Bei der Karlie Group läuft es alles andere als rund. Der positive Unterschied zu vielen anderen kriselnden Unternehmen: Die Geschäftsführung sagt es auch so.

Karlie

02.10.15
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Karlie Group: Endlich sagt’s mal jemand

Was haben wir uns nicht schon über blumige Umschreibungen und verschleiernde Nebelkerzen aufgeregt. Doch es geht auch anders. Bei Karlie läuft es alles andere als rund. Der positive Unterschied zu anderen Krisenunternehmen: Die Geschäftsführung sagt es auch so.

Wenn Unternehmen in schweres Fahrwasser geraten, geben die PR-Strategen in der Regel alles, um das in ihren Mitteilungen zu verschleiern. Da werden positive Entwicklungen in kleinsten Teilbereichen über Gebühr gelobt, Wachstumsoffensiven für die Zukunft versprochen, und  wenn gar nichts mehr geht, kommt das chinesische Schriftzeichen ins Spiel, das gleichzeitig Krise und Chance symbolisiert.

Die Schönfärberei ist aus Sicht der Leser so nervig wie überflüssig. Die negativen Botschaften bleiben auch bei schönster Wortwahl, was sie sind. Um so angenehmer ist es, wenn ein Unternehmen zur Abwechslung einmal offen mit Problemen umgeht. Der Versandhändler für Heimtierbedarf Karlie tut dies in seiner jüngsten Meldung zu den Halbjahreszahlen mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Die Geschäftsführung der Karlie Group GmbH ist mit der Umsatzentwicklung im 1. Halbjahr 2015 sehr unzufrieden“, heißt es da gleich im ersten Satz.

Karlie Group hat Grund zur Unzufriedenheit

Zur Unzufriedenheit hat die Geschäftsführung allerdings auch allen Grund. Der Umsatz liegt mit 43,5 Millionen Euro um fast 6 Millionen unter dem Vorjahreswert. Die Probleme, räumt Karlie ein, waren in erster Linie hausgemacht: Während der deutsche Markt sich stabil entwickelt hat, musste das Unternehmen sein Sortiment vereinheitlichen und war – auch aufgrund von Engpässen bei Zulieferern – nach eigenem Bekunden selbst nicht immer lieferfähig. Vertragsstrafen und Extrakosten für Last-Minute-Lieferungen waren die Folgen. Die Eigenkapitalquote liegt nur noch bei gut 5 Prozent nach mehr als 25 Prozent im Vorjahreszeitraum. Nach einem Konzernverlust von 13,8 Millionen Euro 2014 endete auch das erste Halbjahr mit einem negativen Ergebnis von 3,3 Millionen Euro.

Die Lage ist durchaus kritisch. Karlie hat neben einem 2013 begebenen Mini-Bond auch Bankverbindlichkeiten über mehr als 17 Millionen Euro und verstieß mit dem Jahresabschluss 2014 gegen die Covenants. Zurzeit läuft ein Stillhalteabkommen mit den Banken, die die Erstellung eines Sanierungsgutachtens nach IDW S 6 beauftragt haben. „Das Gutachten wird bei den anstehenden Verhandlungen für die Neustrukturierung der zum Jahresende auslaufenden Kredite eine wichtige Rolle spielen“, schreibt das Unternehmen. Damit ist auch Karlie eine kleine Beschönigung unterlaufen – die „wichtige Rolle“ kann durchaus überlebenswichtig werden. 

Mittelstandsanleihe von Karlie steht bei 50 Prozent

Die Probleme offen anzusprechen, ist aber eine Voraussetzung, um Banken und insbesondere Investoren bei der Stange zu halten. Die Geldgeber hatten mit Karlie zuletzt wenig Freude: Die Mittelstandsanleihe notiert zurzeit bei etwa 50 Prozent, der Markt zweifelt an der Anleihe. Das Karlie-Rating stufte Scope von BB- auf B+ zurück. Ein moderneres Warenwirtschaftssystem, einheitliche Preislisten und bessere Einkaufskonditionen sollen dafür sorgen, dass die Zahlen in den kommenden Jahren wieder besser werden. Doch noch verursacht die Sortimentsumstellung unnötige Lagerbestände und höhere Kosten.

2016 will die Geschäftsführung in die Gewinnzone zurückkehren – vorausgesetzt, dass die Lieferungen wieder zuverlässig laufen und die Märkte stabil bleiben. Und wohl auch unter der Voraussetzung, dass man sich mit den Banken einigt, könnte man ergänzen.

Insgesamt aber unterscheidet sich die Karlie-Nachricht positiv von vielem, was sonst in Krisenzeiten aus Unternehmen zu hören ist. Die Geschäftsführung ist „sehr unzufrieden“, und das sollte sie in der aktuellen Situation auch sein – viele Geldgeber sind es bestimmt auch.

Denen geht es zwar nicht besser, wenn die Geschäftsführung sich ebenfalls schlecht fühlt, aber zumindest werden sie von den Verantwortlichen nicht auch noch für dumm verkauft. Denn das ist in der Regel der einzige Effekt, den blumige Formulierungen beim Leser erzielen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Aufgeblähte Formulierungen, Doppeldeutigkeiten, Verwirrendes: Im Blog „Subtext“ durchstöbert FINANCE-Redakteurin Sabine Reifenberger die Untiefen der Nachrichtenwelt. Mehr zur Restrukturierung beim Versandhändler Karlie finden Sie auf der Themenseite zu Karlie.