Geld & Liquidität
05.02.16

Bereits drei Ausfälle in 2016, weitere wackeln

Die Mini-Bond-Krise ist zurück – schlimmer denn je

Von Philipp Habdank

Friedola Holzapfel, Scholz, German Pellets: Das Mini-Bond-Jahr 2016 startet mit drei Ausfällen, und weitere Mittelstandsanleihen wie Ekosem und Rickmers wackeln. Die Mini-Bond-Krise verschärft sich.

Der Markt für Mittelstandsanleihen birgt aktuell große Explosionsgefahr, denn drei Bonds sind bereits ausgefallen und viele weitere wackeln – und die Uhr tickt.

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Der Markt für Mittelstandsanleihen birgt aktuell große Explosionsgefahr, denn drei Bonds sind bereits ausgefallen und viele weitere wackeln – und die Uhr tickt.

Die Mini-Bond-Krise ist zurück – oder war sie nie überwunden? Mitte 2015 herrschte noch so etwas wie Beruhigung am Markt für Mittelstandsanleihen. Es zeichneten sich die ersten rehabilitierten Bonds ab: Der angeschlagene Küchenbauer Alno wollte sich gesund sparen, Rickmers plante, die Eigenkapitalbasis zu stärken, PosterXXL gewann mit der Londoner Photobox Gruppe einen neuen Eigentümer, und bei Homann vertrieb ein neues Werk in Polen die ärgsten Sorgen der Bondholder.

Doch der Jahresstart 2016 hat die Bondholder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die erste Hiobsbotschaft lieferte Friedola Holzapfel, deren angekündigte Restrukturierung letztendlich doch in der Insolvenz endete. Als nächstes erwischte es den Schrotthändler Scholz, der Mitte Januar ankündigte, seine Schulden restrukturieren zu müssen. Der Bond stürzte ab auf 8 Prozent.

Und dann kam German Pellets. Quasi über Nacht brachen die Kurse aller drei Anleihen massiv ein, das Unternehmen schwieg, vermeldete dann aber plötzlich, dass auch der German-Pellets-Bond restrukturiert werden muss – die Bonds stehen seitdem alle unter 12 Prozent. Kurze Zeit später schickten die Investoren den Rickmers-Bond auf Talfahrt, von rund 90 Prozent ging es zwischenzeitlich auf 50 Prozent runter – obwohl die Reederei die Jahresprognosen demonstrativ bekräftigte.

Jetzt wackeln die großen Mittelstandsanleihen

Die Ausfälle dürften bei einigen Investoren dunkle Erinnerungen wecken, denn solch eine Pleitewelle gab es schon einmal am Mini-Bond-Markt. Vor rund zwei Jahren startete der Markt ähnlich desaströs, denn im ersten Quartal fielen mit der MS Deutschland, MT-Energie, Golden Gate, Mifa, Rena Lange, Mox Telecom, Strenesse, Rena und Zamek gleich neun Anleihen aus.

Diese Zahl ist dieses Jahr zwar noch nicht erreicht, doch diesmal sind es nicht die kleinen Fische, die es erwischt, sondern die großen Emittenten, die Säulen des Mini-Bond-Markets. German Pellets hat insgesamt Bonds über 252 Millionen Euro ausstehen. Bei Scholz sind es 182,5 Millionen, bei Rickerms 275 Millionen Euro. Mit Ekosem Agrar kann noch ein Großemittent seine Anleihe wohl nicht fristgerecht ablösen, CFO Wolfgang Bläsi will die Laufzeit der beiden Bonds verlängern. Sie kommen auf ein Gesamtvolumen von 128 Millionen Euro.

Ohne neue Nachrichten geriet auch das 200-Millionen-Papier von KTG Agrar zwischenzeitlich unter Druck: Der Kus fiel auf 80 Prozent, erholte sich dann aber wieder. Derweil hängt Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft, Air Berlin, am Finanztropf ihres Hauptanteilseigners Etihad und streitet vor Gericht um die Fortsetzung der gemeinsamen Code-Sharing-Flüge, deren Verbot Etihad zum Rückzug bewegen könnte, wie viele Investoren fürchten. Die beiden Air-Berlin-Bonds bringen es zusammen auf 395 Millionen Euro und schwanken seit Monaten zwischen 100 und 85 Prozent. All diese Kursbewegungen lassen vermuten, dass es jetzt vor allem die letzten noch verbliebenen größeren Investoren sind, die die Flucht ergreifen und ihre noch einigermaßen liquiden Papiere auf den Markt werfen.

Auch Wöhrl, Steilmann & Beate Uhse kriseln

Und die Sorgenliste ist damit noch lange nicht vollständig: Kritisch beobachtet wird derzeit zum Beispiel auch der Modehändler Wöhrl mit seinem 30 Millionen Euro schweren Bond. Zwar stand die Anleihe bisher sehr solide bei rund 110 Prozent, doch die jüngst veröffentlichten Geschäftszahlen mit einem rückläufigen Umsatz und Ebitda sowie der Ankündigung, sich strategisch neu Ausrichten zu wollen, beförderten das Papier auf rund 93 Prozent. Einen ähnlichen Kurssturz erlebte der Konkurrent Steilmann, dessen Bond nach einer Gewinnwarnung Anfang Januar von 95 auf fast 70 Prozent abstürzte.

Schon jetzt eskaliert ist die Krise beim Erotikhändler Beate Uhse: Neuerliche Abschreibungen und Sonderkosten führen zu einem erwarteten Verlust von 13 bis 15 Millionen Euro. Die Firma kappt ihre Wurzeln, stellt das Kataloggeschäft ein und setzt jeden vierten Mitarbeiter vor die Tür. Die Anleihe steht nur noch bei 23 Prozent, im November 2014 notierte das Papier noch nahe der 100er-Marke.

Wurde die erste Pleitewelle vor zwei Jahren hauptsächlich damit begründet, dass sich die Modebranche und erneuerbare Energien wegen ihres sehr zyklischen Geschäfts nicht für Mittelstandsanleihen eignen, greift diese Erklärung dieses Mal nicht. Denn unter den neuen Wackelkandidaten befindet sich mit Wöhrl und Steilmann lediglich zwei Modeunternehmen. Mit German Pellets, Singulus, Ekosem Agrar, Scholz und weiteren brechen jetzt Industrieunternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen ein.

Katjes, MAG IAS und Bastei Lübbe: Die weißen Schafe

Mittelständler, die ihre Anleihen fristgerecht bedienen oder ablösen, scheinen derzeit die Seltenheit zu sein. Dem Süßigkeitenhersteller Katjes International gelang im Mai 2015 die Refinanzierung seines Bonds durch eine neue 60 Millionen Euro schwere Mittelstandsanleihe. Der Spirituosenhersteller Underberg und KTG Agrar konnten ihre Investoren überzeugen, neue Bonds zu zeichnen, um damit die auslaufenden abzulösen. Der Verlag Bastei Lübbe dagegen hat dem angeschlagenen Segment der Mittelstandsanleihen den Rücken gekehrt und seinen Bond durch eine Bankenfinanzierung abgelöst.

Auffällig bei vielen der erfolgreichen Refinanzierungen ist die hohe Abhängigkeit von neuen Eigentümern, ohne deren Hilfe es für einige Unternehmen wohl düsterer aussehen würde. Hallhuber wurde von Gerry Weber übernommen, wodurch die Anleihe zurückgezahlt werden konnte. Gleiches gelingt am 8. Februar aller Voraussicht nach auch MAG IAS dank der Übernahme durch die taiwanesischen Fair Friend Group. Diese erfolgreichen Rückzahlungen erfolgten jedoch allesamt im vergangenen Jahr. MAG IAS wäre die erste gute Nachricht in 2016.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Die Mini-Bond-Krise trifft jetzt auch die Schwergewichte am Markt. Verfolgen Sie den Absturz des einst so gehypten Marktsegments auf der FINANCE-Themenseite Mittelstandsanleihen.