Risiko & IT
02.08.16

Fintech aus Potsdam

Seerene will IT in die Sprache der CFOs übersetzen

Von Jakob Eich

Die IT ist für Finanzchefs schwer zu durchschauen, ein Großteil der Investitionen verpufft dadurch. Eine Software, entwickelt von einem Potsdamer Fintech, soll dieses Problem nun angeblich lösen.

Seerene-CEO Oliver Muhr hat mit dem Potsdamer Fintech großes vor: „Wir werden hier etwas Riesiges bauen.“

Seerene

Seerene-CEO Oliver Muhr hat mit dem Potsdamer Fintech großes vor: „Wir werden hier etwas Riesiges bauen.“

Viele CFOs stehen vor einem Problem: Sie müssen Geld in die IT des Unternehmens stecken, wissen aber oft nicht genau, wo der größte Bedarf herrscht. CFOs fordern daher schon seit längerem bessere KPIs von ihren IT-Chefs. Denn die Folgen falsch allokierter IT-Budgets spüren sie am eigenen Leib: Big Data und Predictive Analytics sind in vielen Unternehmen nur eine Wunschvorstellung – der Grund ist die veraltete IT.  Vor allem Mittelständler müssen sich bei der Auswertung ihrer Datenbasis meist auf ihr Bauchgefühl verlassen.

Johannes Bonnet, Gründer des Potsdamer Fintechs Seerene, schätzte gegenüber dem Start-up-Portal Gruenderszene.de, dass 66 Prozent der Gelder, die in die IT fließen, wirkungslos verbrannt würden. Es herrscht also erhebliches Verbesserungspotential.

Seerene analysiert für CFOs die Lines of Code

Seerenes Benutzeroberfläche: So sieht die für CFOs aufbereitete IT-Landschaft aus. Hohe und rote Balken stehen für eine komplexe Struktur.

Seerene

Seerenes Benutzeroberfläche: So sieht die für CFOs aufbereitete IT-Landschaft aus. Hohe und rote Balken stehen für eine komplexe Struktur.

Seerene will dieses Problem jetzt gelöst haben. Die Software des Fintech analysiert daher die Codestruktur, die ein wesentliches Indiz dafür gibt, wie komplex die IT in den verschiedenen Bereichen ist und wie diese über die Jahre gewachsen ist. Zum Beispiel kann je nach Unternehmensgröße die Zahl der Lines of Code (LOC), einer wichtigen Kennzahl, in die Milliarden gehen.

„Die Frage für Unternehmen ist, wie sie trotz der hohen Komplexität Software schneller, agiler und effizienter bauen können, um aktiv die digitale Transformation voranzutreiben“, sagte Oliver Muhr, CEO bei Seerene, gegenüber FINANCE. Die Software biete CFOs eine anschauliche Benutzeroberfläche, die dem Management bei der Entscheidungsfindung helfen soll, wirbt das Fintech, das im Umfeld des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts entstanden ist.

Das Programm zeigt mit Türmen, in welchen Bereichen besonders viele LOC lauern. Hohe Türme sind rot oder orange markiert, sie stehen für eine komplexe Struktur. „Dort herrscht dann akuter Nachholbedarf, da Kapazitäten verbrannt werden. Der CFO und sein CIO sollten dort besonders genau hinsehen und mit Hilfe der Plattform Ziele setzen, um diese zu minimieren“, rät CEO Muhr. Der Manager ist in der Fintech-Szene kein Unbekannter: Muhr war insgesamt sechs Jahre lang COO des US-amerikanischen Treasury-Softwarehauses Sungard.

Auch wie ein Unternehmen in der IT im Vergleich zur Konkurrenz aufgestellt ist, soll Seerenes Software beantworten können: „Wir verfügen über einen riesigen weltweiten Datenpool. Wir vergleichen so derzeit über 700 Milliarden LOC“, sagt Muhr. Dadurch sei auch ein Benchmarking möglich. Ob für Unternehmen dadurch ein Sicherheitsrisiko entsteht? Immerhin könnten für Hacker lukrative Informationen enthalten sein. „Die Daten für unsere Benchmarks sind rein deskriptiv, keine Codezeile wird an unsere Plattform übertragen, sonst würde keiner unserer existierenden Kunden mit Seerene arbeiten“, beruhigt Muhr.

Deutsche Post und Qiagen erste Kunden von Seerene

Laut Aussage des Anbieters ist das Aufspielen der Software für Unternehmen mit wenig Aufwand verbunden. Es dauere weniger als einen Tag für die Standardvariante und binde einen Mitarbeiter, sagt Muhr. Zu den Kosten hält er sich bedeckt. FINANCE hat jedoch aus Branchenkreisen erfahren, dass die Software mindestens 200.000 Euro kostet.

Die Liste erster Kunden kann sich dennoch sehen lassen: Laut Website hat Seerene bereits mit Heidelberger Druckmaschinen, der Deutschen Post und dem Biotechkonzern Qiagen zusammengearbeitet.

Noch ist Seerene aber relativ klein, sowohl die Software als auch das Geschäft stecken noch in den Kinderschuhen. Laut CEO Muhr beschäftigt Seerene momentan weltweit 60 Mitarbeiter, darunter viele, die ihren Doktor-Titel am Hasso-Plattner-Institut erworben haben. „Wir haben einen sehr akademischen Hintergrund und haben uns viel Zeit gelassen, bis wir mit unserer Software an den Markt gegangen sind, um von Anfang an den Kunden einen maximalen Nutzen zu geben“, erzählt Muhr.

Umsatzzahlen gibt das Unternehmen nicht preis. Doch die Vision ist ehrgeizig: „Wir werden hier etwas Riesiges bauen und wir sehen das an der Reaktion, die wir vom Markt bekommen“, träumt der Seerene-Chef.

jakob.eich[at]finance-magazin.de