03.07.14

FINANCE-Blog: 3. Halbzeit

HSV: Tanzen, auch auf Gräbern

Von Michael Hedtstück

Der HSV ist so gut wie pleite, muss dringend Geld reinholen. Und was machen die ehrbaren Kaufleute im Management des HSV? Wollen erstmal 8 Millionen Euro für Lasogga auf den Tisch legen. Im Hintergrund reibt sich ein alter Bekannter die Hände.

Der Volksheld bleibt: Trotz Beinahe-Pleite kauft der HSV für 8 Millionen Euro Pierre-Michel Lasogga. Die Rechnung bezahlt ein alter Bekannter.

picture-alliance/dpa

Der Volksheld bleibt: Trotz Beinahe-Pleite kauft der HSV für 8 Millionen Euro Pierre-Michel Lasogga. Die Rechnung bezahlt ein alter Bekannter.

Sportlicher Niedergang, klamme Kassen, rollende Köpfe: Triste Zeiten beim Hamburger SV. Aber eines muss man den Vereinsbossen lassen: Sie lassen sich von all dem nicht beirren und legen mir nichts, dir nichts über 8 Millionen Euro auf den Tisch, um den Stürmer Pierre-Michel Lasogga von Hertha BSC Berlin zu verpflichten. Die knapp 1,5 Millionen für Zoltan Stieber, einen Zweitligakicker aus Fürth, fallen da schon kaum mehr ins Gewicht.

Das 11-Millionen-Euro-Angebot aus Leverkusen für Nachwuchsstürmer Hakan Calhanoglu hat man derweil souverän abgelehnt. Calhanoglu hat sich daraufhin wegen „mentaler Probleme“ von einer Psychologin erstmal für vier Wochen krankschreiben lassen.

Das Geschäftsgebaren eines Dorfvereins

Die Schamlosigkeit der HSV-Oberen erinnert an Marius Müller-Westernhagen, für den der Exzess zum Freisein einfach dazu gehört. „Ihr sollt tanzen, auch auf Gräbern“, singt er in seinem Song „Freiheit“. Beim HSV müssen sie sich sehr frei fühlen im Moment. Denn eigentlich las man zuletzt ja eher davon, dass der HSV im Gegenzug für den Erhalt der Lizenz über den Sommer einen Transferüberschuss in zweistelliger Millionenhöhe erwirtschaften müsse.

Offenbar haben die ehrbaren Kaufleute an der Spitze des HSV das Wort Transferüberschuss ein wenig missverstanden. Aber es ist ja nicht ihr Geld. Finanzieren will der HSV den Lasogga-Transfer mit einem weiteren Kredit von Gönner Klaus-Michael Kühne. Das Geschäftsgebaren der HSV-Bosse ähnelt dem eines Dorfvereins, der mit dem Geld des ortsansässigen Autohändlers den Aufstieg in die Verbandsliga erzwingen will, schließlich ist der Lasogga-Transfer nicht der erste ausgefallene Transfer-Coup der Hamburger. 

Erinnern wir uns an den Spätsommer 2012: Der HSV war auch da schon finanziell schwer angeschlagen, trotzdem langten die Verantwortlichen am Transfermarkt kräftig zu. Für mehr als 20 Millionen Euro wurden van der Vaart, Badelj und Jiracek geholt. Sportlich eingebracht hat das dem HSV nichts, dafür aber tiefe Löcher in der Kasse und 8 Millionen Euro Schulden bei Kühne, der schon damals einspringen musste.

Begonnen hat der Irrsinn sogar schon im Jahr 2010, als Kühne die Transfers von Jansen, Aogo und Guerrero mit 15 Millionen Euro bezuschusste. Auf eigenen Beinen stand der HSV nur 2011. In diesem Sommer fiel der neue Manager Frank Arnesen damit auf, dass er die halbe Reserve der Reserve vom FC Chelsea aufkaufte. Die „Talente“, die der HSV mit Millionengagen ausstattete, hatten in den Jahren davor so ziemlich alle Highlights der Weltstadt London gesehen, nur nicht den Rasen des Chelsea-Stadions an der Stamford Bridge.

Störmanöver gegen HSV Plus

Das Bizarre ist, dass offensichtlich nicht mal die deutsche Justiz den HSV vor sich selbst schützen kann. Vor wenigen Tagen zeigte der ehemalige Volleyballer Klaus Meetz die Vereinsbosse an, weil sie angeblich die 17,5 Millionen Euro aus der vor zwei Jahren begebenen Fananleihe zweckentfremdet haben. Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass der HSV die Gelder nicht wie versprochen für den Bau eines Nachwuchszentrums zurückgelegt, sondern stattdessen im Tagesgeschäft verbrannt hat. Die Staatsanwaltschaft prüft die Anzeige.

Allerdings ist anzunehmen, dass man selbst beim HSV nicht so amateurhaft war, sich im Anleiheprospekt rechtlich bindend auf einen bestimmten Verwendungszweck für die Millionen festzulegen. Weil das auch Meetz ahnt, hat er gleich noch einen Befangenheitsantrag gegen den Richter gestellt, der die neue HSV-AG ins Handelsregister eintragen soll.

Damit liegt der Vollzug des Rettungskonzepts „HSV Plus“, bei dem auch wieder Kühne die zentrale Figur ist, mindestens bis Mitte Juli auf Eis. Und solange die HSV-AG nicht ins Handelsregister eingetragen ist, dürfen die neuen starken Männer beim HSV keine Verträge unterschreiben.

Aber beim Geldausgeben ziehen sie plötzlich alle wieder an einem Strang, der alte Kämpe Carl-Edgar Jarchow und die vermeintlichen Retter um Hoffnungsträger Dietmar Beiersdorfer, und das mitten in der heißen Phase der Transferperiode. Es muss ein innerer Defiliermarsch sein für die vermeintliche Lame Duck Jarchow. Und das Allerbeste daran ist, dass am Ende, falls der Kamikaze-Kurs im Graben enden sollte, jeder dem anderen die Schuld in die Schuhe schieben könnte.   

Was führt Kühne im Schilde?

Der Einzige, dem das Possenspiel nutzt, ist Kühne. Es sind längst nicht mehr nur Zyniker und Traditionalisten, die vermuten, dass Kühne mit seinen ständigen Millionenkrediten für riskante Spielertransfers eine ganz eigene Agenda verfolgt: Die baldige Umwandlung der Kredite in Anteile, sobald ihm der HSV seine Schulden nicht zurückzahlen kann. Die Zustimmung der Vereinsmitglieder zu HSV Plus hat ihm dafür den Weg geebnet.

Das Bittere für den HSV: Wenn es so käme, wäre Kühne mit einem Schlag Großaktionär der HSV-AG, und das vielleicht sogar, ohne dass dem HSV dabei frische Gelder zufließen. Falls Kühne dann trotzdem im Zuge einer Kapitalerhöhung noch ein paar Millionen extra in die Kasse legen sollte, wäre seine Machtfülle so groß, dass eine Sperrminorität für den Unternehmer in greifbare Nähe rückt. Calhanoglu wird nicht der einzige beim HSV bleiben, der Depressionen bekommt.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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