Ein Bild aus besseren Zeiten: Die damaligen Aufsichtsrats- und Managementmitglieder von Firstextile beim Besuch der neuen Fabrikanlage im November 2014.

Firstextile

27.04.16
Finanzierungen

Firstextile macht sich aus dem Staub

Die chinesische Firstextile ist seit 2012 an der Deutschen Börse gelistet. Jetzt scheint sich das Unternehmen klammheimlich aus Deutschland verabschiedet zu haben. Darüber sprechen will niemand.

Firstextile war eines der wenigen in Deutschland gelisteten chinesischen Unternehmen, das – anders als etwa der dubiose Schuhhersteller Ultrasonic oder die von Bilanzfälschungen erschütterte Grohe-Tochter Joyou – bisher noch als einigermaßen zuverlässig galt. Die Firma stellt Stoffe und Uniformen für den chinesischen Markt her. Produziert wird im chinesischen Jiangyin in der Nähe von Shanghai.

Bis zum vergangenen Sommer hatte die seit 2012 an der Frankfurter Börse notierte Gesellschaft geliefert: Die Geschäftszahlen wurden pünktlich veröffentlicht, alle drei Monate folgte ein Zwischenbericht. Am 26. August vergangenen Jahres veröffentlichte Firstextile noch einmal einen Quartalsbericht, seitdem schweigt das Unternehmen.

Firstextile am Kapitalmarkt: Büro dicht, Aufsichtsrat weg

Nicht nur die offiziellen Mitteilungen bleiben aus. Firstextile scheint jegliche Kommunikation eingestellt zu haben – und allem Anschein nach auch seinen Sitz in Deutschland dichtgemacht. Das Unternehmen antwortet nicht auf Anfragen, die Telefonnummer des Investor-Relations-Kontakts ist nicht mehr vergeben. Nach FINANCE-Informationen, die jedoch keiner der Beteiligten offiziell bestätigen oder dementieren wollte, sollen die Frankfurter Büroräume aufgegeben worden sein. Dienstleister sollen auf noch nicht bezahlten Rechnungen sitzen.

Eine Recherche von FINANCE hat weiterhin ergeben, dass mindestens zwei der drei Aufsichtsratsmitglieder zurückgetreten sind. Dieser Umstand wurde vom Unternehmen weder bekanntgegeben noch wurden neue Aufsichtsratsmitglieder benannt. Yann Samson, Vorstandsmitglied von financial.com und Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Atacama Capital in München, und Marco Pabst, Chief Investment Officer bei ACPI Investment Managers, werden auf der Unternehmensseite nach wie vor als Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats gelistet.

Samson bestätigte jedoch gegenüber FINANCE, dass er aus persönlichen Gründen im November zurückgetreten sei. Seine Beweggründe wollte er nicht preisgeben. Sein Mitaufseher Pabst begründet seinen Rücktritt gegenüber FINANCE nicht. Über den Verbleib des dritten Aufsichtsratsmitglieds, Chao Yu, ist nichts bekannt.

Hat Firstextile gegen Publizitätspflichten der Börse verstoßen?

Und mehr noch: Firstextile hat die Frist für seinen Neunmonats-Bericht im November ohne jede Erklärung verstreichen lassen. Ob das ein Verstoß gegen die Publizitätspflichten der Deutschen Börse ist, ist noch unklar. Auf Anfrage von FINANCE teilte die Börse mit, dass noch geprüft werde, „ob es sich dabei um einen Verstoß handelt“. Klar ist, dass Firstextile in jedem Fall bis zum Montag kommender Woche, den 2. Mai, den Geschäftsbericht für das abgelaufene Geschäftsjahr vorlegen muss. Andernfalls wäre das ein klarer Verstoß gegen die Publizitätspflichten der Frankfurter Wertpapierbörse.

Ob das passieren wird, steht in den Sternen. Auf die Frage, ob die Deutsche Börse derzeit im Kontakt zu Firstextile stehe, teilt der Dax-Konzern lediglich mit, die Frankfurter Wertpapierbörse sei „intensiv mit der Angelegenheit befasst“. Über Einzelheiten des Verfahrensstands könnten keine Angaben gemacht werden.

Xetra-Handel der Firstextile-Aktie seit November eingestellt

Am Aktienkurs des Unternehmens lässt sich das stille Drama ablesen. Im Juni 2015 notierte die Aktie noch bei rund 7 Euro, seitdem ging es rapide bergab. Seit Dezember 2015 ist die Aktie ein Pennystock. Am 24. November wurde außerdem der Handel des Papiers auf der Handelsplattform Xetra eingestellt.

Hintergrund: Für wenig liquide Werte wie Firstextile ist ein Designated Sponsor nötig, damit die Aktien auf Xetra gehandelt werden können. Für die Chinesen hatte die Equinet Bank diese Aufgabe übernommen. Der Designated Sponsor kann jedoch ohne Begründung von dem Vertrag mit der Deutschen Börse zurücktreten. Dies ist FINANCE-Informationen zufolge auch geschehen, und in einem solchen Fall muss die Aktie – wie bei Firstextile  – aus dem Xetra-Handel genommen werden. Das Papier ist nun nur noch im Rahmen einer fortlaufenden Auktion mit einem Spezialisten handelbar, teilte die Deutsche Börse mit.

Equinet hält sich zu ihrem (ehemaligen) Kunden Firstextile ebenfalls bedeckt: Auf Nachfrage von FINANCE teilte das Institut mit, die Anmeldung oder Kündigung eines Designated-Sponsoring-Mandates gegenüber der Deutschen Börse sei eine Formalie, die „immer aus einem entsprechenden Vertrag oder dem Erlöschen eines Vertrages mit dem jeweiligen Emittenten resultiert“. Die Beweggründe für derartige Schritte kommentiere die Bank grundsätzlich nicht, lässt sie erklären. Es ist also unklar, ob Firstextile selbst aktiv wurde, um den Vertrag zu beenden, oder einfach abgetaucht ist.

Firstextile: 18 Millionen Euro Investorengeld verbrannt

Die Causa Firstextile kam mitnichten aus dem Nichts: Im Vorfeld des Verschwindens hatte sich bei den Chinesen eine deutliche Unruhe abgezeichnet. Im Juni 2015 trat Finanzvorstand Richard Cao aus persönlichen Gründen zurück. Ein neuer CFO wurde offiziell nie ernannt.

Caos Rücktritt folgte kurz auf das Scheitern eines Aktienrückkaufangebots. Im Februar 2015 hatte Firstextile verkündet, rund 350.000 eigene Aktien zu je 8 Euro zurückkaufen zu wollen. Im Juni folgte dann aber die Nachricht, Firstextile könne die dafür nötigen Gelder nicht aus China nach Deutschland transferieren.

Laut Unternehmenswebsite befinden sich von den rund 11,8 Millionen Aktien lediglich 16,2 Prozent im Freefloat. Den Löwenanteil am Unternehmen hält Fred Yang, Gründer und CEO des Unternehmens. Firstextile hatte beim IPO die Aktien zu einem Preis von 10 Euro platziert und so rund 18 Millionen Euro eingesammelt.

Dieses Geld der Investoren ist vermutlich unwiederbringlich verloren, der aktuelle Aktienkurs liegt bei weniger als 10 Cent. Damit setzt Firstextile einen neuen Tiefpunkt in der Gruppe der China-IPOs, bei denen eine dubiose Machenschaft die nächste jagte. Der Ruf chinesischer Unternehmen am deutschen Kapitalmarkt ist wohl unumkehrbar zerrüttet.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Firstextile ist bei weitem nicht das erste chinesische Unternehmen, das am deutsche Kapitalmarkt für Kopfschütteln sorgt. Mehr über die problematischsten Fälle lesen Sie auf unserer Themenseite zu den China-Aktien.