Kommt nach dem Rekordjahr jetzt der finanzielle Einbruch bei Borussia Mönchengladbach? Geschäftsführer Stephan Schippers hält dagegen.

Borussia Mönchengladbach

12.09.17
CFO

Gladbach-Chef Schippers: „Unsere Finanzen sind solide“

Nach einem Rekordjahr 2016 bekommt Borussia Mönchengladbach in diesem Jahr einen Dämpfer: Ohne Rekordtransfers und die Europacup-Einnahmen droht ein Umsatzeinbruch. Trotzdem sieht Finanzchef Stephan Schippers die Borussia „solide aufgestellt“ – auch ohne Investoren von außen.

Borussia Mönchengladbach hatte 2016 ein Ausnahmejahr: 197 Millionen Euro Umsatz, 27 Millionen Euro Reingewinn – aber auch dank der Champions-League-Teilnahme und des Verkaufs von Granit Xhaka für 43 Millionen Euro zu Arsenal London. Was ist die eigentliche wirtschaftliche Flughöhe der Borussia?
Ohne große Transfererlöse und die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb bewegen wir uns bei einem Umsatz von 140 bis 150 Millionen Euro pro Jahr. Im Jahr 1999 lagen wir noch bei 16 Millionen Euro. Bei Borussia Mönchengladbach hat sich der Umsatz seitdem also in etwa verzehnfacht. Damit sind wir noch wesentlich stärker gewachsen als die Bundesliga als Ganzes. 

Der Xhaka-Transfer ist ein Sinnbild dafür, wie die Milliardenzuflüsse für die Premier-League-Klubs auch das Finanzniveau in der Bundesliga heben. Ist die Bundesliga ein Nutznießer der astronomischen englischen Pay-TV-Verträge?
Das sehe ich nicht so. Natürlich bringt uns ein Transfer wie Granit Xhaka sehr hohe Erlöse, aber ein solcher Abgang kostet uns auch sportlich Substanz. Diese müssen wir dann über den Transfermarkt wieder auffüllen. Wir machen dabei aber nichts Verrücktes. Unsere Transferphilosophie ist, dass wir junge Spieler finden wollen, die bei uns den zweiten oder dritten Schritt machen, um dann später gegebenenfalls von der Borussia aus vielleicht zu einem der ganz großen Klubs zu wechseln – so wie Granit Xhaka.  

Ein anderer Teil der Borussia-Philosophie ist, dass Sie 90 Prozent Ihrer Erträge in den Sport investieren und nur 10 Prozent in die Infrastruktur. Warum legen Sie nicht mehr zur Seite – speziell in Zeiten eines so aufgeheizten Transfermarkts wie aktuell?
Weil wir ein Sportverein sind, und unser Ziel ist der sportliche Erfolg. Trotzdem sind unsere Investitionen in die Infrastruktur hoch. Wir haben in den frühen 2000er-Jahren rund 110 Millionen Euro in unser Stadion „Borussia-Park“ investiert und seitdem weitere Grundstücke im Anschluss an unser Vereinsgelände erworben. Dort bauen wir auf 15.000 Quadratmetern gerade ein Hotel und eine neue Fanwelt, bestehend aus interaktivem Vereinsmuseum und neuem Fanshop, einem Ärztehaus, einem Reha-Zentrum und weiteren Büros für unsere Geschäftsstelle. In dieses Projekt stecken wir 31 Millionen Euro – 10 Millionen davon aus eigenen Mitteln, 21 Millionen aus einem Darlehen von der Postbank. Als nächstes planen wir schon den Bau eines neuen Jugendinternats.

Gladbach refinanziert Stadionschulden

Wie steht es um die Finanzkraft der Borussia?
Wir sind solide aufgestellt. Wir verfügen über ein Eigenkapital von 88 Millionen Euro, das entspricht einer Eigenkapitalquote von 44 Prozent. Operativ haben wir keine Verbindlichkeiten, unsere Finanzschulden von 48 Millionen Euro stammen noch aus dem Bau des Borussia-Park, der zu 100 Prozent Borussia Mönchengladbach gehört.

Die Stadionfinanzierung haben Sie Ende Juli neu aufgestellt. Die noch offenen 52 Millionen Euro wollen Sie jetzt schneller tilgen als geplant. Was sind die Details?
2002 haben wir den Stadionbau aus zwei Quellen finanziert: Die eine war ein Konsortialkredit über 43,5 Millionen Euro unter Führung der SEB, den wir am 31. Juli komplett getilgt haben. Das zweite Darlehen kam von der Stadt Mönchengladbach und hatte anfangs ein Volumen von 35,8 Millionen Euro. Durch aufgelaufene Zinsen ist das Kreditvolumen über die Zeit auf 50,6 Millionen Euro gestiegen. Diese Summe haben wir jetzt zurückgezahlt – zu 2,6 Millionen Euro aus unseren eigenen Mitteln, zu 48 Millionen Euro mit Hilfe zweier neuer Bankdarlehen von der Postbank und der Stadtsparkasse Mönchengladbach.

Was ändert sich dadurch für die Borussia?
Der Kredit von der Stadt hatte einen Zinssatz von 3,6 Prozent, unser neues Darlehen liegt bei 2,2 Prozent. Die Zinsersparnis stecken wir komplett in die Tilgung, wodurch sich der Zeitraum, bis der Kredit abbezahlt ist, von 2036 auf 2029 reduziert. Pro Quartal planen wir, dieses Darlehen annuitär um 1 Million Euro zurückzuführen.    

Borussia Mönchengladbach holt auf

(Angaben in Mio. €)

Quelle: Borussia Mönchengladbach

Gladbach-Chef Schippers: „Wollen nie zu Notverkäufen gezwungen sein“

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Schlagkraft der Borussia im Vergleich zur Konkurrenz ein? Die Borussia dürfte ungefähr auf dem Niveau von Konkurrenten wie Schalke 04 oder den Werksklubs aus Wolfsburg, Leverkusen und Leipzig stehen.
Ich ziehe nicht gerne Vergleiche zur Konkurrenz, die oft auch anders agiert als wir. Borussia Mönchengladbach geht zum Beispiel keine Verbindlichkeiten ein, um den Kader zu verstärken. Deshalb wird unser Spieleretat in dieser Saison auch nicht ansteigen, nachdem wir uns nicht für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren konnten. Und wenn wir den Europapokal auch in dieser Saison nicht erreichen sollten, würde der Etat tendenziell sogar sinken, trotz der steigenden TV-Erlöse. Unsere Maxime ist, dass wir nie dazu gezwungen sein wollen, Notverkäufe zu tätigen.

Wie sieht Ihre Wachstumsstrategie für die nächsten Jahre aus – abgesehen von der Hoffnung auf eine Rückkehr nach Europa?
Dank der guten Arbeit der DFL wissen wir schon jetzt sehr genau, mit welchen Einnahmesteigerungen wir bei den TV-Erlösen in den nächsten Jahren kalkulieren können. Im Herbst 2018 eröffnen wir dann das eben erwähnte neue Gebäude. Davon erwarten wir uns eine größere Fanbindung: Wer will, kann dann ein ganzes Wochenende hier verbringen, ohne den Borussia-Park zu verlassen: Besuch eines Bundesligaspiels, Stadionführung, Museumsbesuch, Vorbeischauen bei einem Spiel unserer U19 oder U17 – übernachten kann man dann im Hotel und essen bei uns in der Sportsbar. Das alles steigert das Borussia-Gefühl und natürlich auch die entsprechenden Einnahmen. Auch die Digitalisierung und Internationalisierung gehen wir an, hier sei als Beispiel die virtuelle Werbung genannt. Außerdem sehen wir durch unsere Nähe zu Belgien und den Niederlanden durchaus Chancen, in unserem nahen Umfeld international zu wachsen – ohne natürlich zu vergessen, wo unsere Wurzeln sind.

Schippers sieht Investorenmodell der Bayern als Vorbild

Unter welchen Umständen wären Sie dazu bereit, Sponsoren als „strategische Partner“ zu Gesellschaftern der Borussia zu machen, so wie es zuletzt der VfB Stuttgart mit Daimler gemacht hat?
Wir sind stolz darauf, dass der Verein nach wie vor sämtliche Anteile der Kapitalgesellschaft von Borussia Mönchengladbach besitzt. Mit diesem Gut gehen wir sehr vorsichtig um.

Ihre Kollegen vom VfB haben mit dem Argument für die Investorenlösung mit Daimler  geworben, dass der Klub ohne die Millionenspritze sportlich den Anschluss an die obere Bundesligahälfte verlieren würde.
Wir bei Borussia Mönchengladbach verspüren keinen Druck, Anteile an unserer Kapitalgesellschaft veräußern zu müssen. Wir stehen auf festem wirtschaftlichem Grund. Dies haben wir uns im letzten Jahrzehnt erarbeitet. Sämtliche Rechte liegen zu 100 Prozent in unseren Händen, wir sind also Herr im eigenen Haus. Wenn wir dennoch einmal zu dem Schluss kommen sollten, eine langfristige Partnerschaft mit einer Kapitalbeteiligung zu untermauern, könnten wir uns Bayern München zum Vorbild nehmen. Die Bayern haben das aus unserer Sicht sehr gut gemacht, indem sie für eine hohe Bewertung ihre drei wichtigsten Sponsoren mit jeweils 8,3 Prozent beteiligt und damit langfristig gebunden haben. Wenn wir hinsichtlich einer Partnerschaft aktiv werden, dann würde es aus heutiger Sicht in diese Richtung gehen. Aber aktuell steht das Thema nicht an.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Wie der Milliardenregen aus den TV-Geldern und vom Transfermarkt die Finanzen der Bundesligaklubs auf ein neues Level hebt, lesen Sie in der Titelstory des aktuellen FINANCE-Magazins, als ePaper erhältlich hier.

Zahlreiche Analysen zur Finanzlage von Klubs wie Bayern München, VfB Stuttgart, dem HSV und vielen mehr gibt es in unserem FINANCE-Blog „3. Halbzeit “.