10.07.17

FINANCE-Blog: Subtext

Karwendelbahn AG: Der öffentliche Kleinkrieg

Von Sabine Reifenberger

Am Kapitalmarkt geht es in der Regel nüchtern zu. Nicht so bei dem Seilbahnbetreiber Karwendelbahn AG: Streit trägt man dort per Kapitalmarktmitteilung aus. Die Hintergründe verstehen nur Eingeweihte. Aber die Formulierungen sind spektakulär.

Bei dem Seilbahnbetreiber Karwendelbahn AG trägt man Streit per Kapitalmarktmitteilung aus.

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Bei dem Seilbahnbetreiber Karwendelbahn AG trägt man Streit per Kapitalmarktmitteilung aus.

Für Kapitalmarktmitteilungen haben sich unter Profis gewisse Regeln eingebürgert: Sie sind nüchtern und faktenbasiert formuliert, persönliche Befindlichkeiten werden herausgehalten. So gut wie jedes Unternehmen versucht, sich möglichst professionell zu präsentieren.

Die Karwendelbahn AG wählt konsequent einen anderen Weg. Mit „Unternehmensmitteilung für den Kapitalmarkt“ ist das jüngste Kommuniqué der Bayern überschrieben. Zunächst  kommen auch tatsächlich Fakten zu den Gästezahlen der vergangenen Monate. Doch dann endet die Sachlichkeit.

Karwendelbahn und Gemeinde streiten wie die Kesselflicker

Um das zu verstehen, was dann kommt, muss man einen kurzen Blick in die Archive werfen.  Hinter den Kulissen der Karwendelbahn tobt seit vielen Monaten ein erbitterter Kleinkrieg zwischen der Marktgemeinde Mittenwald und der Betreibergesellschaft der Bergbahn. Gekämpft wird mit harten Bandagen, Juristen sind involviert. Beide Lager blockieren sich gegenseitig, und die Debatte verläuft hoch emotional.

Das trägt die Karwendelbahn AG auch in ihrer Kapitalmarktkommunikation weiter – und zwar so subjektiv geprägt, wie man es sonst allenfalls in den Vereinsmitteilungen im örtlichen Wochenblatt zu sehen bekommt.

Vermieter gut, Bürgermeister doof?

Leider ist der Informationsgehalt der Statements für nicht Eingeweihte begrenzt, aber tragen wir ihn trotzdem mal vor. Die Karwendelbahn steht nach Bekunden der Verantwortlichen gut da. Umsatzzahlen gibt es zwar nicht, dafür erfährt man den Grund für die vielen Gäste: Neben dem „schönen Wetter“ waren dies „die Feierlichkeiten“ zum 50-jährigen Bestehen der malerischen Karwendelbahn. Und auch das lokale Netzwerk scheint geholfen zu haben: „Ein besonderer Dank gilt auch den Vermietern, die uns Ihre Gäste an die Karwendelbahn schicken“, heißt es weiter.

Der aufmerksame Leser hat es schon gemerkt: An dieser Stelle wechselt die Kapitalmarktmitteilung in die Form der Ich-Perspektive – ein deutlicher Hinweis, dass es mit der Objektivität nun vorbei sein dürfte. Die Vermutung bestätigt sich, denn es folgt der erste Seitenhieb auf den bei den Verantwortlichen offenkundig in Ungnade gefallenen Bürgermeister: „Einzig und allein“ dessen Anwesenheit habe die Feierlichkeiten gestört, klagen die Karwendelbahn-Verantwortlichen.

Keine Musik. Sehr schade.

Was dann folgt, sorgt beim Leser für blankes Entsetzen: Der Bürgermeister habe, so der Vorwurf, „anlässlich der 50-Jahr-Feier verhindert, dass es eine Musik zum feierlichen Berggottesdienst gab. Das fanden viele Zuschauer und Mitarbeiter sehr schade.“ Ebenso schade ist, dass spätestens jetzt die Sachebene dessen, was einmal als Kapitalmarktmitteilung gestartet war, aus dem Sichtfeld gerät.

Ein wenig besänftigende Musik hätte dem Autor der Mitteilung vielleicht geholfen, denn im Folgenden schreibt sich der Verfasser regelrecht in Rage: Man lasse sich nicht „von den schikanösen Klagen des Markts Mittenwald“ beeindrucken, an anderer Stelle ist von „Verleumdungskampagnen“ die Rede. Unter denen – noch ein kurzer Druck auf die Tränendrüse – müssten natürlich die Mitarbeiter leiden. Das Fazit lautet schließlich, man gehe bei der Karwendelbahn „unbeirrt“ den eingeschlagenen Weg weiter – wie auch immer dieser aussehen mag, denn das wird in der Corporate-News leider nicht weiter ausgeführt.

Was will uns der Verfasser sagen?

Was das Ziel dieser Mitteilung sein soll, ist unklar. Hätte man als Journalist eine Schlagzeile verfassen sollen, die mit „Skandal!“ beginnt? Und wenn ja, worüber eigentlich? Einfach auf langwierige Streitigkeiten anspielen, in der Annahme, der Leser wisse ja schon, worum es geht?

Das wäre heikel, zumal das Verhältnis des Unternehmens zur Presse schwierig zu sein scheint: Einem Bericht des „Münchner Merkur“ zufolge sollen Vertreter der Karwendelbahn einen Redakteur eines örtlichen Tagblatts in einer Pressemitteilung auf eine Stufe mit der nationalsozialistischen Presse gestellt haben, nachdem er kritisch über den Vorstand berichtet hatte. Die Passage in der Pressemitteilung sei schließlich nach Androhung eines Ordnungsgeldes wieder gestrichen worden.

Die Punchline der Karwendelbahn-Saga

Am Ende unserer ersten (und vermutlich auch letzten) Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex „Karwendelbahn gegen Lokalpolitiker“ müssen wir mutmaßen, dass es dem Bergbahnbetreiber in seinen Kapitalmarktmitteilungen nicht in erster Linie darum geht, Außenstehende zu informieren. Sie lesen sich vielmehr so, als habe man die eigene Position in guter alter „So, jetzt reden wir“-Manier noch einmal laut in die Welt hinaus posaunen wollen. Leider funktioniert Finanzkommunikation so nicht.

Der Leser außerhalb der Region, der die Vorgeschichte nicht miterlebt hat, bleibt nach der Lektüre auf die Erkenntnis beschränkt, dass bei schönem Wetter mehr Leute Karwendelbahn fahren und dass sie beim Berggottesdienst ganz gerne Musik gehört hätten. Zudem weiß man nun, dass die Karwendelbahn-Verantwortlichen den Bürgermeister nicht mögen. Das reicht aber leider nicht für eine harte Kapitalmarktstory, sondern nur für diese Glosse. Und Musik haben wir auch nicht. Sehr schade.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Aufgeblähte Formulierungen, Doppeldeutigkeiten, Verwirrendes: Im Blog „Subtext“ durchstöbert FINANCE-Redakteurin Sabine Reifenberger die Untiefen der Nachrichtenwelt und ergründet verborgene Botschaften, die vermutlich niemand je so tätigen wollte.