Märkte & Wirtschaft
07.09.17

Spekulanten haben den richtigen Riecher

Leerverkäufer antizipierten Gewinnwarnung bei Adva

Von Philipp Habdank

Shortseller wetteten beim Netzwerkausrüster Adva auf fallende Kurse und machten damit ordentlich Kasse. Auch bei anderen Trades bewiesen die Leerverkäufer im August ein gutes Händchen. Einmal lagen sie jedoch völlig daneben.

nazarovsergey/iStock/Thinkstock/GettyImages

Shortseller setzten beim Netzausrüster Adva auf fallende Kurse und strichen damit satte Gewinne ein. Ein ähnlicher Coup gelang den Börsenspekulanten Anfang des Jahres.

Es ist ihnen wieder gelungen. Sogenannte Leerverkäufer, im Finanzjargon auch Shortseller genannt, haben eine Gewinnwarnung des Netzwerkausrüsters Adva Optical Networking (Adva) antizipiert und damit satte Gewinne eingestrichen. Der TecDax-Konzern musste am 28. August seine Umsatzprognose wegen einer „unerwartet schwachen Auftragslage“ für das dritte Quartal von 120 bis 130 Euro auf 104 Millionen bis 114 Millionen Euro senken. Der Aktienkurs gab daraufhin um ein Fünftel auf 4,80 Euro nach, nachdem er zuvor schon seit Anfang Juni um 42 Prozent eingebrochen war.

Leerverkäufer wetten, dass der Kurs einer Aktie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fällt. Dazu leihen sie sich Aktien und verkaufen diese gleich weiter. Liegen sie mit ihrer Prognose richtig, können die Leerverkäufer die Aktien am Markt vor der Rückgabe der geliehenen Papiere günstig zurückkaufen. Seit März 2012 müssen solche Leerverkäufe im Bundesanzeiger veröffentlicht werden, wenn sie mindestens 0,5 Prozent des ausstehenden Aktienvolumens des betroffenen Unternehmens ausmachen. Erfasst wird auch, wenn ein Shortseller seine bestehende Position ändert. Die Statistik erfasst damit zwar nicht alle Leerverkäufe, aber die größten Trades.

Keine Aktie wurde im August häufiger leerverkauft als Adva

Ein Blick in den Bundesanzeiger zeigt eine hohe Shortseller-Aktivität bei der Adva-Aktie in den Tagen und Wochen vor Bekanntgabe der Gewinnwarnung. Allein im August verzeichnet der Bundesanzeiger 54 Trades von zehn verschiedenen Leerverkäufern, 39 davon erfolgten vor dem Tag der Gewinnwarnung. Im Juli waren es bei der gleichen Anzahl von Leerverkäufern nur 27 Trades. In den Monaten davor wurde die Aktie nicht nennenswert leerverkauft. Die größte Leerverkaufsposition nahm Stand 31. August JP Morgan Asset Management ein, die auf rund 3 Prozent des ausstehenden Aktienkapitals wetten.

Oft haben Leerverkäufer den richtigen Riecher und wittern Gewinnwarnungen. So beispielsweise auch zu Jahresbeginn bei dem Windturbinenhersteller Nordex. Im Anschluss an eine Gewinnwarnung brach die Aktie um rund 34 Prozent auf 13 Euro ein und ist seitdem sogar um weitere 2 Euro gesunken. Aus diesem Grund haben sieben verschiedene Leerverkäufer die Nordex-Aktie auch im August wieder fünfzehnmal gehandelt – Nordex bleibt im Spiel.

Cancom wird für Leerverkäufer zum Albtraum

So clever die Shortseller auch sind, unfehlbar sind sie nicht. Das zeigt das Beispiel der Cancom-Aktie. Der ebenfalls im TecDax notierte IT-Dienstleister taucht regelmäßig in den Shortseller-Listen des Bundesanzeigers auf. Doch die Entwicklung des Aktienkurses ist eine Erfolgsgeschichte und für Leerverkäufer damit ein Albtraum. Notierte die Aktie nach der Finanzkrise im Januar 2010 noch bei 4,40 Euro, war sie Anfang September rund 59 Euro wert und hat sich damit fast verdreizehnfacht. Allein seit Jahresbeginn hat die Cancom-Aktie um 38 Prozent zugelegt.

Laut eines Bankhaus-Lampe-Analysten verfügte Cancom mit 9,6 Prozent im August dennoch über die zweitgrößte Shortselling-Quote im TecDax. Eine gute Geschäftsentwicklung oder Übernahmespekulationen könnten zu einem Abbau der Positionen, vielleicht sogar zu einem „Short-Squeeze“ mit starken Kursanstiegen führen, meint die Düsseldorfer Privatbank. Im zweiten Halbjahr rechnet Lampe bei Cancom mit einem „deutlich positiven Impuls“ aus der erstmaligen Konsolidierung der beiden Zukäufe Antauris und Synaix. Außerdem verfüge Cancom über eine solide Auftragspipeline und habe im Handelsgeschäft eine kritische Größe erreicht. Für Shortseller könnten die Vorzeichen besser stehen.

Shortseller lassen Wirecard vom Haken, Aurelius aber nicht

Das Interesse verloren haben die Leerverkäufer dafür an dem TecDax-Konzern Wirecard. Der Zahlungsverkehrsspezialist war im Februar 2016 von einem undurchsichtigen Research-Haus namens Zatarra hart angegangen worden, woraufhin die Aktie stark einbrach. Shortseller profitierten damals von dem Kursrutsch. Da sich die Vorwürfe von Zatarra nicht erhärtet haben, hat sich die Aktie wieder von 32 auf aktuell rund 70 Euro erholt und damit sogar ein Allzeithoch erreicht. Die Shortseller haben ihre Handelsaktivitäten bei Wirecard inzwischen faktisch eingestellt. Laut Bundesanzeiger hat im August lediglich Thélème Partners getradet – und das auch nur, um die Shortposition zu reduzieren. 

Anders sieht es bei Aurelius aus. Die börsennotierte Beteiligungsgesellschaft war im März dieses Jahres von Gotham City Research ähnlich hart angegangen worden wie zuvor schon Wirecard. Mit 14 Trades von sechs unterschiedlichen Leerverkäufern rangiert Aurelius in der Shortseller-Liste des Bundesanzeigers weiterhin auf den vorderen Plätzen. Die Aktie war nach der Shortseller-Attacke um mehr als die Hälfte auf 35 Euro eingebrochen.

Doch obwohl Gotham City seine zuvor erworbene Leerverkaufsposition inzwischen wieder geschlossen hat, notiert die Aktie mit aktuell rund 50 Euro immer noch deutlich unter den 67 Euro, die das Papier kurz vor der Attacke wert gewesen ist. 

Leerverkäufer wetten an der Börse auf fallende Aktienkurse. Besonders aggressive Spekulanten setzen Unternehmen dabei durch Research-Berichte zusätzlich unter Druck. Lesen Sie mehr zu sogenannten Shortseller-Attacken auf der passenden FINANCE-Themenseite.