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15.08.16
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Statistiker und das Terrorrisiko: Was CFOs daraus lernen können

Laut Risikoforschern ist unsere aktuelle Terrorangst statistisch nicht gerechtfertigt. Doch solche Analysen greifen viel zu kurz. Aus diesem Wissen können CFOs einiges für ihr betriebliches Risikomanagement ableiten.

Immer wenn sich seltene Katastrophen mit gravierenden Folgen wie beispielsweise ein Flugzeugabsturz oder ein Reaktorunfall ereignen, schlägt die Stunde der Statistiker: „Keine Sorge“, teilen uns die Forscher dann mit: „Historische Daten zeigen, dass es viel wahrscheinlicher ist, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, als …“

Solche Botschaften sind sinnvoll und wichtig, schließlich neigen wir Menschen dazu, das langfristige Gesamtbild aus den Augen zu verlieren und uns zu sehr von dem gerade Erlebten beeindrucken zu lassen. Rezenzeffekt nennt die Verhaltensökonomie diese Irrationalität.

Terrorrisiko ist nur schwer mit historischen Daten beizukommen

Auch im Zusammenhang mit den jüngsten Anschlägen in Europa wurden in den Medien Statistiker bemüht. Und auch hier war die Botschaft klar: Keine Angst! Das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz umzukommen, ist – obwohl es selbst schon so klein ist – noch immer fast dreimal so hoch wie für den Tod nach einem Terroranschlag. Selbst die Zahl derjenigen, die durch akute Pilzvergiftung ums Leben kommen, sei wesentlich höher als die der Terroropfer in Europa.

Doch genau beim Thema Terrorrisiko verfängt eine derartige Risikoeinschätzung nicht. Die Ursachen hierfür werfen auch ein Schlaglicht auf die Herausforderungen des modernen betrieblichen Risikomanagements.

Das erwartete Risiko ist höher als das historische Risiko

Wir alle wissen: Entscheidungsrelevant für CFOs ist das zukünftig erwartete Risiko. In der Praxis stoßen wir damit aber schnell an Grenzen. Denn: Wir Menschen sind extrem schlecht darin, Erwartungswerte zu bilden. Wie gut, dass wir für zukünftige Häufigkeitseinschätzungen auf historische Daten zurückgreifen können: Opfer von Blitzeinschlägen, Flugzeugabstürzen und so weiter. Da wir nicht erwarten, dass sich bei diesen Ereignissen das Risikoprofil nennenswert verändert, ist die Vergangenheit ein guter Schätzer für die Zukunft.

Doch Terrorrisiko ist anders. Die geopolitische Situation hat sich in den vergangenen Monaten so stark verändert, dass unsere Erwartungen für die Zukunft gerade nicht mit langfristigen historischen Beobachtungen erklärt werden können. Die letzten zwanzig Jahre sind nicht repräsentativ für das, was heute passiert. In der Statistik spricht man von einem Strukturbruch.

Auch unternehmerisches Risikomanagement kennt dieses Problem. Beispiel Finanzkrise: Gefüttert mit den historischen Korrelationen der einzelnen Wertpapiere, gaben die Risikomodelle der Banken im Lichte des tatsächlich erfolgten Anstiegs der Korrelationen völlig fehlerhafte Handlungsempfehlungen. So wirkten sie wie ein Brandbeschleuniger.

Risiko-Asymmetrie verstärkt die Bedeutung

Es gibt noch eine weitere Besonderheit bei Terrorrisiken: Viele Lebensrisiken sind zeitlich weitgehend stabil, zum Beispiel die Häufigkeit von Blitzschlägen. Andere haben einen eingebauten Dämpfungsmechanismus: Wenn sich die Anzahl der Flugzeugabstürze über die Zeit erhöhen würde, würden verstärkte Sicherheitsmaßnahmen in der Folge wieder zu einem Rückgang der Unfälle führen.

Terrorrisiko weist dagegen positive Feedback-Charakteristika auf. Eine zunehmende Anzahl von Terroranschlägen hätte nämlich Auswirkungen auf die Stabilität und den Zusammenhalt der Gesellschaft und könnte radikale Parteien beflügeln. Terrorrisiko führt somit auch zum Risiko eines Verlusts an Lebensqualität. In Unternehmen haben derartige Verkettungen ebenfalls eine besondere Brisanz. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Reputations-Todeszone, in der Unternehmen schon allein durch Gerüchte in die Insolvenz fallen können.

Big Data kann den gesunden Menschenverstand nicht ersetzen

Das führt uns zurück zu einem großen Problem in den Finanzabteilungen großer Unternehmen: Die zunehmende Verfügbarkeit von Daten hat in den letzten Jahren in vielen Konzernen dazu geführt, dass das Risikomanagement-Pferd gerne von hinten aufgezäumt wird: Wir haben historische Zahlen, jetzt können wir das Risiko bestimmen! Das ist gefährlich, denn sinnvoll ist es nur anders herum: Wir müssen das Risiko bestimmen! Können uns die Daten dabei helfen?

Niemand will sagen, dass die Historie ohne Wert ist, aber bitte nicht einfach extrapolieren. Niemand wird behaupten, dass es einfach ist, Risiko-Erwartungen zu bilden. Aber wenn sich das Umfeld geändert hat, dann müssen CFOs reagieren. Irrationalität um der persönlichen Absicherung Willen (Daten sind einfacher zu kommunizieren als die eigene subjektive Einschätzung) ist im Unternehmen fehl am Platz.

Was nun schließlich das Terrorrisiko und unser persönliches Wohlbefinden angeht: Menschen sind nicht der Rationalität verpflichtet. Privat kann man den Statistikern ruhig ein bisschen mehr glauben, als CFOs es tun sollten. Und halten Sie es mit Sigmund Freud: „Illusionen empfehlen sich dadurch, dass sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen.“

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Wann schadet ein Skandal einem Unternehmen wirklich? Treiben Nachhaltigkeitsprojekte den Unternehmenswert nach oben? Wie wichtig ist Risikomanagement wirklich? In seinem Blog „Was wirklich zählt“ zeigt Bewertungsexperte Matthias Meitner wann Soft Facts tatsächlich einen Einfluss haben – und wann der CFO getrost darauf verzichten kann.