Harter Abstiegskampf zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV: Auch beim Finanzduell begegnen sich die Nordklubs auf Augenhöhe: Beide kämpfen mit ausgebombten Finanzen.

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13.04.17
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Werder Bremen gegen Hamburger SV: Das Finanzduell

Das Nordderby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV ist nicht nur sportlich, sondern auch finanziell ein heißer Tanz am Abgrund. Beide Klubs kämpfen mit ausgebombten Finanzen – die FINANCE-Analyse.

Der Sieger des Nordderbys zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV am kommenden Sonntag wird einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt machen. Für den Verlierer droht der Rest der Saison ein heißer Tanz zu werden, denn der schon seit Saisonbeginn tobende Abstiegskampf ist für beide Nordklubs Existenzkampf pur.

Dass derart viel auf dem Spiel steht, liegt daran, dass beide Vereine im wirtschaftlichen Bereich die gleichen Kardinalfehler begangen haben: Sie haben zu lange auf zu großem Fuß gelebt und Millionen am Transfermarkt verbrannt. Für beide wäre der Abstieg aus der Bundesliga brandgefährlich: Einen Abstieg wirtschaftlich einigermaßen abfedern könnten weder Werder noch der HSV.

Werder ist bei der Sanierung schon weiter als der HSV

Im Detail unterscheiden sich die finanziellen Schwierigkeiten der beiden Nordklubs aber deutlich voneinander. So liegt der HSV mit 123 Millionen Euro beim Umsatz deutlich vor Werder (108 Millionen Euro), hängt bei der Sanierung des operativen Geschäfts aber weit hinterher. Werders schwarze Serie begann in der Saison 2011/12 und dauerte bis Mitte 2015 an. In diesen vier Spielzeiten häufte Werder Verluste von rund 40 Millionen Euro an. Das mit 40 Millionen Euro einstmals komfortable Eigenkapitalpolster verbrannte vollständig. In der abgelaufenen Saison konnte Werder mit einem Gewinn von 2,8 Millionen Euro den Niedergang aber stoppen und nach Vereinsangaben auch wieder etwas Eigenkapital aufbauen.

Der HSV hingegen hängt auch aktuell noch tief in den roten Zahlen und hat für das Anhäufen von 40 Millionen Euro Verlust nur halb so lang gebraucht wie Werder, nämlich nur die beiden vergangenen Spielzeiten. „Den Turnaround haben wir nicht erreicht“, gab HSV-Finanzchef Frank Wettstein im Interview bei FINANCE-TV vor einem halben Jahr unumwunden zu.

Größter Unterschied zwischen Werder und dem HSV: der Schuldenberg

Verantwortlich für die unterschiedliche Entwicklung sind die Personalkosten: Werder ist es inzwischen gelungen, den Etat einigermaßen an das deutlich gesunkene Umsatzpotential  anzupassen. Die Personalkosten weist Werder auch gegenüber seinen Mitgliedern nicht aus, sie dürften aber grob geschätzt bei etwa 40 bis 45 Millionen Euro liegen.

Der HSV hingegen hat in der abgelaufenen Saison – trotz vielfältiger Bekenntnisse zur Sparsamkeit – seine Personalkosten sogar noch auf 62 Millionen Euro ausgeweitet. In dieser Saison könnte es noch mehr werden. Die Personalkostenquote des HSV liegt bei über 50 Prozent, während Werder vermutlich unter dieser Schwelle liegt. Im Bundesligavergleich ist aber bei beiden Klubs die Personalkostenquote überdurchschnittlich hoch.

Ein noch größerer Vorsprung von Werder gegenüber dem HSV zeigt sich beim Blick auf den Schuldenberg. Während Werder nach Aussage von Finanzchef Klaus Filbry schuldenfrei ist, lasten auf dem HSV über 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Auf „echte“ Finanzschulden“ (Schuldschein, Fananleihe, Transferverbindlichkeiten) entfallen rund 65 Millionen Euro.

Darüber hinaus schuldet der HSV seinem Mäzen Klaus-Michael Kühne aus Transfergeschäften mindestens 38, wahrscheinlich sogar über 40 Millionen Euro. Diese Schulden muss der HSV aber nur dann komplett zurückzahlen, wenn er sich mehrmals in Folge für den Europacup qualifiziert, so die Absprache mit Kühne – kein Szenario, mit dem man unbedingt rechnen muss.

Unterschiedlicher Schuldenstand: Die Antwort gibt der Transfermarkt

Es ist bemerkenswert, dass zwei Klubs mit einer ähnlichen Historie und einem lange Zeit vergleichbaren Umsatzniveau so unterschiedlich stark in die Schulden rutschen können. Die Erklärung liefert der Transfermarkt: Allein in den vergangenen fünf Spielzeiten plus diesen Winter investierte der HSV rund 140 Millionen Euro in neue Spieler. Eingenommen am Transfermarkt hat der HSV nur etwa 60 Millionen – ein Transferdefizit von 80 Millionen Euro.

Werder hingegen hat in dieser Zeit einen Transferüberschuss von rund 20 Millionen Euro erwirtschaftet. Im Saldo ergibt dies genau die 100 Millionen Euro bei den Schulden, die beide Vereine voneinander trennen.

HSV: Größter Kraftakt in der Geschichte des deutschen Fußballs

Weil beide Nordklubs über zahlreiche werthaltige Spieler verfügen, würde zumindest wohl keiner von ihnen im Abstiegsfall sofort kollabieren. Transfererlöse in signifikanter zweistelliger Millionenhöhe würden bei beiden die Liquidität sicherstellen. Beim HSV wäre der Fall aber tiefer und das Zittern ausgeprägter.

2019 muss HSV-Finanzchef Frank Wettstein eine Fananleihe über 17,5 Millionen Euro zurückzahlen. Die dafür notwendigen Mittel hat er angeblich schon zur Seite gelegt, seitdem er vor einem halben Jahr über die Ausgabe eines Schuldscheindarlehens 40 Millionen Euro bei Privatinvestoren einsammeln konnte. Im Fall eines Abstiegs könnte es aber notwendig werden, diese Reserve einzusetzen, um den HSV liquide zu halten. Dann könnte es im darauffolgenden Jahr mit der Bedienung der Verbindlichkeiten eng werden.

Zudem hat es noch nie einen Klub gegeben, der mit einem Personaletat von 60 Millionen Euro den Gang in die Zweite Liga antreten musste. Die Sparmaßnahmen, die der HSV unternehmen müsste, um das Gehaltsniveau auf Zweitliganiveau zu bringen, wären ein nie da gewesener Kraftakt in der Geschichte des deutschen Fußballs. Diese Situation würde sich beim HSV im Fall des Klassenerhalts auch nächste Saison wieder stellen. Immerhin: Der neue HSV-Chef Heribert Bruchhagen weiß aus seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt, wie man nach einem Abstieg das Ruder herumreißt.   

Auch Werder müsste zwar kräftig sparen, hätte sich allerdings nicht mit einem Schuldenthema auseinanderzusetzen. Dafür müsste Filbry die Investorensuche aber wohl ad acta legen. Der Manager sucht seit geraumer Zeit nach einem strategischen Partner, der sich mit 10 Prozent oder mehr an Werder beteiligt. Kein Mäzen wie Kühne beim HSV, sondern ein Industriepartner wie Evonik oder Puma bei Borussia Dortmund. Filbry erhofft sich davon 25 Millionen Euro. Diese Finanzspritze bliebe im Fall eines Abstiegs mit großer Wahrscheinlichkeit aus. Hält Werder jedoch die Klasse, ist es gut möglich, dass das Management die Gunst der Stunde nutzt, um den Investorendeal festzuzurren.

Werder und der HSV: Gemeinsam abgeschlagen im TV-Ranking

Der HSV hat ein solches Investorenmodell bereits auf den Weg gebracht. Der Klub hat sich aber auch dabei stark auf den Dauergönner Kühne gestützt, der 11 der bislang verkauften 15 Prozent der HSV-Anteile übernommen hat. Die Summe, mit der der HSV beim Einstieg der Investoren bewertet wurde, ist fast identisch mit der, die sich Filbry für Werder vorstellt – rund 250 Millionen Euro. Erstaunlich: Das ist weniger, als der VfB Stuttgart für den Investorenprozess im Sommer anstrebt.

Neben den ausgebombten Finanzen gibt es noch eine weitere Schwäche, die beide Nordklubs miteinander verbindet: die miserable Platzierung in der Tabelle für die Vergabe der TV-Gelder. Werder liegt dort derzeit auf Platz 13, der HSV auf Platz 15 und damit auf dem vorletzten Rang der aktuellen Bundesligaklubs. Nur der Aufsteiger RB Leipzig, der buchstäblich aus dem Nichts kam, ist mangels Historie noch schlechter platziert.

Während bei Werder Bremen noch ein wenig Hoffnung auf einen Aufstieg im TV-Ranking besteht, müsste der HSV dafür schon einen formidablen Schlussspurt hinlegen. Und selbst dann wäre das Aufstiegspotential begrenzt. So gilt für beide Vereine die gleiche Bestandsaufnahme: Bis einem von ihnen die Rückkehr zu alten Glanzzeiten gelingt, wird noch viel Wasser die Elbe und die Weser hinunterfließen.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Investorengerüchte beim 1. FC Köln, Börsenprobleme beim BVB, ausgefallene Finanzierungsmodelle beim FC St. Pauli: Mehr Fußballfinanzanalysen finden Sie im FINANCE-Blog 3. Halbzeit. Außerdem: Folgen Sie der 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.

Wer ist der Mann, der um die Sanierung der HSV-Finanzen kämpft? Erfahren Sie mehr im FINANCE-Köpfe-Profil von HSV-Finanzchef Frank Wettstein.

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