Bankenverband

19.12.13
CFO

„Im Corporate Banking hat sich nichts verändert“

Markus Beumer, Firmenkundenvorstand der Commerzbank, hat erlebt, wie die Bankenwelt in den letzten fünf Jahrenauf den Kopf gestellt wurde. Für das Corporate -Geschäft will er dies jedoch nicht gelten lassen.

Herr Beumer, wir sollten versuchen, mit einer Tradition zu brechen: Wenn wir Interviews geführt haben, ist kurz darauf immer etwas Dramatisches passiert. Nach unserem Gespräch im Mai 2007 kam die Subprime-Krise, und kurz nach dem Interview im August 2008 kündigten Sie die Übernahme der Dresdner Bank an, und Lehman implodierte. Seitdem räumen Sie auf. Wie haben Sie die letzten fünf Jahre persönlich erlebt?
Die Antwort muss man zweiteilen. In meinem Job als Verantwortlicher für das Mittelstandsgeschäft haben wir auch in der Krise einfach systematisch weitergemacht. Da hat uns die Übernahme der Dresdner Bank deutlich gestärkt, wir mussten nichts fundamental ändern. Diese Aufgabe war mein stabiler Anker. Ganz anders sieht das in meinem Job als Bankvorstand aus. In dieser Verantwortung hat es nicht ein einziges Jahr mit Routine gegeben. Wir mussten in einem sehr engen Zeitrahmen auf die Herausforderungen des Marktes und der Regulatorik reagieren. Und es gab nicht eine einzige Blaupause für die Dinge, die wir entscheiden mussten. Ob Staatsschuldenkrise, Immobilienkrise, der dramatische Einbruch der Weltkonjunktur oder jetzt auch die Schifffahrtskrise – wir konnten uns nie an Modellen orientieren, sondern mussten immer ad hoc und individuell reagieren. Das war eine sehr spannende, aber auch sehr anstrengende Zeit. Immerhin hatte ich es besser als viele meiner Kollegen, weil ich auch noch meine Kunden hatte.

Täuscht der Eindruck, dass sich viele Bankvorstände die Entwicklungen beim Thema Regulierung erst mal angeschaut haben, ohne schon Antworten zu suchen?
Ich glaube, der Eindruck täuscht gewaltig. Wir jedenfalls haben uns sehr schnell mit den wichtigen Themen beschäftigt. Bei der Trennbankendiskussion haben wir zum Beispiel sehr rasch Szenarien entworfen und auch ausgerechnet, von welchen Geschäften wir uns getrennt hätten. Auch bei der Finanztransaktionssteuer haben wir sofort kalkuliert, welche Deals sich künftig nicht mehr rechnen. Und Basel 3 haben wir schon weitgehend verarbeitet.

Wie sieht denn auf Basis der aktuellen Regulierung die neue Strategie im Firmenkundengeschäft aus?
Durch die Schonung der KMUs in den nächsten drei Jahren sind die Auswirkungen der Regulierung zunächst nicht gewaltig. Die Kunden haben ihr Verhalten geändert und halten hohe Liquiditätsreserven, die sich bei uns als Anlagen widerspiegeln. Das macht beide Seiten krisenfester. Mehr als Basel 3 machen mir Bilanzierungsregeln Kopfschmerzen, zum Beispiel IFRS 9. Das könnte viel höhere Relevanz haben als die Regulierung. Wenn man wirklich für sehr langfristige Kredite à la US-GAAP einen barwertigen Expected Loss über die gesamte Laufzeit buchen muss, dann müssen diese Engagements in den ersten Jahren grellrot sein. Das würde die Langfristfinanzierung durch Banken erschweren, weil wir im Pricing deutlich nach oben gehen müssten.

„Ein langfristiger Kredit heute und vor zehn Jahren ist kaum vergleichbar.“

Vertreibt die Regulierung nicht ohnehin die langfristigen Finanzierungen aus den Bankbilanzen?
Ein Stück weit schon. Sie waren übrigens auch nicht immer bei den Banken. Vor zwanzig Jahren war die Bank vor allem im kurzfristigen Bereich engagiert und hat Langfristigkeit eher de facto, aber nicht vertraglich hergestellt. Aber wer soll jetzt in die Bresche springen?

Das könnten Versicherungen tun, die haben das früher ja auch gemacht. Spricht aus Ihrer Sicht etwas dagegen?
Erst mal nicht, weil die Versicherungen ja kein Cross-Selling beanspruchen. Aber ich bin nicht sicher, ob es volkswirtschaftlich eine gute Idee wäre. Die Einschätzung eines Kreditrisikos ist eine Domäne der Banken. Und wir können heute mit den Finanzierungen flexibel umgehen. Ein langfristiger Kredit heute und vor zehn Jahren ist kaum vergleichbar. Heute gibt es viele Möglichkeiten, bei substantiellen Veränderungen auf Seiten des Kreditnehmers einzugreifen. Wir nennen das die Reagibilität eines Kredits. Ich habe große Zweifel, dass andere Investoren solche Strukturen bauen und leben könnten.

bastian.frien[at]finance-magazin.de

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