Geld & Liquidität
29.06.12

Kommentar zur Rolle der Mittelstandsratings

Geheuchelte Härte

Von Markus Dentz

Unter Dauerbeschuss stehen die Ratingagenturen: Mal zu Unrecht, mal zu Recht. Bei den Mittelstandsratings scheinen die Bedenken gerechtfertigt. Kritisch sind Agenturen nur dann, wenn sie nicht offiziell beauftragt werden.

Liebe Mittelstandsratingagenturen, seit Jahren versucht Ihr uns davon zu überzeugen, dass es Euch braucht: Moody’s & Co. verstünden den deutschen Mittelstand nicht, sie würden Größe als Faktor der finanziellen Stabilität überbewerten. Dafür unterschätzten sie die Anpassungsfähigkeit vieler Kleinunternehmen. Den Mittelständlern passte diese Botschaft, weil sie bessere Noten versprach und die Ratings gleichzeitig auch noch deutlich billiger sind als die internationaler Agenturen. So beauftragten gerade die Emittenten von Mittelstandsanleihen gerne besonders die Billiganbieter unter den Agenturen.

Von Anfang an Zweifel
Zweifel an den Urteilen gab es von Anfang an – vor allem weil sie laut Experten gleich mehrere  Notches über den eigentlichen Ausfallwahrscheinlichkeiten liegen. Nach den Pleiten von BKN Biostrom und Solarwatt scheint sie die Kritik sich zu bestätigen: Viel zu schnell fallen Emittenten aus, die eigentlich recht passable Ratings hatten und eine halbwegs sichere Anlage versprachen. Geht das so weiter, dann verlieren die Mittelstandsratings ihre Glaubwürdigkeit, Investoren werden schlicht nicht mehr zugreifen.

Doch jetzt kommen die Schlauberger, die bisher kein Geschäft mit Mittelständlern gemacht haben, und geben sich dabei besonders kritisch. Scope hat vor kurzem unbeauftragt Mittelstandsratings veröffentlicht, die deutlich schlechter als die beauftragten ausgefallen sind. Auch die Münchener URA Ratingagentur veröffentlicht – ebenfalls ungefragt – ein „Monitoring von Mittelstandsanleihen“ und legt den Finger in die Wunde. 

Schöner wäre es, wenn die Agenturen auch mal dann so kritisch wären, wenn sie offiziell beauftragt werden. Bei URA etwa fällt einem gleich wieder der Fall Elsa AG ein, einem mittlerweile insolventen Neuer-Markt-Unternehmen aus Aachen. BBB+ hieß das Ratingurteil der URA, als Elsa 2002 Insolvenz anmeldete. Kritiker der großen Agenturen müssen jetzt einräumen: S&P hat sich bei SIAG Schaaf deutlich besser geschlagen und die Anleihe des  Zulieferers der Windindustrie noch vor dessen Pleite mit CCC+ tief ins Ramschniveau eingestuft. Vielleicht ein Anstoß, noch einmal über Gefälligkeitsratings nachzudenken.

markus.dentz[at]finance-magazin.de