.FC Köln stehen goldene Jahre bevor

Ein Klub kann dieses unübersichtliche Treiben ziemlich entspannt verfolgen: Ausgerechnet der 1.FC Köln, der im TV-Ranking aktuell bestenfalls Platz 14 erreicht. Bei den Kölnern fallen in den nächsten beiden Spielzeiten nur sehr wenige Punkte aus der Wertung, weil die Geißböcke in den entsprechenden Wertungsjahren in der Zweiten Liga spielten.

Damit ist klar: Sofern er weiter so solide spielt wie seit dem Wiederaufstieg im Sommer 2014, wird es den FC in den kommenden zwei Jahren in der TV-Tabelle automatisch nach oben spülen. Allein durch diesen statistischen Effekt könnten die Kölner spätestens in der übernächsten Saison an Hamburg, Bremen, Stuttgart und Hannover vorbeiziehen, selbst wenn keiner der Genannten vorher absteigt. Es ist nicht ohne Ironie: Während die von reichen Unternehmern dominierten Klubs aus Hannover und Hoffenheim ums Überleben kämpfen, schicken sich ausgerechnet die beiden Karnevalsvereine Mainz und Köln an, das von Eintracht-Manager Hellmann ausgerufene Bundesliga-Rennen für sich zu entscheiden.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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