Werder Bremen am Boden: Die Mannschaft steckt im Tabellenkeller, und in der Bilanz türmen sich Millionenverluste auf. Die wirtschaftliche Situation des Nordklubs ist brandgefährlich.

dpa / picture alliance / augenklick/firo Sportphoto

21.10.14
Blogs

Werder Bremen: Die Uhr tickt

Auf der Zielgeraden der jahrelangen Sanierung drohen die Altlasten Werder Bremen nun doch noch in die Tiefe zu reißen. Die wirtschaftliche Lage ist brandgefährlich.

Böses Erwachen an der Weser: Der Plan der Werder-Führung, mit einer weiteren Saison im Mittelfeld die Altlasten der Champions-League-Ära endgültig auszuschwitzen, droht in der Katastrophe zu enden. Die Mannschaft steht am Tabellenende, und die Nerven liegen blank. Geht Werder Bremen jetzt etwa im letzten Drittel des Sanierungslaufs k.o.? Fakt ist: Seit der Saison 2010/11 verbrennt Werder pro Saison rund 10 Millionen Euro Eigenkapital. Die Vereinsführung erwartet, dass das einstmals komfortable Eigenkapitalpolster von 40 Millionen Euro am Ende dieser Saison aufgebraucht sein wird.

Aus kaufmännischer Sicht befinden sich die Werder-Chefs um CFO Klaus Filbry scheinbar auf dem richtigen Weg. Im Einklang mit dem Umsatz, der zwischen den Spielzeiten 2009/10 und 2012/13 um über 30 Prozent von 130 auf rund 90 Millionen zurückgegangen ist, haben Filbry & Co. die Personalkosten um 23 Prozent von 63 auf 49 Millionen Euro gedrückt. In der Saison 2013/14 – die genauen Zahlen werden im November vorgelegt – dürften sich beide Trends fortgesetzt haben. Zudem hat Filbry jüngst ein Programm zur Senkung der Materialkosten um 3 Millionen Euro aufgelegt, und spätestens im nächsten Sommer werden die teuersten Spielerverträge alle ausgelaufen sein.

Allerdings haben die Werder-Oberen am Transfermarkt lange Zeit noch weiter hingelangt und allein in der Saison 2012/13 fast 20 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben. Die nüchterne Bilanz: Das Duett aus Kostenabbau und mutigen Investitionen hat nicht funktioniert.

Werder steckt tief in der Verlustzone

Ergebnis der gew. Geschäftstätigkeit in Mio. €

Quelle: Werder Bremen

Die Infront-Millionen sind eine bittere Medizin

Dennoch sollen jetzt ausgerechnet neue Investitionen helfen, das Ruder herumzureißen. Werder hat vor wenigen Tagen den Vermarktungsvertrag mit der Firma Infront von 2019 bis 2029 verlängert und dafür geschätzt 9 Millionen Euro kassiert – Geld, das im Winter in neue Spieler investiert werden soll.

Doch die Infront-Millionen sind eine bittere Medizin. Viele Bundesliga-Manager sind der Meinung, dass die Infront-Deals die teuersten Finanzierungen sind, die es im Profifußball gibt. Hertha BSC Berlin zum Beispiel hat im Winter die Millionen, die der Klub vom Finanzinvestor KKR erhalten hat, umgehend genutzt, um Rechte zurückzukaufen und damit einen größeren Teil der künftigen Erlöse im Verein zu halten. Und Eintracht Frankfurt, von der Infrastruktur, dem Etat und den Finanzen in etwa auf Augenhöhe mit Werder Bremen, versucht gerade alles, um eine vorzeitige Verlängerung des Infront-Vertrags, der 2020 ausläuft, zu verhindern. Eintracht-CFO Axel Hellmann will aus einer Position der Stärke heraus mit den Schweizern verhandeln.

Werder hingegen steht jetzt gerade mit dem Rücken zur Wand. Ergebnis: Der Infront-Deal wird die Erlösbasis der Bremer bis ins Jahr 2029 hinein schmälern im Vergleich mit dem, was in der Eigenvermarktung erzielbar gewesen wäre. Die Einnahmen, die Werder in dieser Zeit entgehen werden, dürften die jetzt kassierten 9 Millionen Euro um ein Vielfaches übersteigen.

Allerdings sollte man nicht so leicht den Stab über Werder Bremen brechen, denn ansonsten haben die Hanseaten eine weiße Weste, wenn es um die schnelle Vereinnahmung künftiger Erlöse geht: Weder den Stadionnamen noch die Catering-Rechte hat der Klub abgestoßen, Bankschulden existieren so gut wie keine, und es ist auch noch kein Großinvestor à la Klaus-Michael Kühne an Bord. Das sind nicht zu verkennende eiserne Reserven. Dass sich zahlreiche Klubs, denen es wirtschaftlich viel schlechter geht, dennoch einen deutlich luxuriösen Spielerkader leisten – allen voran der Lokalrivale Hamburger SV – ist für Werder bitter. 

Werder Bremen: Das Polster wird kleiner

Eigenkapital in Mio. €

Quelle: Werder Bremen

Absturz in der TV-Tabelle

Vor allem, weil dem früheren Champions-League-Dauergast, der mit legendären Europacup-Spielen lange Jahre die deutschen Fußballfans begeistert hat, im Fall eines Bundesliga-Abstiegs Schlimmes droht. Die TV-Gelder dürften um rund 15 Millionen Euro sinken, auch die Marketing- und Ticketerlöse um einen zweistelligen Millionenbetrag. Der Konzernumsatz würde von 90 Millionen wohl in Richtung 50,60 Millionen Euro fallen – viel mehr als 20 Millionen Euro Personalkosten ließe diese Erlösbasis nicht zu. Und der Zeitpunkt für diesen finanziellen Kollaps könnte schlechter nicht sein, denn ohne Eigenkapital und mit hohen aufgehäuften Verlusten könnte es für Werder ganz schwer werden, die Lage zu stabilisieren und wieder in die Bundesliga zurückzukehren, ohne anschließend finanziell völlig ausgezehrt zu sein.

Doch selbst wenn es der Elf von (Noch-)Trainer Robin Dutt gelingt, die Klasse zu halten, drohen empfindliche Einnahmeverluste, wie ein Blick in die Mehrjahrestabelle zeigt, die für die Verteilung der TV-Gelder maßgeblich ist.

Aktuell rangiert Werder auf Rang 11. Der Verfolger Hoffenheim wird am Saisonende mit Sicherheit vorbeiziehen, auch Eintracht Frankfurt, der Hamburger SV und sogar der FC Augsburg drohen Werder in der TV-Tabelle zu überholen, wenn sie sich am Saisonende besser als die Grün-Weißen platzieren. Nach oben hingegen ist nur der SC Freiburg in Reichweite. Wahrscheinlich werden nicht alle diese Vereine die Klasse halten, wenn Werder die Saison überm Strich beendet, aber mit dem Verlust von zwei bis drei Plätzen im TV-Ranking muss Werder rechnen, und jeder Tabellenplatz weiter unten bedeutet 1,1 Millionen Euro weniger TV-Einnahmen.

Gut möglich, dass Werder am Ende dieser Saison zwar die finanziellen Altlasten abgearbeitet hat, aber trotzdem an die eisernen Reserven gehen muss. Keine Frage: Die Bremer sind einer der nächsten Bundesligaklubs, bei denen schon bald mit dem Einstieg von Investoren gerechnet werden muss. Und es ist keine starke Position, aus der heraus die Werder-Chefs mit ihnen verhandeln werden.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Investorensuche beim BVB, Banges Hoffen bei Eintracht Frankfurt, Finanz-Irrsinn beim Hamburger SV: Mehr Beiträge aus dem FINANCE-Blog „3. Halbzeit“ finden Sie hier. Folgen Sie 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.