31.08.17

FINANCE-Blog: Controlling 2020

Wie gutes Controlling den Fipronil-Skandal verhindert hätte

Von Niels Dechow

Jeden Tag werden derzeit wegen des Fipronil-Skandals 35 Millionen Eier vernichtet, die finanziellen Verluste sind immens. Ein gutes Supply-Chain-Controlling hätte den Eierskandal verhindern können.

Durch gutes Lieferketten-Controlling hätte der Eierskandal verhindert werden können, meint FINANCE-Kolumnist Niels Dechow.

studiodr/iStock/Thinkstock/Getty Images

Durch gutes Lieferketten-Controlling hätte der Eierskandal verhindert werden können, meint FINANCE-Kolumnist Niels Dechow.

In Kürze soll eine kostenlose App für Supermarktkunden auf den Markt kommen. Damit können sie feststellen, ob der Betrieb, in dem die Eier hergestellt wurden, vor denen sie stehen, vom Fipronil-Skandal betroffen ist. Auch wenn die App manchen Kunden kurzfristig helfen wird, zeigt diese Episode, wie mit Hilfe der Digitalisierung oft das falsche Problem angegangen wird.

Um das eigentliche Problem zu lösen, muss man nicht „downstream“ schauen und den Endkunden mit einer Handy-App bedienen. Viel eher sollten wir uns „upstream“ orientieren und versuchen, die Lieferkette abzubilden, die vor dem Endprodukt steht. Im Rahmen der Eierproduktion sind Erzeugerbetriebe nun einmal nichts anderes als eine einfache Stallnummer in der wirtschaftlichen Nahrungskette verschiedenster Dienstleister, die grenzüberschreitend im Eiergeschäft tätig sind. Der Fipronil-Skandal demonstriert uns allen (erneut), dass der Gesetzgeber und die Hersteller übersehen haben, wie wichtig es ist, die Lieferkette als Informationsobjekt, als kommerzielle Nahrungskette, darstellen zu können.

Die Lieferkettenkontrolle der Eierproduzenten hat versagt

Das Problem: Einerseits akzeptiert man es, dass europaweit alle Erzeuger so kodiert werden, dass jeder Endnutzer mit Hilfe einer App den Erzeuger ermitteln kann. Andererseits kodiert man aber nicht so, dass für die Behörden auch jene Lieferanten erkennbar werden, die für die Hygiene im Stall verantwortlich sind. 

Meines Erachtens ist der Fipronil-Skandal ein Beispiel dafür, dass wir mit dem falschen Fokus versucht haben, die Eierproduktion zu standardisieren. Entweder hat hier ein Fokus auf die Lieferkettenkontrolle vollkommen gefehlt oder der Mechanismus hat versagt. Als der Eiercode 2004 eingeführt wurde, hat man ausschließlich auf die Erzeuger fokussiert, in der Annahme, dass die Verbraucher wissen möchten, wie es den eierlegenden Hühnern geht. Stattdessen hätte man darauf abstellen sollen, wie die Lieferketten rund um das Ei aufgestellt sind, und zwar unter Gesichtspunkten wie Lebensmittelrisiken, Nachhaltigkeit, eingesetzte Chemikalien und ähnliches.

Standardisierung ohne Controller ist Mist

Und hier kommt aus meiner Sicht das Thema Controlling ins Spiel. Ein geschicktes Supply-Chain-Controlling-Konzept müsste so aufgebaut sein, dass keine Eier im Handel ankommen können, die nicht die gewünschten Standards erfüllen und im Sinne ihrer kommerziellen Fußspur „getrackt“ werden können. Ich gehe sogar noch weiter: Standardisierung ohne Controller ist meistens Mist. Seit jeher beschäftigt sich das Controlling nämlich nicht nur mit der Definition von Standards, sondern auch mit deren Entwicklung. Kennzahlen definieren kann jeder. Diese aber richtig einzusetzen und fortlaufend zu entwickeln, ist eine ganz andere Sache.

Im Rahmen des sogenannten Supply-Chain-Controllings würde man versuchen, quer durch die Lieferkette relevante Informationsobjekte zu definieren. Das Ei selbst wäre nur eines von vielen Objekten. Anstatt auf das gegenwärtige „Eier-Stempel-Verfahren“ zu setzen, würde uns das Supply-Chain-Controlling raten, die Schnittstellen der Lieferketten in den Blick zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen, welche Aktivitäten und Events dort stattfinden müssen, damit die Lebensmittelsicherheit gewährleistet werden kann.

Meist gibt es gar nicht so viele Schnittstellen, die überwacht werden müssen. Auch in der Eierproduktion ist die Zahl der „Produktionsglieder“ begrenzt. Aber neben den Produzenten müssen auch die Lieferanten einen Pflichtenkatalog erhalten, den sie befolgen müssen. Mit diesem könnten Controller sogar weit mehr tun, als nur den Status quo zu erheben – sie könnten die komplette Performance der Lieferkette rund um das Ei verbessern. Und das ist bitter nötig. Momentan vernichten wir europaweit um die 35 Millionen frische Eier – jeden Tag. Die finanziellen Verluste sind immens.

Controlling steht für smarte Lösungen, nicht für stupide Apps

Mein Fazit aus dem Fipronil-Skandal ist, dass wir uns nicht damit begnügen dürfen, Service-Innovationen wie eine Nutzer-App einzuführen, um damit grundsätzliche Probleme in der Datenstruktur verschiedener Behörden und Unternehmen auszugleichen. Mich persönlich interessiert es nicht, wo das Ei herkommt. Ich als Verbraucher wünsche mir, dass wir ein System einführen und fortentwickeln, das uns Verbrauchern die Last der Kontrolle abnimmt.

Und Controlling hat sich im Grundsatz schon immer damit auseinandergesetzt, wie man Informationsobjekte definiert und systematisiert, so dass Transformations- und Verbesserungspotentiale ausgeschöpft werden können. Der Mehrwert von Service-Innovationen hängt eben nicht nur vom Digitalisierungsgrad ab. Wer sich nur darauf fokussiert, riskiert schnell, ein faules Ei zu produzieren – ein Produkt, das kurzfristig Bürokratie schafft und langfristig keinen Mehrwert bringt.

Richtige „Add-Ons“ sind solche Services, die bereits attraktive Produkte durch Informationsstrukturen ergänzen können, welche sich soweit standardisieren lassen, dass man diese auch digitalisieren und monetarisieren kann. Ich setze jedenfalls darauf, die App „Faules Ei“ bald nicht mehr nötig zu haben. Ich bin sowieso meistens am telefonieren, surfen und bloggen, wenn ich durch den Supermarkt laufe.

redaktion[at]finance-magazin.de

Niels Dechow, PhD, ist Professor für Unternehmensrechnungslegung und Controlling an der European Business School (ebs). Für FINANCE bloggt er regelmäßig zu den neuesten Trends im Controlling. Hier geht es zu allen Beiträgen seines Blogs „Controlling 2020".