Ausverkauftes Haus beim 1.FC Köln: Das zu kleine Stadion kostet den FC jede Saison weit über 10 Millionen Euro, rechnet Finanzchef Alexander Wehrle vor. Er will das ändern.

picture alliance/Augenklick

19.09.17
CFO

1.FC Köln-CFO Wehrle: „Lassen derzeit 12 Millionen pro Jahr liegen“

Sprudelnde TV-Gelder, rasant steigende Sponsorenerlöse, 35 Millionen aus dem Modeste-Verkauf und obendrauf die Europa League – der 1.FC Köln kann finanziell aus dem Vollen schöpfen. Doch CFO Alexander Wehrle warnt vor Übermut.

Im Sommer haben Sie 35 Millionen Euro Ablöse für Anthony Modeste kassiert. Die Summe floss schon komplett in Ihre Kassen – abzüglich von 5 Millionen, die laut Medienberichten Modestes vorherigem Verein TSG Hoffenheim zustehen. Was will der 1. FC Köln mit diesem Rekorderlös machen?
Wir hatten ja auch schon vor dem Modeste-Transfer Einnahmen generiert und über den Sommer bereits über 30 Millionen Euro in unseren Kader investiert, unter anderem eine zweistellige Millionenablösesumme für unseren neuen Stürmer Jhon Cordoba. Mit dem Rest wollen wir unser Liquiditätspolster und unser Eigenkapital stärken. Im Winter und im nächsten Jahr stehen ja wieder Transferausgaben an.

Wie ist der aktuelle Stand bei Ihren Überlegungen zu einem Aus- oder gar Neubau Ihres Stadions?
Wir prüfen gerade, ob ein Ausbau des bisherigen Stadions technisch machbar und wirtschaftlich sinnvoll ist, analysieren gleichzeitig aber auch mögliche Standorte für einen Neubau. Das Ergebnis ist offen, aber unstrittig ist der Bedarf. Aktuell haben wir in unserem Stadion eine Kapazität von 50.000 Plätzen. Es stehen nur 15.000 Tageskarten zur Verfügung, und darauf haben unsere über 95.000 Mitglieder ein Vorkaufsrecht. Unsere Warteliste für Dauerkarten umfasst 15.000 Namen. Mit dieser Nachfrage könnten wir eine Stadionkapazität von 75.000 anbieten und wären immer noch meistens ausverkauft.

Wie viel Geld lassen Sie derzeit wegen des zu kleinen Stadions liegen?
Wir schätzen 12 bis 15 Millionen Euro pro Jahr. In dieser Höhe halten wir auch deshalb Mehreinnahmen für realistisch, weil sich die Zahl unserer Logen und Business-Seats vor allem bei einem Stadionneubau deutlich erhöhen würde. Aktuell können wir nur 3.000 Business-Seats und 1.000 Logenplätze verkaufen.

Könnte sich der FC den Bau eines eigenen Stadions überhaupt leisten?
Das müssten wir natürlich genau durchrechnen, aber ich glaube schon, dass das machbar wäre. Unser Eigenkapital, das am Ende der Saison 2015/16 9 Millionen Euro betrug, ist in der abgelaufenen Saison deutlich gestiegen – die genaue Zahl nennen wir in wenigen Tagen, Ende September. Und wir zahlen heute 10,2 Millionen Euro pro Jahr Stadionmiete, damit sind wir Nummer Eins oder Zwei in der ganzen Bundesliga. Wenn man diese Summe statt für Miete in Kreditzinsen veranschlagt, könnte der FC eine ganze Menge Fremdkapital für einen möglichen Stadionbau aufnehmen.

Mehr Gewinn, weniger Schulden: Der Turnaround des 1.FC Köln

(Angaben in Mio. €)

Quelle: 1.FC Köln

Der 1. FC Köln könnte die Fananleihe zügig tilgen

Aktuell hat der 1.FC Köln immer noch fast 20 Millionen Euro Finanzschulden, die aus der Zeit stammen, als der FC in schwerer Schieflage war. 15,5 Millionen Euro sind in Form einer noch lange laufenden Fananleihe strukturiert. Könnten Sie diese Finanzierung vorzeitig ablösen, wenn Sie wollten?
Nicht komplett, aber wir können das Anleihevolumen deutlich reduzieren. Wir haben uns gegenüber den Anleihezeichnern im Depot dazu verpflichtet, pro Jahr mindestens 1,3 Millionen Euro zurückzuführen. Optional können wir aber auch bis zu 3,2 Millionen pro Jahr sondertilgen. In diesem Sommer haben wir nur das Minimum getilgt, im nächsten Sommer könnte es mehr werden. Das ist auch so gewollt: Ich habe die Struktur bewusst so gewählt, damit wir nicht bis 2023 die vollen 15,5 Millionen Euro vor uns her schieben, auch wenn wir längst die Mittel hätten, uns zu entschulden oder günstiger zu finanzieren.

Wie sehen Ihre Schulden jenseits der Fananleihe aus?
Der 1.FC Köln hatte noch Schulden in Höhe von 3 Millionen Euro bei privaten Darlehensgebern. Die haben wir im Sommer komplett abgelöst. Das hat unsere Finanzierungsstruktur deutlich vereinfacht. Jetzt – zum Stand unseres jüngsten Bilanzstichtags, dem 30. Juni 2017 – gibt es neben der Anleihe nur noch zwei Annuitätendarlehen mit unseren beiden Banken über 3,4 Millionen Euro, die wir laufend tilgen.

FC-CFO Wehrle: „Wachsen beim Sponsoring um 15 bis 20 Prozent“

Bereinigt – ohne Transfererlöse und Europacup-Einnahmen – dürfte der FC aktuell bei einem Umsatz von knapp über 100 Millionen Euro stehen. Das dürfte zu wenig sein, um sich auf Dauer in den Top 6 der Bundesliga zu etablieren.
Das sehe ich optimistischer. Wir sind auf einem klaren Kurs auf einen normalisierten Umsatz von 130 Millionen Euro pro Jahr. Unsere Europacup-Teilnahme wird uns nach den einmaligen Einnahmen aus dieser Saison auch in den Jahren danach noch mehrere Millionen Euro pro Jahr an Prämien bringen. In der Bundesliga sind wir im TV-Ranking von Platz 14 auf 9 gesprungen, das bringt uns weitere 10 Millionen pro Jahr. Ich würde sagen, wir liegen im oberen Mittelfeld der Bundesliga – mit einem stabilen Aufwärtstrend.

Zeigt sich die überraschend gute sportliche Entwicklung der letzten zwei Jahre – den schwachen Saisonstart einmal ausgeklammert auch in besseren Perspektiven für Ihr Sponsoring und das Merchandisinggeschäft?
In der Saison 2016/17 haben wir unsere Merchandisingeinnahmen von 9,5 auf 13,1 Millionen Euro gesteigert. Damit gehören wir zu den Top 5 der Bundesliga. Bis 2020 peilen wir Erlöse von 20 Millionen an. Und bei den Sponsoringerlösen wachsen wir seit langem um 15 bis 20 Prozent pro Jahr. Große Hebel, dort weiter zu wachsen, ist auch bei uns die Internationalisierung.   

Eine Untersuchung der Business-School HHL Leipzig hat dem FC jüngst große Schwächen bei der Internationalisierung bescheinigt.
Dieses Urteil kann ich nicht nachvollziehen. Wir sind der erste deutsche Verein, der eine Kooperationsvereinbarung mit einem chinesischen Klub geschlossen hat. Dort vor Ort bauen wir auch gemeinsam mit den Chinesen eine Fußballakademie. Daraus erhoffen wir uns einen Imagetransfer – zuerst einmal nur in die Provinz, wo wir präsent sind. Aber dort allein leben 40 Millionen Menschen, und ab Sommer 2018 wird in China jedes Bundesligaspiel im Fernsehen gezeigt.

Wehrle: „Der 1.FC Köln produziert keine Etatlöcher“

Welchen Anteil der ganzen zusätzlichen Einnahmen werden Sie in den Spieleretat stecken?
In die Mannschaft zu investieren, ist unsere oberste Maxime. 2016/17 hatten wir einen Etat von 38 Millionen Euro. Damit ist man in Europa nicht wettbewerbsfähig. Daher haben wir den Etat für die laufende Saison auch deutlich ausgeweitet. Wir stecken aber keine Sondererlöse in die Mannschaft, sondern nur das, was nachhaltig erwirtschaftet wird und wiederkehrend ist, zum Beispiel die zusätzlichen TV-Erlöse. Auf keinen Fall produzieren wir Etatlöcher in der Hoffnung, dass später vielleicht der sportliche Erfolg kommt.

Frisches Kapital von Investoren könnte den 1.FC Köln auf die nächste Stufe heben.
Das ist für uns derzeit kein Thema, und schon gar nicht, um ausschließlich die Mannschaft zu verstärken. Eine strategische Beteiligung anzustreben macht aus unserer Sicht nur Sinn, wenn damit ein langfristiges Infrastrukturvorhaben finanziert wird und damit nachhaltig wieder höhere Einnahmen generiert werden können. Alles andere ist Spekulation.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Wie der Milliardenregen aus den TV-Geldern und vom Transfermarkt die Finanzen der Bundesligaklubs auf ein neues Level hebt, lesen Sie in der Titelstory des aktuellen FINANCE-Magazins, als ePaper erhältlich hier.

Zahlreiche Analysen zur Finanzlage von Klubs wie Bayern München, VfB Stuttgart, dem HSV und vielen mehr gibt es in unserem FINANCE-Blog „3. Halbzeit “.