Siemens

27.09.17
Deals

Siemens und Alstom haben ehrgeizige Synergiepläne

Siemens und Alstom schmieden einen neuen europäischen Bahnriesen. Spätestens 2022 soll der fusionierte Konzern 470 Millionen Euro Synergien pro Jahr erzielen. Ist das realistisch?

Der Industrieriese Siemens bringt seine Zugsparte in den Alstom-Konzern ein und erhält im Gegenzug 50,5 Prozent der Anteile an dem französischen Rivalen. Das gaben die beiden Großkonzerne in einer gemeinsamen Mitteilung bekannt. Mit dem Deal, der die Betreiber der Schnellzüge ICE und TGV zusammenbringt, wollen Siemens und Alstom einen „europäischen Champion für Mobilitätslösungen“ schaffen.

Die Fusion ist vor allem eine Reaktion auf den chinesischen Weltmarktführer CRRC: Selbst der neue Bahntechnikkonzern, der unter dem Namen Siemens Alstom firmieren wird, ist mit einem Umsatz von zunächst 15,3 Milliarden Euro zunächst nur halb so groß wie CRRC. „Ein marktbeherrschender Akteur in Asien hat die globale Marktdynamik verändert“, erklärte Siemens-CEO Joe Kaeser die Deallogik. Denn CRRC drängt auch nach Europa und macht Siemens und Alstom damit mächtig Konkurrenz – nicht nur in ihren Heimatmärkten, sondern auch beim Export.

Deutsche Bank: Synergiepläne von Siemens Alstom „überambitioniert“

Der fusionierte Konzern soll in sechs Jahren auf einen Umsatz von mehr als 20 Milliarden Euro kommen, also pro Jahr um mindestens 4 Prozent wachsen. Noch ambitionierter erscheinen die Wachstumspläne beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit). Die Ebit-Marge von Siemens Alstom soll bis 2020 zweistellig sein, bis 2023 soll sie auf 11 bis 14 Prozent klettern. 2016 hatten die Partner ein Ebit von 1,2 Milliarden Euro und damit eine Marge von acht Prozent erwirtschaftet.

Das soll auch durch das Heben von Synergien geschehen. Spätestens vier Jahre nach Abschluss der Transaktion, die für Ende 2018 erwartet wird, wollen Siemens und Alstom pro Jahr Verbundeffekte über 470 Millionen Euro erreichen. Deutsche-Bank-Analyst Gael de-Bray hält diese Zahl für „überambitioniert“. Knapp die Hälfte wäre nach seiner Einschätzung realistischer, zitiert ihn das „Handelsblatt“. Der größte Teil der Synergien sei in der Signaltechnik zu erwarten.

Die Zweifel scheinen gerechtfertigt, da sich das globale Geschäft von Alstom und Siemens nach Angaben der Unternehmen ergänzt, es also nur begrenztes Sparpotential gibt. Nach Angaben der beiden Fusionsparteien ist Alstom vor allem in den Wachstumsmärkten im Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika, Indien, Mittel- und Südamerika vertreten, während Siemens vor allem in China, den USA und Russland tätig sei.

Siemens wird neuer Mehrheitseigentümer von Alstom

Die Deal-Struktur ist komplex: Siemens wird zunächst seine Bahntechniksparte in einem Carve-out aus dem Konzern lösen. Die Münchener um CFO Ralf Thomas haben zwar mit Siemens Mobility bereits eine eigene Sparte für den Schienen- und Straßenverkehr. Allerdings ist das Geschäft mit Bahnantrieben, die Siemens ebenfalls in das Gemeinschaftsunternehmen einbringen wird, nicht Teil dieser Sparte.

In einem nächsten Schritt erhält der Dax-Konzern mit 50,5 Prozent eine hauchdünne Mehrheit an Alstom. Der bisherige Alstom-Großaktionär Bouygues unterstützt die Transaktion. Der französische Bau- und Telekommunikationskonzern hat zugesagt, seinen 28-Prozent-Anteil bis mindestens Juli 2018 zu halten. Dann stimmen die Alstom-Aktionäre in einer außerordentlichen Hauptversammlung über den Deal ab.

Der französische Staat hat der de-facto-Übernahme von Alstom durch die Deutschen unter der Voraussetzung zugestimmt, dass Siemens die Anteile mindestens vier Jahre hält und bestimmte Auflagen, etwa zum Beschäftigungsschutz, einhält. Besänftigen dürfte die Franzosen, dass der Sitz der neuen Konzernzentrale in Paris ist, die Börsennotierung in Frankreich erfolgt und der Alstom-CEO Henri Poupart-Lafarge Vorstandschef des fusionierten Unternehmens wird. 

Börse feiert die deutsch-französische Fusion

Am Kapitalmarkt kommt der Deal gut an: Die Siemens-Aktie stieg am Mittwochvormittag um knapp zwei Prozent auf 118 Euro. Der Alstom-Anteilsschein legte sogar um knapp sieben Prozent auf knapp 36 Euro zu. Die Franzosen haben ihren Aktionären zwei Sonderdividenden über bis zu 1,8 Milliarden Euro versprochen.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de