Die Fidor Bank verkauft ihr Delisting als Kapitalmarktstrategie. Die Streubesitz-Aktionäre haben dabei das Nachsehen.

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05.05.15
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Die Fidor Bank und ihre armen Aktionäre

Die Fidor Bank verkauft ihren geplanten Rückzug von der Börse vollmundig als „Kapitalmarktstrategie“. Dabei werden einige Aktionäre in die Röhre gucken: Ein Übernahmeangebot oder ein Rückkaufprogramm gibt es nicht – „leider“, wie die Fidor Bank tröstet.

Schon die Überschrift der Meldung ist ein Paradoxon erster Güte: „Neue Kapitalmarktstrategie: Fidor Bank beschließt Delisting“. Zum 30. Juni soll Schluss sein mit dem Börsenhandel der Fidor-Aktie. Unglücklicherweise hat sich seit der ersten Ankündigung des Vorhabens im Januar eine entscheidende Änderung ergeben, die einige Aktionäre alt aussehen lässt: Zunächst war geplant, den außenstehenden Aktionären ein freiwilliges Übernahmeangebot für ihre Papiere zu unterbreiten – eine in solchen Situationen durchaus übliche Vorgehensweise.

Doch daraus wird nun nichts: „Ein freiwilliges Übernahmeangebot wird zum aktuellen Zeitpunkt entgegen der ursprünglichen Planung nicht erfolgen, da verschiedene Voraussetzungen nicht gegeben sind“, schreibt die Fidor Bank heute lapidar. Welche Voraussetzungen nicht erfüllt sind und wieso diese vom Vorstand nicht geschaffen werden konnten – Antworten darauf sucht man in der Mitteilung vergebens.

Fidor Bank: Kein Großaktionär, kein Angebot

Als nettes Lesestück für die Aktionäre zeigt die Bank zumindest noch kurz auf, wie es hätte laufen können: „In der Regel wird ein freiwilliges Übernahmeangebot im Rahmen eines Delistings durch einen kontrollierenden Aktionär ausgesprochen.“ Doch im Aktionärskreis der Fidor Bank befinde sich kein dominanter oder kontrollierender Aktionär. Blöd gelaufen. Allerdings ist das ein Problem, das einem aufmerksamen Vorstand, der gerade intensiv über einer „Kapitalmarktstrategie“ brütet, durchaus schon früher hätte auffallen können. Die erste Ankündigung des Delistings – damals noch mit geplantem Übernahmeangebot – datiert vom 20. Januar dieses Jahres.

Das jüngste auf der Homepage der Bank verfügbare Update der Aktionärsstruktur bezieht sich auf den Stichtag 16. Januar. Damals war nach Angaben der Fidor Bank die JZ Erste Beteiligungs GmbH mit 27,87 Prozent der Anteile größter Aktionär des Unternehmens. Weitere große Positionen hielten unter anderem die Investoren Anthemis Group (10,20 Prozent),  XAnge (9,73 Prozent) und venturecapital.de VC (8,34 Prozent). Gut 27 Prozent der Aktien befanden sich am 16. Januar im Freefloat.

Inzwischen könnten die Zahlen sich etwas verändert haben. Ende März hat die Fidor Bank noch flugs vor dem Rückzug von der Börse eine Kapitalerhöhung unter Ausschluss des Bezugsrechts umgesetzt und darüber gut 5 Millionen Euro frisches Eigenkapital „für den weiteren Ausbau des Kreditbuchs“ eingesammelt.

Aktie der Fidor Bank fast ohne Handel

Dass die Börsennotiz zurzeit eher hinderlich ist, machte die Fidor Bank schon im Januar deutlich. Sie sprach von „deutlich weniger als 100“ Streubesitz-Aktionären, zudem sei die Aktie „nahezu ohne Handel“. Die Verantwortung für das weitere finanzielle Schicksal ihrer Einzelanleger schiebt die Bank vorsorglich von sich: Die beteiligten institutionellen Aktionäre würden demnach in den verbleibenden Handelswochen „individuell ihr mögliches Engagement überprüfen“. Und zwar „wohlwollend, aber ergebnisoffen“.

Es regiert also das Prinzip Hoffnung. Vielleicht kommt ein Angebot, vielleicht haben am Ende aber auch einfach alle nur mal drüber geredet. Damit wirklich jeder kapiert, dass die Fidor Bank selbst nicht am Steuer sitzt, heißt es weiter: „Auf die Ausgestaltung dieser Aktivität in Bezug auf Preis pro Aktie sowie Gesamtvolumen hat die Fidor Bank AG keinen Einfluss.“ Wer also meint, er käme schlecht weg, beschwere sich doch bitte anderswo.

Tröstlich für die Aktionäre, dass die Fidor Bank das Geschehen noch mit frommen Wünschen begleitet: „Da der Fidor Bank AG selbst die Hände gebunden sind, wäre es schön, über diesen Weg die ein oder andere Kauforder im Markt zu sehen“, findet Vorstand Matthias Kröner. Per Pressemitteilung um Käufer zu betteln, das kennt man sonst allenfalls von E-Commerce-Start-ups.

Kröner entwickelt darüber hinaus eine steile These: „Ohnehin lassen die Handelsaktivitäten der letzten drei Monate den Schluss zu, dass trotz Delisting-Ankündigung auch unsere Kleinaktionäre ihre Aktien auch in Zukunft halten wollen.“ Freilich könnte man dem entgegnen, dass den Aktionären bei Papieren, die laut Emittent nahezu ohne Handel sind und für die kein Übernahmeangebot vorliegt, auch kaum etwas anderes übrigbleibt, als sie erst einmal zu halten. Viele fänden vielleicht ein Kaufangebot auch ganz schön.

Rückkauf? Sorry, geht nicht

Und bevor jetzt irgendein Schlauberger auf die Idee kommt, ein Rückkaufprogramm zu fordern, um seine Papiere vielleicht doch noch aus dem Portfolio zu bekommen, heben die Kapitalmarktstrategen  der Fidor Bank auch in diesem Punkt – wenn auch bedauernd – die Hände. „Die Möglichkeit eines Rückkaufprogramms eröffnet sich leider nicht. Ein zum Rückkauf der Aktien notwendiger Beschluss der Hauptversammlung liegt nicht vor“, heißt es schlicht.

Spitzfindige könnten nun einräumen, dass man einen solchen Beschluss grundsätzlich ja herbeiführen könnte, aber auch dieses Szenario wird im nächsten Satz vorsorglich schon einmal abgebügelt: Der Erwerb von eigenen Aktien würde das regulative Eigenkapital belasten, heißt es, „und wäre somit kontraproduktiv, da die Bank das regulative Eigenkapital dem weiteren Geschäftsaufbau widmen wird.“

Als Kleinaktionär müsste man sich da ja geradezu schlecht fühlen, wenn man aus rein egoistischen Motiven den weiteren Geschäftsaufbau und die Kapitalquote der Bank belasten würde. Das wird ja wohl keiner wollen. Gestärkt wurde dieses vielbemühte regulative Kapital übrigens unter anderem auch von Retail-Investoren: Die Fidor Bank hat Nachrangkapital emittiert, das bei acht Jahren Laufzeit und monatlich zahlbaren Zinsen eine Verzinsung von 6 Prozent bietet. Jeder mag für sich selbst errechnen, ob das für ein nachrangiges Investment attraktiv ist oder nicht.

„Kein normales Delisting“ – wie wahr

Zum Abschluss bekommen dann die institutionellen Investoren noch einmal eine lobende Erwähnung: Man könne „sehr gut nachvollziehen, dass diese ihr finanzielles Engagement auf die Stärkung des regulativen Kapitals fokussieren“, sagt Vorstand Kröner. Dies sei für eine Bank der einzige Weg, um „das Geschäft substantiell vorantreiben zu können. Auch dies unterscheidet uns von einem normalen Delisting dieser Tage.“

Zumindest da kann man dem Vorstand zustimmen: Normal ist das Delisting der Fidor Bank beileibe nicht. Auch andere Bankinstitute sind börsennotiert, müssen regulatorische Vorgaben einhalten und setzen dabei auf Wachstum, aber ein solches Vorgehen traut man ihnen dann doch nicht zu.

Es ist nichts dagegen zu sagen, dass ein Unternehmen die Börsennotiz beendet, wenn diese mehr kostet als sie nutzt. Aber dies als Strategie zu verkaufen, um Kauforders zu betteln und dabei ob der kniffligen Lage der Kleinanleger gleichzeitig entschuldigend die Hände zu heben, geht dann doch etwas zu weit. Sonst könnte man schnell denken, die Kapitalmarktstrategie der Fidor Bank sei in Wahrheit bloß ein Rückzugsgefecht. Und so hat es ja vermutlich niemand gemeint.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Aufgeblähte Formulierungen, Doppeldeutigkeiten, Verwirrendes: Im Blog „Subtext“ durchstöbert FINANCE-Redakteurin Sabine Reifenberger die Untiefen der Nachrichtenwelt und ergründet verborgene Botschaften, die vermutlich niemand je so tätigen wollte.