Zentrale von Wolford in Bregenz: Eine schwere Unternehmenskrise erschüttert das Traditionsunternehmen. Ein neuer Investor soll die Rettung bringen.

Wolford

01.08.17
Finanzierungen

Zwei CFOs müssen Wolford retten

Managerwechsel, Millionenverluste, und die Gründerfamilien wollen nur noch raus: Bei dem Strumpfhersteller Wolford brennt es. CFO Axel Dreher soll als neuer starker Mann die Modeikone retten – gemeinsam mit seiner Nachfolgerin Brigitte Kurz.

Führungswechsel bei Wolford: Bei dem schwer angeschlagenen Bregenzer Strumpfhersteller übernimmt ab dem heutigen Dienstag der bisherige Finanzchef Axel Dreher die wesentlichen CEO-Aufgaben, darunter die Verantwortung für Strategie, Marketing und Vertrieb. Der bisherige Vorstandschef Ashish Sensarma zieht sich zurück. Zur Unterstützung von Dreher rückt die bisherige Leiterin Finanzen Brigitte Kurz als CFO in den Vorstand ein. Dreher und Kurz brauchen schnelle Erfolge, denn die Lage der österreichischen Modeikone ist prekär.

Wenn Dreher am 24. August Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr 2016/17 zieht, wird er tiefrote Zahlen erklären müssen. Wolford erwartet einen operativen Verlust von 8 bis 10 Millionen Euro, und fällige Wertberichtigungen und Restrukturierungskosten in Höhe von 7 bis 9 Millionen sind in dieser Prognose noch gar nicht enthalten. So dürfte unter dem Strich ein Jahresverlust von rund 20 Millionen Euro oder sogar noch mehr stehen – bei einem Umsatz von zuletzt rund 160 Millionen Euro.

Die Banken halten Wolford über Wasser – noch

Überraschend kommt die Schieflage nicht. Seit vielen Jahren kämpft das Traditionsunternehmen mit zu hohen Kosten und schwachen Umsätzen. Die Aktie hat in den vergangenen fünf Jahren, in denen die Börsen von einem Rekord zum nächsten jagten, mehr als ein Drittel ihres Werts verloren. Der Grund: Die Schwäche, die den Textileinzelhandel erfasst hat, trifft auch die Österreicher, und im E-Commerce hat auch Wolford noch nicht richtig Fuß gefasst.

Trotzdem halten die Banken Wolford noch über Wasser. Noch als CFO ist es Dreher gelungen, Wolford eine Brückenfinanzierung über 10 Millionen Euro zu sichern, die bis Ende Juni 2018 läuft. In dieser Zeit muss frisches Geld ins Unternehmen kommen, und das dürfte im Zuge eines Gesellschafterwechsel geschehen.

Deloitte sucht neuen Mehrheitseigner für Wolford

Die Chance dafür bietet der Rückzug der Gründerfamilien von Wolford. Sie haben ihren Anteil von über 40 Prozent zum Verkauf gestellt. Weil auch weitere ihnen nahestehende kleinere Gesellschafter aussteigen wollen, kann der mandatierte M&A-Berater Deloitte eine Mehrheitsbeteiligung an Wolford ins Schaufenster stellen.

Ein Aktienpaket von 50,1 Prozent hätte derzeit einen Marktwert von rund 40 Millionen Euro. Allerdings dürfte die Bewertung nicht einfach werden, denn der Käufer des Pakets wird nicht umhin kommen, nicht nur den Alteigentümern, sondern auch noch Wolford selbst zusätzlich Eigenkapital in beträchtlicher Höhe zur Verfügung zu stellen. Mit Blick auf den hohen Jahresverlust und den kurz laufenden Überbrückungskredit erscheint eine Finanzspritze in zweistelliger Millionenhöhe unausweichlich.

Ohne Notverkäufe hätte Wolford hohe Mittelabflüsse erlitten

Zum Ende des vorigen Geschäftsjahres 2015/16 wies Wolford eine Nettoverschuldung von 21 Millionen Euro aus, was damals dem 1,9fachen Ebitda entsprach – und lediglich 31 Prozent des Eigenkapitals („Gearing“). Aber wegen der hohen Verluste und Abschreibungen wird der neue Jahresabschluss ein deutlich niedrigeres Eigenkapital und ein entsprechend höheres Gearing zeigen.

Wolfords wirtschaftliches Kernproblem ist , dass die Investitionen seit Jahren den operativen Cashflow zumeist deutlich übersteigen. Nur der Verkauf von nicht zentralen Unternehmenswerten begrenzte den Netto-Cashabfluss in den beiden zurückliegenden Geschäftsjahren auf knapp 3 Millionen Euro. Ohne die Assetverkäufe wären über 11 Millionen Euro abgeflossen. 

Eine schnelle Umkehr dieses Trends ist unwahrscheinlich. Zwar hat sich Dreher auf die Fahnen geschrieben, das Working Capital zu reduzieren. Aber ein Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) ist nach seiner Planung frühestens im Jahr 2018/19 wieder zu erwarten. Tiefe Einschnitte scheint Dreher trotzdem vermeiden zu wollen. Einer Investorenpräsentation ist zu entnehmen, dass ein Großteil des Turnarounds durch zusätzliche Umsätze zustande kommen soll. Effizienzgewinne in den Bereichen Vertrieb, Produktion, Supply Chain und im Filialnetz spielen eine untergeordnete Rolle.

Welche Rolle spielt die neue Finanzchefin Brigitte Kurz?

Welche Rolle die neue Finanzchefin Brigitte Kurz bei Drehers Sanierungsplan spielen wird, muss sich zeigen. Während der neue Chef das Ruder fest in die Hand nehmen wird und Ex-CEO Sensarma noch bei der Investorensuche helfen soll, erhält die 43-jährige Finanzerin zwei Ressorts, die zwar weniger prominent sind, in Wolfords heikler Lage aber eine wichtige Rolle spielen könnten – Personal und Investor Relations.

Die Mitarbeiter und die freien Investoren bei der Stange zu halten, dürfte nicht einfach werden, aber wesentlich für das Überleben der Traditionsfirma sein. Denn dass ein neuer Investor – etwa ein Private-Equity-Haus – mit einer großen Geldspritze die Finanzprobleme Wolfords auf einen Schlag löst, das Unternehmen komplett erwirbt und anschließend von der Börse nimmt, halten Beobachter für unwahrscheinlich. Die Wolford-Sanierung dürfte ein Marathonlauf werden – auf edlen Strümpfen.  
   
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de