Märkte & Wirtschaft
24.02.17

Windturbinenhersteller unter Druck

Shortseller triumphieren bei Nordex

Von Philipp Habdank und Michael Hedtstück

Mit der gestrigen Gewinnwarnung hat Nordex Shortsellern satte Gewinne beschert. Auf welche deutschen Unternehmen die Shortseller sonst noch wetten und warum K+S nicht mehr das erste Ziel ist.

Eine Gewinnwarnung ließ die Nordex-Aktie gestern Abend um 15 Prozent einbrechen. Die Shortseller, die auf diesen Kursverfall spekuliert haben, dürften satte Gewinne einstreichen.

Nordex

Eine Gewinnwarnung ließ die Nordex-Aktie gestern Abend um 15 Prozent einbrechen. Die Shortseller, die auf diesen Kursverfall spekuliert haben, dürften satte Gewinne einstreichen.

Die Shortseller haben ihre erste große Ernte in diesem Jahr eingefahren: Die gestrige Umsatzwarnung des Windturbinenherstellers Nordex dürfte ihnen Millionenprofite beschert haben. Nordex war in den ersten Wochen dieses Jahres neben der Lufthansa das am stärksten geshortete deutsche Unternehmen. Das zeigt eine FINANCE-Auswertung der im Bundesanzeiger veröffentlichten Daten zu eingegangen Leerverkaufspositionen zwischen dem 1. Januar und dem 21. Februar. In diesem Zeitraum waren die Leerverkäufer in Deutschland so aktiv wie seit vielen Jahren nicht mehr. Auf Nordex wurden dabei insgesamt 14, auf die Lufthansa zwölf große Short-Positionen eingegangen.

Shortseller leihen sich bei Banken und Brokerhäusern Aktien von Unternehmen, um die Papiere anschließend zu verkaufen. Ist der Kurs wie erhofft gesunken, kaufen sie die Aktien, die sie nie besaßen, am Markt billiger ein und geben sie an die Bank oder den Broker zurück. Seit März 2012 müssen solche Leerverkäufe im Bundesanzeiger veröffentlicht werden, wenn sie mindestens 0,5 Prozent des ausstehenden Aktienvolumens des betroffenen Unternehmens ausmachen. Erfasst wird auch, wenn ein Shortseller seine bestehende Position ändert. Die Statistik erfasst damit zwar nicht alle Leerverkäufe, aber die größten Trades.

Warum attackieren die Shortseller Nordex?

Nordex hat den Salz- und Düngemittelkonzern K+S als langjährigen Shortseller-Liebling abgelöst. Auf K+S-Papiere wurde zum Jahresstart nur neun Mal gewettet. Das sah zu Beginn der Vorjahre noch ganz anders aus. 2016 verzeichnete der Bundesanzeiger bei K+S insgesamt 31 Leerverkaufsaktivitäten. 2015 waren es sieben und in den Jahren davor 20 beziehungsweise 25 Trades. In drei der vergangenen fünf Jahre war K+S damit zum Jahresstart die am häufigste geshortete deutsche Aktie. 

Shortseller mögen Unternehmen, die vor tiefgreifenden Veränderungen stehen – diese bieten Potential für fallende Aktienkurse. K+S kämpft mit Preisrückgängen, Produktionseinschränkungen und hohen Überkapazitäten am weltweiten Kalimarkt. Die Lufthansa schleppt nach wie vor ungelöste Tarifprobleme mit sich herum. Der fortgesetzte Aufbau konzerneigener Billigfluganbieter droht die Arbeitskämpfe eskalieren zu lassen. 

Bei Nordex sind derart große Strukturprobleme auf den ersten Blick nicht erkennbar, trotzdem bemerkten die Shortseller die aktuellen Schwächen in der Kapitalmarktstory der Norddeutschen: In wichtigen Absatzmärkten der Hamburger deuten sich mittelfristig Rückgänge (Deutschland) und politische Risiken (USA) an. Gleichzeitig integriert Nordex gerade den größten Zukauf der Firmengeschichte: Für fast 800 Millionen Euro erwarb Nordex 2015 den spanischen Windturbinenhersteller Acciona Windpower und stieg damit zu einem Global Player im Windanlagengeschäft auf. Ein Jahr später verabschiedete sich der erfolgreiche Finanzchef Bernard Schäferbarthold, der den Deal federführend eingefädelt hatte. 

Die Nordex-Aktie hat schon in den vergangenen zwölf Monaten bis gestern Abend gegen den breiten Markttrend gut 20 Prozent verloren, gehörte davor aber lange Jahre zu den erfolgreichsten Papieren am deutschen Aktienmarkt. Gestern um 17 Uhr, als Nordex eine Umsatz- und Gewinnwarnung für das laufende Geschäftsjahr veröffentlichte, brach die Aktie um weitere 15 Prozent ein.

Shortseller verlieren Lust an Wirecard, Ströer und Grammer

Dass sich das Interesse der Shortseller auf neue Unternehmen wie Nordex richtet, hat auch damit zu tun, dass viele Leerverkaufsziele der vergangenen Jahre uninteressant geworden sind – unter anderem die M&A-Opportunitäten Aixtron und Kuka. Übernahmephantasien treiben in der Regel zwar zunächst den Kurs des Unternehmens. Gelingt der Verkauf allerdings nicht – worauf die Shortseller spekulieren – ist der Fall nach unten umso größer.

Weil der Verkauf des Chipanlagenbauers Aixtron an die chinesische Fujian Grand Chip am Veto der US-Behörden scheiterte, dürften Shortseller dort gut verdient haben. Der Aixtron-Aktienkurs sackte zwischen Oktober und Dezember 2016 von 5,80 Euro auf 3 Euro ab und hat sich seitdem nur leicht erholt. Kuka dagegen wurde wie geplant an den chinesischen Haushaltsgerätehersteller Midea verkauft. 

Zudem wurde es auch um Wirecard und Ströer wieder etwas ruhiger. Beide Unternehmen wurden wegen vermeintlich dubioser Bilanzierungs- und Geschäftspraktiken vergangenes Jahr Opfer von Angriffen fragwürdigen Research-Häuser wie Zatarra und Muddy Waters. Beide versäumten es aber, ihre harten Vorwürfe so zu untermauern, dass eine Mehrzahl der Investoren ihnen Glauben schenkt.

Auch der im SDax notierte Automobilzulieferer Grammer – vor einem Jahr noch mit 13 Trades in der Shortsellerliste vertreten – taucht derzeit überhaupt nicht auf. Grund dürfte der Einstieg der bosnischen Unternehmerfamilie Hastor sein, die versucht, die Kontrolle bei Grammer zu übernehmen. Das Management kämpft dagegen an und hat einen weißen Ritter aus China in den Aktionärskreis geholt. Dies hat die Aktie auf ein Rekordhoch getrieben, und kaum jemand will derzeit darauf setzen, dass der Machtkampf so schnell zu Ende geht und der Grammer-Rallye die Luft ausgeht. Auch bei den Bankaktien setzen derzeit nicht mehr viele auf nennenswerte Kurseinbrüche.

Bilfinger, Salzgitter und Heideldruck bleiben attraktive Ziele

Gänzlich fallen lassen die Shortseller ihre alten Favoriten allerdings nicht. Mit Bilfinger, Salzgitter, Heideldruck, Leoni und Lanxess finden sich regelmäßig die gleichen Unternehmen in den Top Ten der Shortseller-Rankings wider.

Allgemein ist die Lage am Leerverkaufsmarkt derzeit aber vergleichsweise ruhig. Der Bundesanzeiger verzeichnete dieses Jahr bislang 420 größere Leerverkaufsaktivitäten – im Vorjahr waren es noch doppelt so viele. Da die meisten Leerverkaufspositionen in den vergangenen Jahren im Januar und Februar aufgebaut wurden, könnte dies ein Indiz für ein ruhigeres Shortseller-Jahr 2017 sein.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Shortseller wetten auf fallende Aktienkurse von Unternehmen, manche Investoren versuchen gar die gesamte Unternehmensstrategie in ihrem Sinne zu beeinflussen. Erfahren Sie mehr über aktivistische Investoren auf der passenden FINANCE-Themenseite.