Tomas Serefda/Thinkstock/Getty Images

17.06.16
Blogs

Brexit-Angst: Was CFOs jetzt noch dringend tun müssen

Eine Woche vor der Wahl steht die Brexit-Sorge vielen Managern ins Gesicht geschrieben. Doch eine Angststarre ist fatal, stattdessen gilt es jetzt, Chancen zu nutzen. Hier ist der Last-Minute-Guide für den CFO.

Zittern in ganz Europa: Am 23. Juni stimmen die Briten über den weiteren Verbleib in der EU ab. Der Ausgang der Wahl: völlig offen. Die wirtschaftlichen Konsequenzen bei Austritt: aktuell nicht quantifizierbar. Klar ist zumindest, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien wohl eher schwieriger und teurer werden dürften. Viele Unternehmen haben die letzten Monate schon intensiv genutzt, um für den Fall der Fälle gut positioniert zu sein (Stichwort: Währungsmanagement). Das heißt aber nicht, dass alle Unternehmen bereits alles getan haben. Daher: Eine CFO-Vier-Punkte-Liste für die letzten Meter.

Die drei „P“ des Umgangs mit Binärrisiken: Prepare, Prepare, Pray!

Erstens: Keine Angst vor Entscheidungen! „Fear of Regret“ nennt die Verhaltensökonomie diese Sorge vor falschen Entscheidungen. Fatalismus beschreibt es aber auch ganz gut. Doch der Brexit ist ein binäres Risiko, dem man am besten aktiv begegnen sollte. Wenn man in die Unsicherheit geschickt wird, dann sollte man tunlichst auf Vorarbeiten zurückgreifen können. Denn das verbessert die Entscheidungsbasis ungemein.

Klar ist aber auch: CFOs sollen nicht in Aktionismus verfallen. Und auch einige langfristige Investitionsentscheidungen dürfen angesichts der Unsicherheit getrost hintenan gestellt werden. Doch alles, was sinnvollerweise der Vorbereitung auf den Brexit dient, sollte angegangen werden. Auch wenn es sich danach als vergebene Mühe herausstellen sollte.

Eine breite und flexible Handlungsbasis schaffen

Zweitens: Vorsicht mit Analogieschlüssen!  Mancher CFO mag sich fragen: Worauf genau soll ich mich eigentlich vorbereiten? Und dann ist man schnell dabei, in der Vergangenheitskiste nach vergleichbaren Situationen zu wühlen: Der Austritt Großbritanniens aus dem Europäischen Währungssystem im Jahr 1992, die Finanzkrise im Jahr 2009 und so weiter.

Aber der Brexit wäre anders. Die Wirkungskräfte, die Ausgangssituation, die politische Dimension, die Länge des Adjustierungsprozesses – all das haben wir so noch nie gesehen. Der CFO darf hier nicht der Repräsentativitätsheuristik verfallen, indem er vergangene Ereignisse als Maßstab für den Brexit heranzieht – auch wenn es die Planungen erleichtert. Er sollte lieber akzeptieren, dass es eine Gleichung mit vielen Unbekannten ist und sich größtmögliche Flexibilität schaffen – und zwar für das Währungsmanagement, die Nachfrageentwicklungen und das Handelsumfeld.

Aus der Unsicherheits-Not eine Tugend machen

Drittens: Rosinen picken! Ein Brexit trifft nicht nur das eigene Unternehmen. Kunden, Mitbewerber, Zulieferer  – alle müssten sich mit der neuen Situation auseinandersetzen. Gibt’s da nicht auch genug Chancen für das eigene Unternehmen? Was ist mit den Kunden, die bisher von UK-Konkurrenten beliefert wurden? Was ist mit den Mitarbeitern der verunsicherten Konkurrenzunternehmen? Für alle Unternehmen, die nicht faul sind, ist der Brexit auch eine großartige Gelegenheit, von der neuen Beweglichkeit der Wettbewerbskräfte zu profitieren. „Go out and buy or bury your Competition!“ empfahl auch der frühere General Electric CEO Jack Welch gerne, wenn er nach Tipps für unsichere Zeiten gefragt wurde.

Herrmann Hesse: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“

Viertens: Kommunikation vorbereiten! Neue Stakeholder sind das eine. Alte Stakeholder, die gehalten werden wollen, das andere. Hier ist eine intensive Kommunikation notwendig – auch und vor allem durch den CFO. Wer verängstigt ist, will schließlich beruhigt werden. CFOs und IR-Manager sollten daher die Bindungen zu ihren Stakeholdern festigen, indem sie als Gesprächspartner zur Verfügung stehen und sich im Brexit-Fall als Freund in der Not erweisen.

Zugegeben, viel Zeit ist nicht mehr für die Vorbereitung. Aber die meisten Unternehmen haben ihre Hausaufgaben ja bereits gemacht. Alle anderen sollten sich diese Liste in den verbleibenden Tagen noch einmal zu Herzen nehmen. Und wenn wir dann am 24. Juni aufwachen und erfahren, dass die Briten tatsächlich für den Austritt gestimmt haben? Dann schnell zum Bücherregal springen, das wunderbare Gedicht „Stufen“ von Herrmann Hesse durchlesen, Ärmel hochkrempeln, und ran an die Arbeit! Riiing: „Lieber Stakeholder, wir haben da eine gute Nachricht für Sie…“

redaktion[at]finance-magazin.de

Wann schadet ein Skandal einem Unternehmen wirklich? Treiben Nachhaltigkeitsprojekte den Unternehmenswert nach oben? Wie wichtig ist Risikomanagement wirklich? In seinem Blog „Was wirklich zählt“ zeigt Bewertungsexperte Matthias Meitner wann Soft Facts tatsächlich einen Einfluss haben – und wann der CFO getrost darauf verzichten kann.

Mehr über die Folgen des britischen Votums für einen Austritt aus der EU lesen Sie auf unserer Themenseite zum Brexit.