Er schwadronierte im Büro über Pornos, lud Kolleginnen zu einem flotten Dreier ein und sprach über deren Brüste. Doch der ehemalige Deutsch-Banker in London sieht sich nicht als Macho, sondern als das eigentliche Opfer der Geschichte. Wie er seiner Bank die lange Nase zeigte und am Ende als Gewinner dasteht.

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01.10.15
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Der missverstandene sexistische Banker

Er soll seine Kolleginnen zum flotten Dreier eingeladen und öffentlich über Pornofilme schwadroniert haben. Was zunächst nach Machogehabe aus dem Lehrbuch klingt, gehört in der Londoner City offenbar zum guten Ton und war ja eigentlich auch ganz anders. Die Geschichte eines missverstandenen Bankers.

Prolog: Europa, London im 21. Jahrhundert. Wir sind aufgeklärt und modern erzogen. Wir sind weltoffen und tolerant. Der Business-Knigge navigiert uns gekonnt durch den Geschäftsalltag, und spätestens die Frauenquote sollte auch das Machogehabe des letzten alteingesessenen Neandertalers in die Schranken gewiesen haben. Und es funktionierte tatsächlich: Männer und Frauen arbeiteten kollegial und produktiv Seite an Seite zusammen. Für lange Zeit schrieben die Banken mit handfesten Manipulationsskandalen Geschichte, fernab von irgendwelchen Gender-Themen. Bis ein Banker in London alte Wunden aufriss und damit alles veränderte.

Kapitel 1: Der sexistische Banker

Deutsche Bank in London, Global Risk Department. Hier soll ein ehemals hohes Tier seine Mitarbeiterinnen unsittlich schikaniert haben. Laut Bloomberg beschwerten sich elf junge Kollegen, dass der sexistische Banker „die Brüste von Kolleginnen“ kommentierte, zwei Frauen zu einem flotten Dreier einlud und „öffentlich im Büro“ Erwachsenenfilme Revue passieren ließ. Außerdem  soll er dazu ermutigt haben, Frauen „einen Klaps auf den Hintern zu geben“.

Die Bank reagierte, wie man in einem solchen Fall eben reagiert, wenn der eigene Ruf sowieso schon angekratzt ist. Der sexistische Banker landete kurzerhand vor der Tür. Doch die Deutsche Bank hatte die Rechnung ohne die englischen Richter gemacht, denn anstatt Gladiolen für konsequentes Durchgreifen hagelte es Schelte, die den Verlauf der Geschichte auf den Kopf stellen sollte.

Kapitel 2: Wer ist hier das Opfer?

Denn den Rausschmiss wollte der sexistische Banker nicht so einfach auf sich sitzen lassen. Und so griff er zu einem brillanten Schachzug, schlüpfte kurzerhand in die Opferrolle und drehte den Spieß um: Er verklagte die Bank, zog in London vor Gericht – und bekam Recht. Die Londoner Richter kamen zu dem Schluss, dass die aussagenden Frauen „gelogen“, „übertrieben“ und ihrerseits selbst „anstößige Äußerungen“ von sich gegeben hätten. Stimmt das, muss es lustig zugegangen sein in den Londoner Büros der Deutschen Bank.

Der sexistische Banker verkaufte sich plötzlich als der missverstandener Banker. Die Kolleginnen hätten „bereitwillig persönliche Details“ mit ihm geteilt, so seine Version der Geschichte. Im Übrigen seien seine Äußerungen aus dem Kontext gerissen worden und würden nur deshalb „beleidigend“ wirken. Kurz: Die Anschuldigungen seien „schockierend, unwahr und verleumderisch“.

Mit offenbar großer Redekunst und viel Überzeugungskraft machte er so aus seinen Jägern die Gejagten. Von der richterlichen Leine losgelassen, hatte der missverstandene Banker Blut geleckt und setzte sodann zum Sprung an die Kehle seines alten Arbeitgebers an.

Kapitel 3: Payback-Time

Denn auch die Deutsche Bank bekommt gehörig ihr Fett weg. Die Londoner Richter kritisierten die Bank für ihr unglaublich diskriminierendes Verhalten – dem Banker gegenüber – auf das Schärfste. Viele der Anschuldigungen wurden laut den Londoner Richtern „einfach akzeptiert“ und nicht „weiter nachverfolgt“, und sie setzten sogar noch einen drauf: Die Bank hätte die Untersuchung der Vorwürfe anders gehandhabt als üblich, weil der Banker „ein Mann ist“, womit die „gesamte Fakten-Matrix auf Diskriminierung“ basiere.

Hätte die Bank mal besser nicht auf die Aussagen von elf Mitarbeitern gehört, sondern stattdessen ernste Nachforschungen angestellt. Aber das tat sie nicht, und dann läuft es plötzlich eben nicht mehr wie im Casino, wo die Bank ja immer gewinnt. Denn jetzt wollte sich der missverstandene Banker das Missverständnis gebührend entschädigen lassen – mit 20 Millionen Pfund (rund 27 Millionen Euro).

Der Widerstand der Bank war nur von kurzer Dauer: Zwar focht sie das Urteil zunächst an, willigte aber letztendlich doch auf einen Vergleich ein. Dessen Höhe kennt man nicht, aber wir dürfen davon ausgehen, dass sich das Geschwafel über Pornofilme und weibliche Körpermerkmale für den missverstanden sexistischen Banker ordentlich gelohnt hat. Für ein paar Abende in einem exklusiven Herrenclub dürfte es reichen.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Sie sind reich, sie sind (ein)gebildet, sie scheffeln Millionen für ihre Bank. Doch vor allem treten sie mit Vorlieben in Fettnäpfchen und produzieren Skandale am laufenden Band – Lesen Sie ihre Geschichten auf dem FINANCE-Blog Inglorious Bankers.