Intelligente Algorithmen sollen künftig die Due Diligence vereinfachen. Doch am Anfang gibt es noch Stolperfallen.

Pixtum/iStock/Thinkstock/Getty Images

07.02.17
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Künstliche Intelligenz soll Due Diligence beschleunigen

Bei M&A-Deals ruhen große Hoffnungen auf dem Einsatz künstlicher Intelligenz. Die Idee: Wo früher der Anwalt stapelweise Verträge durchforsten musste, soll dies bald ein Algorithmus übernehmen.

Eine Due Diligence gehört zu den Standards bei M&A-Prozessen. Dennoch sind viele Aufgaben unbeliebt: So mancher Anwalt erinnert sich noch mit Grauen an lange Stunden, die er damit zugebracht hat, Stapel an Vertragsdokumenten beispielsweise nach Change-of-Control-Klauseln zu durchforsten. Das kostet Zeit und ist teuer. Die große Hoffnung ruht darauf, dass bald intelligente Algorithmen einen Teil der Routineaufgaben abdecken könnten. Auch Wirtschaftsprüfer experimentieren bei diesen Themen mit künstlicher Intelligenz

Bis ein Algorithmus wichtige Aufgaben in einer Due Diligence übernehmen kann, ist allerdings noch viel Vorarbeit erforderlich. Die Wirtschaftskanzlei CMS hat in Deutschland kürzlich die Kooperation mit dem kanadischen Unternehmen Kira Systems öffentlich gemacht. Dessen Software Kira soll bei CMS künftig dafür genutzt werden, große Datenmengen auch in deutscher Sprache zielgerichtet zu durchsuchen – und zwar nicht nur nach einzelnen Schlagworten, sondern nach komplexeren Mustern.

Zunächst muss Kira dafür deutsch lernen: „Kira ist ein maschinenlernender Algorithmus, der Datenmengen auf ein Set an Klauseln durchforsten kann. Diese sind bislang in englisch angelegt. Wir pflegen nun deutsche Musterdokumente ein“, erklärt Stefan Sieling, Partner im Stuttgarter Büro von CMS. Die Kanzlei kann auf anonymisierte Musterverträge und Schriftstücke von rund 600 Anwälten zugreifen. Je mehr Datensätze Kira kennt, umso besser kann die Software Muster identifizieren. Mit der Zeit sollte die Trefferquote daher immer besser werden. 

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Algorithmen kommen bei der Due Diligence zum Einsatz

Die Hauptanwendung im täglichen Kanzleigeschäft wird Sieling zufolge die Due Diligence sein. Dabei ist es wichtig, dass die Algorithmen über eine bloße Schlagwortsuche hinausgehen – sonst wäre die Trefferquote zu gering. Eine Change-of-Control-Klausel beispielsweise besagt, dass bestehende Verträge angepasst werden können, wenn sich die Eigentümerstruktur des Unternehmens ändert. Dieser Sachverhalt lässt sich über viele unterschiedliche Formulierungen in einem Vertrag abbilden. Das Schlagwort „Change of Control“, nach dem eine klassische Suchfunktion filtert, muss nicht zwingend vorkommen.

„Bislang war die Prüfung deshalb sehr aufwendig“, sagt Sieling. Kira dagegen lernt verschiedene Formulierungen und Regelungszusammenhänge und identifiziert die gesuchten Klauseln anhand verschiedener Parameter: „Der Algorithmus prüft beispielsweise, welche Wörter benutzt werden, an welcher Stelle im Vertrag eine Formulierung steht, welche Ausdrücke in den Abschnitten davor und danach auftauchen, welche Querverweise es auf andere Stellen im Vertragswerk gibt und vieles mehr.“ Am Anfang stehen Testläufe – erst wenn die Trefferquote stimmt, geht das Produkt an den Kunden.

Auch wenn die Ergebnisse, die der Algorithmus ausgibt, noch kritisch durchgeschaut werden müssen, geht Sieling von einer Zeitersparnis aus. „Einige Beraterstunden werden entfallen können“, vermutet er. „Im herrschenden Wettbewerb hilft uns dies, effizienter zu sein.“

Drooms setzt auf intelligente Algorithmen im Datenraum

Der Datenraumanbieter Drooms hat nach einer internen Testphase mit Kunden seit einigen Monaten bereits eine erste Fassung seines intelligenten Algorithmus am Markt. Einen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb verspricht sich Drooms davon, dass die Analysen direkt gesichert im Datenraum ablaufen und die teils sensiblen Daten dieses geschützte System nicht verlassen müssen. Zudem setzt der Datenraumanbieter auf Mehrsprachigkeit: Dokumente werden in derzeit sechs Sprachen eingespeist, weitere sollen hinzukommen.

Den ersten Schritt zur künstlichen Intelligenz ist Drooms über die gewöhnliche Stichwortsuche gegangen. Diese Funktion wünschten sich immer mehr Kunden für den Datenraum. Das Problem: Die Mehrzahl der dort hinterlegten Dokumente sind Scans oder Bilder, die sich nicht durchsuchen lassen. „In einem ersten Schritt haben wir daher mit Optical Character Recognition die Bilder in Schrift übersetzt und durchsuchbar gemacht“, sagt Drooms-Geschäftsführer Alexandre Grellier.

In einem zweiten Schritt stand die Erkennung von Sätzen im Vordergrund: „Eine Plattform, die Sätze erkennt, kann ihre Inhalte auch übersetzen und intelligentere Formen der Suche nutzen.“ Grellier ist sich sicher: „Die nächste Revolution in der Abwicklung der Due Diligence kann nur durch den Einsatz von Algorithmen für eine automatisierte Analytik im virtuellen Datenraum vorangetrieben werden.“ Die Algorithmen von Drooms sollen beispielsweise bei der Identifikation von Dealbreakern, der sogenannten Red Flag Due Diligence, zum Einsatz kommen. 

Algorithmen finden oft zu viel

Die ersten Kundenfeedbacks arbeitet Drooms derzeit in das Produkt ein. Perfekt sind die neuen Funktionen noch nicht, räumt Grellier ein. „Bei der Analyse von Vertragsklauseln muss man noch sehr genau aufpassen, wie man die Suche definiert. Daran arbeiten wir weiter“, sagt er. Derzeit finde der Algorithmus häufig zu viel und verweise zu häufig auf Wortkonstellationen, die im gesuchten Kontext nicht relevant sind. Schon recht gut gelinge dem System der reine Vergleich von Dokumenten, um Abweichungen zu finden.

Grellier glaubt, dass ein Anwalt mit Unterstützung des Algorithmus‘ schon bald bis zu 50 Prozent seiner Zeit einsparen kann – ein Wert, der zügig weiter steigen soll. „Ich denke, dass wir Red-Flag-Analysen in einem Jahr bereits in hoher Qualität rein maschinell abbilden können“, sagt Grellier.

Künstliche Intelligenz ist ein wachsender Markt

Im Bereich Legal Tech differenziert sich der Einsatz künstlicher Intelligenz immer weiter aus. Grellier vermutet, dass es am deutschen Markt Platz für bis zu 15 Anbieter geben wird. Viele suchen ihr Glück in der Nische: Midaxo ist ein britischer Anbieter, der auf die Analyse von M&A-Prozessen und –Verträgen spezialisiert ist. Der Anbieter Leverton fokussiert sich auf Miet- und Lease-Verträge. Die Branche eint derzeit der Wettbewerb um die besten Programmierer: „Diese Menschen zu finden ist unfassbar schwierig und kostet viel Zeit und Geld“, sagt Grellier.

Bei CMS laufen derzeit die Vorbereitungen, mit denen Kira an Klauseln aus dem deutschen Rechtssystem herangeführt wird. Derzeit baut die Kanzlei ein Team auf, das Kira anlernt. „Wir brauchen eine Kombination aus Fachwissen und IT-Kompetenz“, sagt Sieling. Er geht davon aus, dass IT-Kenntnisse für junge Anwälte immer wichtiger werden – zumal Systeme wie Kira auch bei Wettbewerbern zum Einsatz kommen werden. „Es wird mit der Zeit sicherlich immer bedeutsamer, aber auch schwieriger werden, IT-affine Kollegen zu finden und zu halten.“

In einigen Monaten soll Kira dann fit für den Einsatz beim Kunden sein. „Unser Ziel ist es, dass die Software bis Mitte des Jahres zehn bis 15 erste Klauseltypen zuverlässig identifiziert“, sagt Sieling. Mit der Zeit sollen dann nach und nach weitere Klauseln und Sachverhalte folgen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de


Hintergründe über die verschiedenen Prüfstränge finden Sie auf unserer Themenseite Due Diligence. Weitere Beispiele über den Einsatz von Artificial Intelligence finden Sie auf unserer Themenseite Robotics und Künstliche Intelligenz.