Viele Gläubiger deutscher Mittelstandsanleihen benötigen derzeit ein starkes Nervenkostüm, denn viele Bonds wackeln bedrohlich.

Shironosov/iStock/Thinkstock/GettyImages

25.04.17
Finanzierungen

Diese Mittelstandsanleihen wackeln

Rickmers will seine Mittelstandsanleihe mit unbekannter Recovery-Quote restrukturieren, Beate Uhse bastelt seit einem Jahr an einem Sanierungskonzept und Alno hat einen Machtkampf hinter sich. Die aktuellen Wackelkandidaten bei den Mini-Bonds.

Vor knapp einem Jahr setzte FINANCE hinter die Refinanzierung der Anleihen von KTG Agrar, Karlie Flamingo, René Lezard und Travel24 ein Fragezeichen. Diese haben sich inzwischen aufgelöst: Das Agrar-Imperium von Siegfried Hofreiter, bestehend aus KTG Agrar und KTG Energie, ist im vergangenen Juli in sich zusammengebrochen. Inzwischen wurde der Großteil der KTG-Gruppe an das Bremer Familienunternehmen Zech verkauft.

Auch das Modehaus René Lezard musste Insolvenz anmelden, nachdem Gespräche mit neuen Investoren auf den letzten Metern gescheitert waren. Auch der Hersteller und Händler von Heimtierzubehör, Karlie Flamingo, ging im Dezember in die Insolvenz. Einen Monat zuvor hatte bereits die belgische Tochter diesen Schritt unternommen. Schuld an dem Niedergang des einstigen Familienunternehmens war eine gescheiterte Buy-and-Build-Strategie des Münchener Finanzinvestors Perusa.

Travel24 hat sich wohl gerettet

Auf den letzten Metern gerettet hat sich hingegen wohl das Touristikunternehmen Travel24. Nach der Insolvenz der Konzernmutter Unister war die Anleihe bis auf 33 Prozent eingebrochen, hat sich inzwischen jedoch wieder auf 91 Prozent erholt.

Fällig ist die nominell 25 Millionen Euro schwere Anleihe im September. Das ausstehende Volumen wird aber voraussichtlich durch ein laufendes Rückkaufprogramm soweit gesenkt werden, dass die Anleihe durch den Verkauf eines Leipziger Hotels zurückgezahlt werden kann. Anfang April hat Travel24 dazu einen Sale-and-Lease-Back-Vertrag mit der Vicus Group unterschrieben. Der einzige Haken: Das Hotel ist mit der Fertigstellung im Verzug und noch immer nicht eröffnet.

Neue Details zur Rickmers-Sanierung

Deutlich schlechter lief es dagegen für die Anleihegläubiger der Reederei Rickmers. Im Vergleich zur vergangenen Wackelkandidatenliste aus dem Juni 2016 ist der Anleihekurs von damals schon niedrigen 29 sogar noch weiter auf rund 8 Prozent eingebrochen. Das liegt daran, dass das Rickmers-Management seine Gläubiger vor kurzem darum bitten musste, die 275 Millionen Euro schwere Mittelstandsanleihe zu restrukturieren.

Zwar kann die genaue Recovery-Quote noch nicht bestimmt werden, da diese im Wesentlichen von dem noch zu erfolgenden Verkauf von Rickmers-Aktien abhängt. Inzwischen ist jedoch immerhin der vorläufige Verteilschlüssel des Gewinns unter den Gläubigern bekannt. Die Anleihegläubiger sollen mindestens 57,6 Prozent, die HSH Nordbank 36,1 Prozent und gegebenenfalls eine weitere Bank 6,3 Prozent erhalten – allerdings nur von der Summe an, die 54 Millionen Euro übersteigt. Die ersten 54 Millionen werden der HSH Nordbank zufließen.

Die Bondrestrukturierung ist die Voraussetzung dafür, dass Rickmers überhaupt saniert werden könnte. Im Falle einer Insolvenz hat die von Rickmers beauftragte Insolvenzkanzlei Brinkmann & Partner im Best-Case-Szenario eine Insolvenzquote von 6,7 Prozent errechnet. Das wäre sogar weniger als die nächste Zinszahlung und zerrt an den Nerven der Anleihegläubiger.

Management-Chaos bei Beate Uhse

Ähnlich düster wie bei Rickmers schätzen die Bondholder die Lage bei dem Erotikkonzern Beate Uhse ein. Auch dieser Bond strapaziert schon länger die Nerven der Bondholder. Die nominell 30 Millionen Euro schwere Anleihe notiert derzeit bei 13,6 Prozent. Zum Vergleich: Der Bond des bereits insolventen Modehauses Wöhrl steht bei 15 Prozent. 

Vor rund einem Jahr kündigte das Beate-Uhse-Management an, den ohnehin erst 2019 fälligen Bond verlängern zu wollen. Doch die Gläubiger versagten diesem Vorhaben auf den Gläubigerversammlungen ihre Zustimmung. Seitdem arbeitet Beate Uhse an einem neuen Konzept, schockt seine Bondholder aber weiterhin mit schlechten Nachrichten. So konnte der 7,75-Prozent-Kupon im vergangenen Jahr erst mit Verspätung bezahlt werden. Luft verschaffte sich das Unternehmen nur durch den Verkauf der Entertainmentsparte für einen „unteren einstelligen Millionenbetrag“ und einen 3,2 Millionen Euro schweren Gewinn aus der Auflösung von Steuerverbindlichkeiten.

Hinzu kommen die ständigen Wechsel im Management. Die einzige Konstante ist CFO Cornelius Vlasblom, der seit November 2013 die Finanzen verantwortet. Im März 2016 wurde Dennis van Allemeersch zum COO ernannt. Anfang Oktober übernahm Nathal van Rijn den CEO-Posten, den Vlasblom bis dahin übergangsweise innehatte. Doch schon im Januar dieses Jahres schied van Rijn wieder aus. Dennis van Allemeersch folgte Mitte März. Seit April wird Beate Uhse von dem neuen CEO Michael Specht und CFO Vlasblom geführt. Die Veröffentlichung des aktuellen Geschäftsberichts hat das Unternehmen zuletzt auf „voraussichtlich Mai“ verschoben.

Machtkampf bei Alno

Angespannt sind nach wie vor auch die Bondholder der nominell 45 Millionen Euro schweren Alno-Anleihe, die derzeit bei 40 Prozent notiert. Der Küchenbauer hat einen spektakulären Machtwechsel hinter sich. Die bosnische Unternehmerfamilie Hastor hat das Ruder übernommen und kontrolliert nicht nur mehrheitlich den Aufsichtsrat, sondern über eine Stimmrechtsbindung auch Alno-Chef Max Müller. Zudem haben die Hastors die Finanzchefin Ipek Demirtas durch ihren Vertrauten Christian Brenner ersetzt.

Die Alno-Anleihe ist schon länger ein Wackelkandidat, denn der Küchenbauer schreibt seit Jahren Verluste. Der Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag 2016 bei 14 Millionen Euro. Hinzu kommt eine hohe Verschuldung durch die Anleihe und einen bunten Strauß an Gesellschafterdarlehen.

Das operative Problem sind die Hastors bereits angegangen. Sie haben Alno ein Effizienzprogramm auferlegt, das den Abbau von insgesamt 350 Stellen vorsieht. Dadurch sollen jährlich 20 Millionen Euro gespart werden und das Ebitda dieses Jahr wieder „deutlich positiv“ ausfallen. Über die Pläne für die in rund einem Jahr fällige Mittelstandsanleihe hüllen sich die Hastors bisher jedoch in Schweigen.

Sanha führt Gespräche mit Finanzierungspartnern

Etwas besser steht der nominell 37,5 Millionen Euro schwere Bond von Sanha da. Die Anleihe des Herstellers von Rohrleitungssystemen notiert wieder bei 75 Prozent, nachdem sie im November bis auf 35 Prozent abgerutscht war. Sanha konnte lange die Zinszahlungen nicht aus dem Betriebsergebnis erwirtschaften. Im November verschreckte Sanha die Bondholder dann noch mit einer Gewinnwarnung.

Beruhigend wirkten dann die vor kurzem veröffentlichten Geschäftszahlen für 2016. Obwohl der Umsatz von 105,3 auf 99 Millionen Euro gesunken ist, wuchs das Ebitda von 7,5 auf 8,7 Millionen Euro. Zudem gab Sanha bekannt, dass seit dem Jahreswechsel Gespräche mit Beratern und möglichen Finanzierungspartnern zur Refinanzierung der Anleihe geführt werden. Den Abschluss der Gespräche erwartet Sanha in der zweiten Maihälfte. Die Anleihe wird in rund einem Jahr fällig.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Lesen Sie mehr über die schillernden Pleiten und Krisenfälle bei den Mini-Bonds auf der FINANCE-Themenseite zu Mittelstandsanleihen.