Jemand erreichbar? Wer Informationen über den Stand bei Karlie haben möchte, muss als Investor mitunter selbst zum Hörer greifen.

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03.05.16
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Karlie: Investor Relations mal anders

Investorenkommunikation muss immer vom Unternehmen ausgehen? Nicht unbedingt. Die Karlie Group erklärt es zum Masterplan, auch mal zu warten, bis die Investoren von sich aus anrufen.

Im vergangenen Herbst sorgte Karlie für einen der seltenen Momente, in denen es eine ungeschönte Äußerung in eine Pressemitteilung schaffte: Man sei „sehr unzufrieden“ mit der Umsatzentwicklung, hieß es damals. Das war eine ehrliche und letztlich auch zutreffende Analyse der Situation.

Inzwischen dürfte diese Unzufriedenheit auch auf die Investoren der Mittelstandsanleihe abgefärbt haben, denn ihnen verlangt Karlie zurzeit einiges ab: Das Unternehmen möchte seine Anleihe auf einer Gläubigerversammlung um drei oder optional auch vier Jahre verlängern, der Kupon soll dabei um 1,75 Prozentpunkte sinken. Im Gegenzug gibt es für die Investoren die Hoffnung, die Anleihe nach Ablauf der Verlängerungsfrist vielleicht doch noch zu 100 Prozent zurückbezahlt zu bekommen. Zum ursprünglichen Termin 2018 hätten sie darauf wohl nicht zählen können – derzeit notiert das Papier bei Kursen um die 30 Prozent.

Karlie braucht also das Entgegenkommen seiner Investoren. Da überrascht es, was Geschäftsführer Andreas Spiegel im Interview mit dem Anleihen-Newsletter „BondGuide“ über die Investor-Relations-Arbeit des Unternehmens verrät. Diese ist, vorsichtig gesagt, speziell. 

Karlie Group hält sich bei Investor Relations „bewusst zurück“

Auf die Frage, wie denn größere Investoren identifiziert worden seien, antwortet Spiegel: „Seit meinem Antritt Ende 2014 haben wir uns mit der Anlegerkommunikation bewusst zurückgehalten – wir wollten die Situation zunächst sondieren und Ergebnisse liefern. Daher haben sich einige Investoren ihrerseits bei Karlie gemeldet, und so konnten wir den Kontakt aufbauen.“ Dass Unternehmen mit Kapitalmarktbezug sich in der Kommunikation mit Anlegern „bewusst zurückhalten“, ist selten. Selbst die jahrelang gepredigte „aktive Ansprache“ von Investoren und Kunden ist seit einiger Zeit nicht mehr genug, Marketingstrategen zufolge muss es mittlerweile schon die „proaktive Ansprache“ sein, drunter geht eigentlich nichts.

Einige der Karlie-Investoren waren aber offenbar auch ohne aktive Ansprache interessiert, beunruhigt oder vielleicht auch schlichtweg verärgert genug, um ihrerseits mal nachzuhören, was denn da in Ostwestfalen bei dem Heimtierbedarfshändler los war. Einen solchen Anruf dann in einen nachhaltigen Investorendialog zu überführen, dürfte eine ganz besondere Kunst sein. Es gelingt, wenn man Spiegels Aussagen liest, offenbar auch nur so mittel: Er hat demnach „den Eindruck, dass diese Investoren unseren Vorschlägen, wenn nicht begeistert, so doch wenigstens wohlwollend gegenüberstehen.“

Wahre Euphorie ist das zwar nicht, aber zumindest bekommt das Ganze eine persönliche Note: Weg von anonymen Info-Mailings, hin zum bilateralen fernmündlichen Sozialkontakt – wer als Investor selbst zum Hörer greift, der interessiert sich wenigstens für sein Investment. Mit solchen Leuten lässt sich doch arbeiten!

Das wäre in der aktuellen Lage für Karlie auch nicht ganz unwichtig, denn das Unternehmen braucht jede Investorenstimme, um das erforderliche Quorum auf der Gläubigerversammlung zu erreichen: Die Anleihe hat ein Volumen von mehr als 10 Millionen Euro, rund ein Drittel davon liegen bei dem PE-Investor Perusa. Da dieser zugleich auch Eigentümer von Karlie ist, darf er für seine Anleiheanteile kein Stimmrecht ausüben. Es kommt also auf die anderen Investoren an.

Karlie: Verbesserung im roten Bereich

Ob sich der durchschnittliche Anleiheinvestor mit der Herangehensweise der „bewussten Zurückhaltung“ aktivieren lässt, wird sich bald zeigen. Ein wenig erinnert dieser Weg an das Konzept „Ich mach die Augen zu, dann sieht mich keiner“ – eine Strategie, von der die meisten Menschen aus guten Gründen ungefähr im Kindergartenalter abrücken. Doch das als Zurückhaltung verkaufte Abtauchen diente ja bei Karlie, es sei daran erinnert, einem guten Grund: Lage sondieren und Ergebnisse liefern.

Ob das gelungen ist, darüber lässt sich streiten. Das Unternehmen schrieb auch 2015 operativ weiter Verluste. Spiegel spricht von einer „Verbesserung des operativen Ergebnisses“ in Höhe von etwa 7 Millionen Euro. Das ist sachlich nicht falsch, aber mit minus  2 Millionen Euro lag das Ebitda halt immer noch deutlich im roten Bereich. Und der Umsatz des Heimtierbedarfshändlers ging  ebenfalls zurück.

Doch Spiegel sieht auch in diesem Punkt Hoffnung: „Unsere Lieferquote steigt stetig. Und auch der Umsatzrückgang scheint sich zu verlangsamen“, liest man im Interview. Nun ist ein langsamerer Rückgang noch lange kein Wachstum, und aus Investorensicht wäre es freilich gut, wenn der Schein sich demnächst noch zum Fakt verstetigt. Aber am Markt für Mittelstandsanleihen ist man ja inzwischen bescheiden geworden. Und wer noch weitere Details erfahren möchte, der kann ja einfach mal bei Karlie anrufen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Aufgeblähte Formulierungen, Doppeldeutigkeiten, Verwirrendes: Im Blog „Subtext“ durchstöbert FINANCE-Redakteurin Sabine Reifenberger die Untiefen der Nachrichtenwelt und ergründet verborgene Botschaften, die vermutlich niemand je so tätigen wollte. Alles über die Entwicklungen bei der Karlie Group finden Sie auf unserer Themenseite zu Karlie