Immer mehr Unternehmen nutzen Factoring. Doch was bringt die Finanzierungsform eigentlich? Die wichtigsten Antworten gibt der FINANCE-Ratgeber.

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05.09.17
Finanzierungen

FINANCE-Ratgeber: Das Einmaleins des Factoring

Für wen lohnt sich Factoring? Ist das Inhouse- oder das Full-Service-Paket die bessere Wahl? Wo liegen die größten Risiken? Das Wichtigste zum Forderungsverkauf auf einen Blick.

Die Umsätze der Factoring-Branche sind in den vergangenen Monaten weiter nach oben geklettert. Immer mehr Unternehmen in Deutschland wollen sich über die Finanzierungsform mit Liquidität versorgen. Das Grundkonzept ist simpel: Ein Unternehmen verkauft seine Forderungen aus Lieferungen oder Dienstleistungen fortlaufend an einen Factoring-Anbieter, der den Großteil der Rechnung sofort begleicht.

 „Nehmen wir eine fiktive Rechnung über 10.000  Euro – das Unternehmen verkauft diese an den Factor und erhält sofort 9.000 Euro dafür ausgezahlt“, erklärt Uwe Müller, Geschäftsführer der Deutschen Factoring Bank, dem Factoring-Anbieter der Sparkassengruppe. „Den Rest erhält das Unternehmen abzüglich der Kosten des Anbieters, sobald sein Kunde den Rechnungsbetrag gezahlt hat.“

Für diese Unternehmen ist Factoring interessant

Aber nicht jedes Geschäftsmodell eignet sich für Factoring. Am weitesten verbreitet ist die Finanzierungsform bei Unternehmen des Handels und produzierenden Gewerbes. „Aber auch Firmen der Dienstleistungsbranche nutzen zunehmend Factoring, zum Beispiel Unternehmen aus dem Bereich des Gebäudemanagements oder Zeitarbeitsfirmen“, sagt Müller.

Weniger geeignet ist Factoring für Firmen des Baugewerbes oder in Branchen, die intensiv projektbezogen arbeiten. „Maßgeblich für den Factor ist, dass die seinerseits zu erwerbenden Forderungen des Unternehmens Rechnungen für in sich abgeschlossene Leistungen erfassen, beide Parteien also vollumfänglich ihren Teil des Grundgeschäfts geleistet haben und die Forderung somit durchsetzbar ist“, erklärt Müller.

Einen generellen Mindestumsatz gibt es nicht, die Anforderungen variieren je nach Anbieter. „Bei uns gilt die Faustregel, dass der Jahresumsatz über 150.000 Euro liegen sollte. In Einzelfällen bedürften unter dieser Schwelle liegende Anfragen einer individuellen Betrachtung“, erklärt der Experte der Deutschen Factoring Bank. Einige neue Wettbewerber haben das Segment für kleinvolumige Forderungen schon besetzt: Mittlerweile drängen Fintechs in den Markt, die Factoring auch für Einzelrechnungen anbieten. Die neuen Marktteilnehmer weiten das Angebot zudem auf Unternehmen mit B2C-Beziehungen aus.

Factoring bringt vor allem dann Vorteile, wenn das Unternehmen mit seinen Kunden relativ lange Zahlungsziele vereinbart hat, denen auf der anderen Seite deutlich kürzere Zahlungsziele bei eigenen Zulieferern oder ähnlichem gegenüberstehen. „Zahlungsziele zwischen 30 und 60 Tagen sind im Inlandsgeschäft üblich, bei unseren Kunden sind es im Schnitt 40 Tage; bei den Auslandsforderungen sehen wir vielfach Ziele ab 60 bis hin zu 150 Tagen und in Einzelfällen darüber hinaus", erklärt Uwe Müller.

Die Grundfunktionen des Factoring

Da Unternehmen beim Factoring unmittelbar nach Forderungsverkauf an den Factor einen Liquiditätszufluss haben, ist eine wesentliche Komponente die Finanzierungsfunktion des Factoring. Daneben gibt es zwei weitere Grundfunktionen.

Factoring beinhaltet eine Sicherungsfunktion, auch unter dem Begriff Delkrederefunktion bekannt. Der Factoring-Anbieter zahlt nicht nur die Rechnung, sondern übernimmt auch das Ausfallrisiko für von ihm angekaufte Forderungen. „Ein anderer Weg, um sicherzustellen, dass man den Gegenwert der eigenen Leistungen gegen einen solchen Ausfall absichert, wäre der Einsatz einer Warenkreditversicherung“, erklärt Uwe Müller. „Allerdings enthalten diese Versicherungen anders als das Factoring eine Selbstbeteiligung des Unternehmens. Der Factor übernimmt diesbezüglich das volle Ausfallrisiko“, sagt er. Dafür nimmt der Factoring-Anbieter eine Factor-Gebühr ein.

Die dritte Funktion des Factoring ist die Dienstleistungsfunktion, die allerdings nicht jedes Unternehmen nutzt. Der Factoring-Anbieter übernimmt auf Wunsch auch die Debitorenbuchhaltung beziehungsweise Forderungsadministration. Konkret heißt das, der Factor übernimmt die Verwaltung der Rechnungen und kümmert sich um das Mahnwesen und letztlich auch das Inkasso.

Was Unternehmen für Factoring bezahlen müssen

Entscheidet sich ein Unternehmen, die Debitorenbuchhaltung an den Factoring-Anbieter auszulagern, dann spricht man von Full-Service-Factoring. „Meist sind es Unternehmen überschaubarer Größe, die diese Option nutzen“, erklärt Factoring-Experte Müller. „Mittlere und größere Unternehmen weisen vielfach die nötigen administrativen und organisatorischen Strukturen auf, um diese Funktion fundiert abzudecken.“

Je nachdem, für welche Factoring-Variante sich ein Unternehmen entscheidet, variieren die Kosten. Für die Übernahme des Ausfallrisikos und der Debitorenbuchhaltung fällt eine Factor-Gebühr an. Darüber hinaus zahlen Factoring-Kunden eine Finanzierungsgebühr für die Bereitstellung der Liquidität. „Als Faustregel gilt, dass der Zins sich ungefähr an dem Kontokorrentsatz des jeweiligen Unternehmens orientiert“, sagt Müller.

Still oder offen? Die richtige Factoring-Wahl

Factoring-Kunden können sich zudem zwischen stillem und offenem Factoring entscheiden. Beim stillen Factoring ist es für die Kunden des Unternehmens nicht ersichtlich, dass ein Factoring-Anbieter zwischengeschaltet ist. Beim offenen Verfahren wissen die Kunden dagegen, dass die Forderungen an eine Factoring-Gesellschaft abgetreten sind. „Welche Variante des Factorings am besten geeignet ist, hängt sowohl von der Branche als auch der individuellen Situation des Unternehmens ab“, erklärt Müller.

Bei schlechter Zahlungsmoral der eigenen Kunden kann ein offen sichtbarer, externer Partner höheren Druck erzeugen. In einigen Branchen sind Kunden dagegen extrem sensibel, was die geschäftliche Verfassung ihrer Vertragspartner angeht. Factoring galt in der Vergangenheit lange als Finanzierungsquelle finanziell weniger solider Firmen. „Das hat sich allerdings seit einigen Jahren gravierend geändert“, meint Müller.

Gleichwohl wünschten viele Abnehmer und Leistungsbezieher keine dritte Partei in ihrem Geschäftsverhältnis. „Gerade im Bereich Lebensmittel und Automotive sind die Kunden sehr kritisch“, sagt er. „Unternehmen entscheiden sich in diesen Branchen deshalb häufig für das stille Factoring, um jegliche Irritationen zu vermeiden.“

Das größte Risiko beim Factoring

Neben dem Risiko, dass einige Vertragspartner Factoring in schlechtem Licht sehen könnten, sollten Unternehmen eine Gefahrenquelle besonders betrachten, wenn sie sich für diese Finanzierungsform entscheiden: Hat der Factoring-Anbieter selbst genug Liquidität? Experte Müller rät deshalb, genau zu prüfen, wie stabil und solide die Factoring-Gesellschaft wirkt.

Da Factoring ein hohes Vertrauensverhältnis zwischen dem Unternehmen und dem Factoring-Anbieter voraussetzt, sollten die Unternehmen sich deshalb darauf vorbereiten, dass die Anbieter sie vor dem Vertragsabschluss genau unter die Lupe nehmen. Allzu lange dauert die Prüfung allerdings nicht. „In der Regel vergehen nicht mehr als sechs Wochen zwischen dem ersten Kundenkontakt und der ersten Geldzahlung“, sagt Uwe Müller.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

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