Der schillernde Star-Banker Tim Leissner drehte für Goldman Sachs in Südost-Asien das große Rad im Investmentbanking.

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16.03.17
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Goldmans deutscher Rainmaker und die malaysische Staatskrise

Der schillernde Investmentbanker Tim Leissner darf in Singapur für zehn Jahre nicht mehr praktizieren. Wie der einstmals gefeierte Rainmaker von Goldman Sachs in die High Society von Singapur und Kuala Lumpur eingetaucht ist – und wie dies seine Karriere beendete.

Prolog: 2009, Malaysia, Singapur: Trotz Finanzkrise hat die US-Investmentbank Goldman Sachs International in Südostasien einen Lauf. Als einzige westliche Bank hat sie sich an der Spitze der lokalen Investmentbanken festgesetzt. Die Amerikaner beraten bei den größten malaysischen Übernahmen und begleiten die größten Unternehmen aufs Börsenparkett.

Der Strippenzieher von Goldman Sachs in Malaysia ist ein Deutscher: der schillernde Investmentbanker Tim Leissner. Er gilt als charismatischer, gut verdrahteter Dealmaker. Für Goldman scheffelt er im Investmentbanking Millionen. Sein Spitzname ist Programm: Rainmaker. Doch schon bald soll Leissner vom Regen in die Traufe geraten. Das ist seine Geschichte.

Leissner hat Investmentbanking in seiner DNA

Tim Leissner ist ein Investmentbanker durch und durch. Nach seinem Studium an der Universität Siegen landet Leissner über verschiedene Positionen im Investmentbanking von JP Morgen und Lehman Brothers 1998 bei Goldman Sachs – zunächst in der M&A-Beratung. Leissner steigt dort schnell auf. Nur vier Jahre später schicken ihn die Amerikaner nach Singapur, um dort das Investmentbanking zu leiten. Leissner hat Erfolg: 2006 macht Goldman in zum Partner, 2009 wird er zum Südostasienchef befördert.

Dem Deutschen Goldman-Banker ist es gelungen, tief in die malaysische High Society vorzudringen. Er hat sogar gute Kontakte zu Premierminister Najib Razak. Dieser legt 2009 den Staatsfonds „1MDB“ auf, um regionale Wirtschaftsprojekte zu fördern. Die Fäden zieht aber Leissner, der laut eines Bloomberg-Berichts insgesamt 6,5 Milliarden US-Dollar für den Fonds einsammelt. Goldman Sachs International verdient daran prächtig. Insgesamt 600 Millionen Dollar sollen an Gebühren geflossen sein.

Diese Erfolge sind es wohl, die Goldman über den extravaganten Lebensstil ihres Rainmakers hinwegsehen lassen. Die „Welt“ beschreibt Leissner als „unverwüstlichen Partydauergast“, der das große Talent besitzt, selbst nach einer durchzechten Nacht am nächsten Morgen taufrisch in den Meetings aufzutauchen. Für die Regenbogenpresse ist Leissner ein gefundenes Fressen. Sie lässt sich ausführlich über seine schillernde Ehe mit dem ehemaligen US-amerikanischen Model Kimora Lee und über seinen angeblich gekauften Doktortitel aus.

High Society lässt Leissner tief fallen

Anders als bei den Goldman-Managern hinterlassen diese Berichte bei den Behörden mehrerer Länder Eindruck. Die singapurische Finanzmarktaufsicht MAS (Monetary Authority of Singapore) ist eines dieser Länder. Der von Leissner strukturierte malaysische Staatsfonds löst sogar eine regelrechte Staatskrise aus, als bekannt wird, dass rund 681 Millionen Dollar des Fonds auf das private Konto von Premier Najib Razak geflossen sein sollen. Mehrere Länder leiten daraufhin Ermittlungen wegen möglicher Korruption und Geldwäsche in die Wege. 

Auch Leissner ist in den Korruptionsskandal verstrickt, glaubt die MAS. Er soll im Juni 2015 einen Brief geschrieben haben, der eine Zahlung aus dem Fonds an eine fragwürdige Finanzinstitution in Luxemburg genehmigt haben soll. Das Problem: Goldman gibt an, dass dies ohne Zustimmung der Bank geschehen sei. Die Amerikaner trennen sich daraufhin von ihrem Star-Banker.

Tim Leissner: Aus bei Goldman, Berufsverbot in Singapur

Für Leissner kommt es jetzt knüppeldick. Die Finanzmarktaufsicht Singapur hat gegen ihn vor wenigen Tagen ein zehnjähriges Berufsverbot in dem kleinen Stadtstaat unterhalb von Malaysia ausgesprochen. Der stellvertretende MAS-Chef fand deutliche Worte: „Es ist unerlässlich, dass Mitarbeiter und Vertreter von Finanzinstitutionen geeignete und integre Personen sind.“ Die MAS toleriere es nicht, dass ein Finanzprofi das Vertrauen in Singapurs Finanzsystem untergrabe.

Sehr wohl toleriert die Finanzaufsicht offenbar, dass Leissners Arbeitgeber seinen Rainmaker jahrelang nicht richtig kontrolliert hat. Zwar wurden im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal Strafen wegen Verstößen gegen das Geldwäschegesetz an mehrere Banken verhängt. Die Standard Chartered muss 3,4 Millionen Euro bezahlen, die Coutts Bank 1,6 Millionen Euro. Goldman Sachs hingegen ist in Singapur finanziell bisher nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Sie sind reich, sie sind (ein)gebildet, sie scheffeln Millionen für ihre Bank. Doch vor allem treten sie mit Vorlieben in Fettnäpfchen und produzieren Skandale am laufenden Band – kurz: Sie bereichern unser Leben. Mehr skurrile Banker-Geschichten gibt es auf dem FINANCE-Blog Inglorious Bankers".