Märkte & Wirtschaft
24.06.16

Chaos an den Märkten

Das bedeutet der Brexit für Banken, Märkte und CFOs

Von Sabine Reifenberger, Julia Schmitt und Michael Hedtstück

Der Brexit stürzt die Märkte ins Chaos, die Folgen sind kaum abzusehen. FINANCE listet auf, wie Unternehmen reagieren, und was auf Banker und CFOs zukommt.

Der Brexit ist da: Für die Finanzbranche ist er ein Erdbeben.

Tomas Sereda / Thinkstock / Getty Images

Der Brexit ist da: Für die Finanzbranche ist er ein Erdbeben.

Der Brexit stürzt die Märkte ins Chaos: Die Aktienmärkte brechen auf breiter Front zwischen 5 und 10 Prozent ein, am stärksten verlieren Finanzwerte. Das britische Pfund bricht zum Euro trotz der schon verzeichneten schweren Kursrückgänge am Vormittag um weitere fast 10 Prozent ein. Gegenüber einem breiten Währungskorb fällt das Pfund nach Angaben des Bankhauses Metzler auf den tiefsten Stand seit 1985. Der sichere Hafen am Devisenmarkt ist der japanische Yen, der gegenüber allen wichtigen Währungen weiter aufwertet. Der Goldpreis springt zeitweise um fast 100 Dollar je Unze in die Höhe und hält sich deutlich über der Marke von 1.300 Dollar.

„Jetzt beginnen Jahre des Risikos“, meint die Berenberg Bank. Sie befürchtet, dass die Märkte in den nächsten Wochen überreagieren könnten, vor allem dann, wenn es Anzeichen gibt, dass weitere EU-Mitglieder erwägen, ähnliche Referenden auf den Weg zu bringen. Aber: „Der Brexit ist kein schwarzer Schwan. Man konnte sich darauf vorbereiten“, relativieren die Marktstrategen. „Die Welt geht nicht unter, sie ist nur risikoreicher geworden.“

Berenberg glaubt, dass das viel kritisierte Anleihekaufprogramm der EZB über 80 Milliarden Euro im Monat – darunter auch Unternehmensanleihen – jetzt verhindern wird, dass die Bondrenditen durch die Decke schießen. Angeblich steht die Bank of England bereit, um den Märkten 250 Milliarden britische Pfund zur Verfügung zu stellen, um der Flucht aus der heimischen Währung zu begegnen.

Das englische Recht wird sich radikal verändern

Die kurzfristige Reaktion der Finanzmärkte ist das eine, die langfristigen Umwälzungen sind das andere. Nils Krause, Partner der Kanzlei DLA Piper, sieht durch den Brexit nun „große Vertragsrisiken und ein erhebliches Maß an Rechtsunsicherheit“. Er hält es für möglich, dass sich das englische Recht „radikal verändern wird“. Sein Ratschlag: „Deutsche Unternehmen sollten nun in ihren Verträgen mit UK-Bezug auf deutschem Recht bestehen.“

Mit Blick auf die heftigen Ausschläge am Devisenmarkt hofft Krause, „dass Unternehmen die gerade stattfinden Währungsschwankungen über MAC-Klauseln oder Anpassungsmechanismen in den Verträgen abgebildet haben“. Diesen Punkt hatte Krause den FINANCE-Nutzern schon Anfang März in einem Interview bei FINANCE-TV ans Herz gelegt, in dem es auch um die Folgen eines Brexits für laufende M&A-Deals und Joint-Venture-Verhandlungen ging.

Deutsche Börse und LSE halten an Zusammenschluss fest

Eine Reihe von Unternehmen äußerten sich am Freitagvormittag bereits zu den Folgen des Brexits. Die Deutsche Börse, die aufgrund der geplanten Fusion mit der London Stock Exchange unmittelbar vom Brexit betroffen ist, äußerte sich beschwichtigend. Der Merger hänge nicht vom Ergebnis des Referendums ab, das Board der London Stock Exchange (LSE) und der Vorstand der Deutschen Börse stehen nach eigener Aussage unverändert zu dem Deal. Sie seien überzeugt, dass der Ausgang des Referendums keinen Einfluss auf die strategische Grundidee des Zusammenschlusses habe, teilten die Leitungsgremien mit.

Die nächste Hürde ist eine Abstimmung der LSE-Aktionäre in rund zwei Wochen: Auf einer vom Gericht einberufenen Versammlung am 4. Juli sowie auf der Hauptversammlung sollen sie dem Zusammenschluss zustimmen. Die Aktionäre der Deutschen Börse können ihre Aktien bis zum Ende des Tauschangebots am 12. Juli um Mitternacht andienen.

Die Investmentbank Equinet glaubt dennoch, dass der Deal nun wahrscheinlich scheitern wird: „Die Deutsche Börse wird an dem Fusionsplan zwar festhalten, aber der Deal ist komplizierter geworden und die Risiken größer.“ Vor allem die EU-Kommission und das Land Hessen werden nach der Erwartung von Equinet den Brexit nun stark ins Kalkül ziehen, wenn sie sich entscheiden, wie sie sich zu der geplanten Börsenfusion stellen wollen. Am Nachmittag bestätigte der hessische Wirtschaftsminister Tarek A-Wazir, dass der Brexit bei der Prüfung der Fusion durch sein Ministerium tatsächlich eine Rolle spielen werde.

Anders schätzt Rechtsanwalt Bernd Geier die Folgen des Brexits für den Deal ein: „Am Anfang ging es darum, der größte EU-Handelsplatz in Europa zu werden. Jetzt könnte es darum gehen, einen Handelsplatz zu schaffen, der Standbeine sowohl in als auch außerhalb der EU hat. Die Deutsche Börse könnte damit einer der größten Profiteure des Austritts werden“, glaubt Geier, der Leiter der deutschen und Co-Head der europäischen Finanzmarktregulierungspraxis der Kanzlei Dentons ist.

John Cryan und Munich Re warnen, Allianz setzt auf Gelassenheit

Deutsche-Bank-Vorstandschef John Cryan warnte unterdessen, die Konsequenzen des Brexit ließen sich nicht vollständig absehen. Sie würden aber für alle Seiten negativ ausfallen. Die Deutsche Bank hatte bereits angekündigt, im Falle eines Brexit den Handel mit Euro-Staatsanleihen aus London abziehen zu wollen. Die Deutsche-Bank-Aktie verlor zum Handelsstart über 15 Prozent.

Der Versicherungskonzern Allianz versucht unterdessen, verunsicherte Kunden und Aktionäre zu beruhigen. Mittel- und langfristig gehe man von bilateralen Vereinbarungen zwischen Großbritannien und der EU aus, die meisten negativen Szenarien seien an den Märkten bereits eingepreist, sagte Chefinvestor Andreas Gruber. Er geht davon aus, dass die Marktturbulenzen nur kurzfristig sind. Die Portfolien der Allianz seien von kurzfristiger Volatilität am Markt „nicht maßgeblich betroffen“.

Der Chefökonom des Rückversicherers Munich Re, Michael Menhart, befürchtet dagegen, die Entscheidung werde die Konjunktur vor allem in Großbritannien über einen längeren Zeitraum stark belasten. Er erwartet, dass das britische Wachstum bis 2018 jährlich um etwa einen Prozentpunkt niedriger ausfallen wird.

E.on und RWE halten Problem für beherrschbar

Der Energiekonzern E.on teilte am Freitag mit, die Konsequenzen des Austritts seien für den Konzern beherrschbar. Das Geschäft in Großbritannien sei regional. Die Währungskursschwankungen des britischen Pfund sieht das Unternehmen zwar als Risiko, allerdings stünden zum Ausgleich auch Schulden in britischen Pfund gegenüber.

RWE-Chef Peter Terium zeigte sich zwar persönlich schockiert über die Entscheidung, wie die Nachrichtenagentur dpa zitiert. Allerdings  bleibt er mit Blick auf das Großbritanniengeschäft zuversichtlich. Die nationale Regulierung sowie die Akzeptanz vor Ort seien für den Geschäftserfolg entscheidender.

Auch der Chef des Autozulieferers Continental zeigt sich entspannt: „Die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen auf Continental sind voraussichtlich begrenzt“, sagte Elmar Degenhart. Conti erwirtschaftet 3 Prozent seines Umsatz in UK. Der Verband der Maschinenbauunternehmen fürchtet hingegen schwere Rückgänge beim Großbritannienexport.

Beim Darmstädter Pharmakonzern Merck bedauert man die Entscheidung für einen EU-Austritt. Gravierender als die wirtschaftlichen Folgen seien aber die politischen Konsequenzen. Ein Verkauf von Geschäftsteilen in Großbritannien sei kurzfristig nicht geplant, teilte das Unternehmen mit. Für langfristige Aussagen sei es zu früh. Merck beschäftigt in Großbritannien etwa 1.400 Mitarbeiter.

Metzler hält vier Unternehmen aus Dax und MDax für besonders betroffen vom Brexit: Bilfinger, BMW, Deutsche Post und RWE. Sie alle erzielen über 10 Prozent ihrer Umsätze in Großbritannien. Probleme könnte es auch für die Deutsche Pfandbriefbank geben: Der Börsenneuling hat 20 Prozent seiner Immobilienfinanzierungen im Königreich vergeben. Profitieren könnte der Immobilienkonzern Alstria, der viele derzeit leerstehende Büroflächen in Frankfurter Hochhäusern besitzt. Diese könnten sich füllen, wenn Finanzgeschäfte nach Frankfurt verlagert werden, vermutet Metzler.

Bosch und Capital Stage sichern Pfund mit Hedging ab

In diesen Stunden sind auch die CFOs gefragt: Bosch beispielsweise hat Vorsorge getroffen. Das Unternehmen habe die Sicherungsquoten deutlich erhöht, um der Abwertung des britischen Pfundes entgegen zu wirken, zitiert die Nachrichtenagentur Dow Jones den Unternehmenschef Volkmar Denner. Demnach gebe es derzeit keine Pläne, die Investitionen in Großbritannien zurückzufahren. Viele Auswirkungen hingen aber davon ab, auf welche Modalitäten man sich für den Ausstieg einige.

Auch Christoph Husmann, CFO des im SDax notierten Windparkbetreibers Capital Stage, der viel Geschäft in Großbritannien macht, hat Euro-Pfund bereits im Vorfeld gegen Schwankungen abgesichert. Capital Stage betreibt in Großbritannien 12 Solarparks, die einen Anteil von knapp 14 Prozent an der Gesamterzeugungsleistung der Solar- und Windparks des Unternehmens stellen. Im Geschäftsjahr 2015 entfielen rund 7 Prozent des Umsatzes auf Großbritannien.

Die Einnahmen und Ausgaben der britischen Solarparks erfolgen in britischen Pfund, bei der Vereinnahmung von Überschüsse der britischen Solarparks durch den Konzern werden die Summen in Euro umgerechnet. Capital Stage hat sich diese Einnahmen nach eigenen Angaben mit dem Abschluss eines Währungsswaps bis Ende 2017 zu einem durchschnittlichen Wechselkurs von 0,79 britischen Pfund pro Euro langfristig gesichert. „Bis Ende 2017/Anfang 2018 haben Wechselkursschwankungen dadurch keine Auswirkungen auf unsere Zahlungsströme“, ließ Husmann verlauten.

Capital Stage bleibt aber trotzdem von den Marktturbulenzen nicht ganz verschont, denn aktuell läuft ein Übernahmeangebot für den Wettbewerber Chorus Clean Energy. Der Deal soll über einen Aktientausch abgewickelt werden. Die gestiegene Volatilität an den Märkten könnte die Zustimmung der Aktionäre zu dem Deal unsicherer machen.

Bringt der Brexit Vorteile für Start-ups?

Einen ungewöhnlichen Standpunkt nimmt der Venture-Capital-Investor German Startups Group ein. Er erwartet, dass der Brexit für Deutschland als Standort für junge Technologieunternehmen durchaus Vorteile bringt. Die deutsche Startup-Szene könne am Standort London vorbeiziehen, so die Hoffnung.

„Wir rechnen sowohl mit der deutlichen Verringerung der Neuansiedlung von Startups in London zu Gunsten von Berlin als auch mit dem Zuzug erfolgreicher Londoner Start-ups. Das dürfte in besonderer Ausprägung für den besonders dynamischen Sektor der FinTechs  zutreffen“, sagte CEO Christoph Gerlinger.

Die Folgen für Banken und den Finanzplatz Frankfurt

Über 10.000 neue Arbeitsplätze für Frankfurt? Finanzplatz-Sprecher Hubertus Väth

Frankfurt Main Finance

Über 10.000 neue Arbeitsplätze für Frankfurt? Finanzplatz-Sprecher Hubertus Väth

Sicher ist, dass der Brexit schwere Folgen für die Aufteilung der weltweiten Finanzgeschäfte haben wird. London wird an Bedeutung verlieren, so viel steht fest. In der Londoner City herrscht hohe Nervosität. JP Morgan-Chef Jamie Dimon wandte sich heute Morgen direkt an seine Mitarbeiter und kündigte Veränderungen an: „In den nächsten Monaten könnte es sein, dass wir Veränderungen an der Struktur unserer europäischen Einheiten vornehmen müssen, wir prüfen auch den Standort verschiedener Geschäftseinheiten. Sicher sind diese Veränderungen noch nicht, aber wir müssen vorbereitet sein, um mit einer neuen Gesetzeslage konform zu sein.“

Eine Mischung aus Unruhe und gespannter Erwartung herrscht auch am Finanzplatz Frankfurt. „Wir bedauern, aber respektieren die Entscheidung der Briten“, sagte Hubertus Väth, Sprecher der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance. Väth erwartet den größten Effekt auf die Finanzindustrie im Bereich des OTC-Clearings. Aktuell werden rund 90 Prozent der in Euro gehandelten OTC-Derivate in London umgeschlagen – vor allem Zinsderivate. „Die erfolgreiche Klage der britischen Regierung vor dem EuGH gegen die von der EZB geforderten Verlagerung des Clearings in den Euroraum wird nun keinen Bestand mehr haben können.“ Spätestens seit Emir hat das OTC-Clearing große Bedeutung für Finanzabteilungen.

Großer Gewinner der absehbaren Verlagerung in den Euroraum könnte die Deutsche-Börse-Tochter Eurex werden. Die Eurex ist das größte Clearinghaus Europas, wegen der dominanten Stellung Londons bislang aber nur schwach im OTC-Clearing engagiert. Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) schätzt, dass derzeit mehr als die Hälfte der weltweiten Zinsterminkontrakte im Gesamtvolumen von jährlich umgerechnet 383 Billionen Euro über die LSE-Tochter LCH.Clearnet abgewickelt werden.

Den so genannten „Headquarter-Effekt“ – 40 Prozent der Bankzentralen stehen in London, weil ihre Eigentümer London als Brückenkopf nach Europa nutzen wollen – sieht Väth nicht als so schwerwiegend an wie andere Beobachter. Frankfurt Main Finance glaubt, dass nur 2 Prozent des britischen Finanzmarkts direkt von dem Brexit-Votum betroffen sind. „Wir hoffen, dass wir davon wiederum 1 bis 2 Prozent nach Frankfurt holen können“, sagt Väth. Doch allein dies würde schon 10.000 neue Arbeitsplätze in Frankfurt bedeuten. „Wir rechnen mit einem massiven Bedeutungsgewinn für den Finanzplatz Frankfurt.“

Was passiert mit den britischen ABS-Papieren?

Ein anderer wichtiger Aspekt ist die „Passport-Frage“. Banken, die ihre Geschäfte im Euroraum abwickeln wollen, müssen in einem EU-Land eine Lizenz besitzen. Nach einem Brexit wäre London dafür nicht mehr der richtige Ort. Es ist fraglich, ob die EU-Behörden künftig noch tolerieren, dass ein großer Anteil von Finanztransaktionen „offshore“, also außerhalb der Euro-Zone abgewickelt wird. Dentons-Anwalt Geier glaubt, dass auch die Folgen dieser Entwicklung für den Finanzplatz Frankfurt überwiegend positiv sein werden: „Jetzt wird die Frage nach dem besten Finanzplatz in Europa entbrennen – Frankfurt hat sehr gute Chancen, zur Basis der EU-Finanzgeschäfte zu werden“.

Wie genau sich die Bankgeschäfte im Euro-Raum verändern werden, hängt auch davon ab, wie sich der Austritt gestalten wird. Möglich wäre, dass Großbritannien noch versucht, durch Ausnahmeregelungen teilweise den Zugang zur EU zu halten. Grundsätzlich sind von einem Austritt aber alle Bankengeschäfte der Engländer betroffen, vom Endkundengeschäft bis hin zu Devisenhandel oder Währungshedging.

Experten vermuten außerdem, dass vor allem jene Banken, die mit britischen Hypotheken, Bankdarlehen und Kreditkarten unterlegte Anleihen gekauft haben, unter dem Brexit leiden werden. So könnten bestimmte forderungsbesicherte Anleihen (ABS) möglicherweise nicht mehr zur Notfall-Liquiditätsreserve der Banken gerechnet werden, wenn die ABS aus einem Nicht-EU-Land stammen. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg droht den europäischen Banken allein daraus eine Kapitallücke von insgesamt 108 Milliarden Euro.
 
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehr über die Folgen des britischen Votums für einen Austritt aus der EU lesen Sie auf unserer Themenseite zum Brexit.