Nachhaltig war gestern: Heute sind Start-ups am besten disruptiv, findet man beim Inkubator Rulebreaker.

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15.10.15
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Rulebreaker: Disruptiv ist das neue Nachhaltig

Der neue Inkubator Rulebreaker investiert in Start-ups. Weil Hightech-Gründer aus Berlin anscheinend schon nicht mehr hip genug sind, setzt man auf das aktuelle Modewort der Stunde: Disruptiv sollten die Ideen bitte sein.

Jede Phase braucht ihre Modewörter, die sich mit etwas Phantasie auch zu einem prima Geschäftsmodell verschwurbeln lassen. Innovativ ist man ja ohnehin schon seit den neunziger Jahren. Noch vor wenigen Monaten war dann jede Idee, die etwas auf sich hielt, plötzlich auch „nachhaltig“. Das ist inzwischen durch, nachhaltig klingt ja auch irgendwie nach Birkenstocks im Bio-Laden. Und die Wirtschaft ist ja voll von Umbrüchen, Ideen sind daher derzeit am besten „disruptiv“.

Selbst im Start-up-Umfeld ist man vor Schmähungen nicht mehr gefeit, wenn man nicht zumindest eine Mini-Revolution in Gang setzen kann. Der neue Start-Up-Inkubator Rulebreaker sucht nach eigenem Bekunden „nicht nach den Berliner Mainstream-Start-ups“. Die müssen also weiterhin hoffen, von Rocket Internet entdeckt zu werden.

Rulebreaker sucht „keine Gründer, die gute Geschäftsmodelle lediglich kopieren, sondern RULEBREAKER®, die bestehende Geschäftsmodelle infrage stellen, verändern und transformieren wollen“, zitiert der Pressetext in schönster Eigenschreibweise den Gesellschafter Oliver Blume (ob und in welcher Form Kapitalschrift und Registrierungszeichen in der Aussprache beachtet werden müssen, ist nicht bekannt). 

Das mit den Regelbrechern ist allerdings nicht so einfach: Wer dabei an Falschparker, Steuerhinterzieher oder Fußballspieler aus Uruguay denkt, ist auf dem Holzweg. Der Regelbruch beziehe sich „selbstverständlich nicht auf Gesetze oder Richtlinien, sondern vielmehr auf hemmende Konventionen, strukturkonservative Verhaltensmuster und eingetretene Pfade“, klärt der Pressetext auf. Ein regelkonformer Regelbruch also, gewissermaßen die Revolution des deutschen Beamten. 

Auftritt Utz Claassen, der „härteste Sanierer“

Illustre Teilhaber haben die Rulebreaker bereits für sich gewonnen: Laut Eigenwerbung zählen zu den Gesellschaftern unter anderem der „härteste Sanierer“ in der deutschen Wirtschaft Utz Claassen, der „innovativste Zukunftsforscher“ des Landes Sven Gabor Janszky und der „erfolgreichste serial entrepreneur“ im Apothekenmarkt Oliver Blume – die Anführungszeichen in diesem Satz haben übrigens nicht wir gesetzt, die stehen bereits so in der Pressemitteilung. Ob es sich um Zitate aus nicht genannten Quellen oder um die Eigenwahrnehmung der Betroffenen handelt, bleibt offen. Vielleicht ist es aber auch ein stilistisches Mittel zur ironischen Distanzierung.

Den „härtesten Sanierer“ Claassen kennen einige im Markt vermutlich auch als „härtesten“ streitbaren Ex-Vorstand von EnBW sowie als „härtesten“ Kurzzeit-Vorstand von Solar Millennium, auch war er als Aufsichtsrat des inzwischen insolventen, aber sicherlich auch sehr harten Fahrradherstellers Mifa aktiv. Seit einiger Zeit betätigt er sich auch als Start-up-Unternehmer: Claassen ist, so sagt es die Pressemitteilung, Hauptaktionär des „Implantate-Pioniers Syntellix“. Das Unternehmen wurde 2008 gegründet und arbeitet an abbaubaren Implantaten, die bei Knochenbrüchen eingesetzt werden. Im Geschäftsjahr 2013 beschäftigte Syntellix durchschnittlich drei Mitarbeiter und wies einen Bilanzverlust von gut 1,6 Millionen Euro aus. 

Die Rulebreaker suchen disruptive Unternehmer

Der Ex-Manager Claassen bewegt sich nun in einem innovationsaffinen Umfeld: Die Regelbrecher haben nicht nur die Beteiligungsgesellschaft Rulebreaker Management, sondern auch den Business-Club Rulebreaker Society ins Leben berufen. Dort treffen sich „disruptive Unternehmer, Innovatoren und Vorstände“. Kurz fragt man sich, ob ein disruptiver Vorstand nicht besser mal zum Arzt gehen sollte. Doch vermutlich musste einfach noch eine schmückende Charakterisierung gefunden werden, und „disruptiv“ ist ja gerade angesagt.

Die Mitglieder der Rulebreaker Society jedenfalls scheinen wohlauf, einige tituliert die Pressemitteilung großspurig sogar als „Brancheneroberer“, darunter die Gründer von Ryanair, Aida und Media-Markt. Freundlicherweise haben alle Eroberer in ihren Branchen zumindest bislang noch Territorien für Wettbewerber freigelassen. Andere Rulebreaker forschen an beeindruckenden Projekten wie dem 3D-Druck von Häusern, an Gedankensteuerung von Computern oder dem Bioprinting künstlicher Herzen.

Ein Suchprofil wie für Subprime-Investmentbanker

Laut Zukunftsforscher Janszky suchen die Club-Mitglieder „nach den Grundregeln ihrer Branchen, die sie bewusst oder unbewusst, aber immer mit Leidenschaft verletzen!“ Das ist zugegebenermaßen ein wenig verwirrend. Eine bewusste leidenschaftliche Verletzung von Grundregeln kann man sich vielleicht noch wie einen Seitensprung vorstellen. Wie das in der unbewussten Variante aussehen könnte und warum man sich einer zuvor extra noch gesuchten Grundregel nicht bewusst sein sollte, erschließt sich nicht wirklich.

Ist auch fast schon egal, denn die Charakterisierung der Mitglieder der Rulebreaker Society wird noch besser: „Durch ihre Regelbrüche haben sie neue Märkte entdeckt, ganze Branchen an den Rand des Abgrunds gebracht, Millionen verdient und mit eigenen Händen unsere Welt verändert“, lobt Janszky. Und irgendwie fühlt man sich plötzlich unangenehm an exzessive Fehltritte im Investmentbanking erinnert: Die Banker haben schließlich auch schon einmal Regeln gebrochen und dadurch neue Märkte entdeckt (Subprime-Kredite), die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht und dabei Millionen verdient – zumindest vorübergehend. Die Welt hat jedenfalls gelernt, dass nicht jede disruptive Veränderung einen Wandel zum Positiven bringt – auch nicht in der Wirtschaft.

Vielleicht hätte man einfach sagen sollen, dass eine Gruppe erfahrener Unternehmer ihr erwirtschaftetes Geld in gute Ideen stecken will. Wenn die Idee wirklich gut und profitabel ist, kommt die Veränderung schließlich meist von selbst. Sonst könnte man schnell glauben, dass mit Hilfe einer Marketingstrategie das bekannte Konzept der Start-up-Förderung künstlich selbst zur Neuerung erhoben werden soll. Und so hat es ja sicherlich niemand gemeint.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Aufgeblähte Formulierungen, Doppeldeutigkeiten, Verwirrendes: Im Blog „Subtext“ durchstöbert FINANCE-Redakteurin Sabine Reifenberger die Untiefen der Nachrichtenwelt und ergründet verborgene Botschaften, die vermutlich niemand je so tätigen wollte.