Strategie & Effizienz
11.08.17

Finanzinvestoren profitieren

In diesen Branchen gibt es die meisten Notverkäufe

Von Philipp Habdank

Laut Deloitte brummt der deutsche Distressed-M&A-Markt. Wo es die meisten Notverkäufe gibt, welche Rolle Chinesen dabei spielen und was Unternehmer gerade zum Verkauf zwingt.

Oft hilft für angeschlagene Unternehmen nur der Notverkauf um der Insolvenz zu entgehen. Diesen Druck spüren vor allem Stahl- und Metallunternehmen.

zhengzaishuru/iStock/Thinkstock/Getty Images

Oft hilft für angeschlagene Unternehmen nur der Notverkauf um der Insolvenz zu entgehen. Diesen Druck spüren vor allem Stahl- und Metallunternehmen.

Deutsche M&A-Berater freuen sich über prall gefüllte Auftragsbücher. Laut der WP-Gesellschaft Deloitte liegt das zum Großteil an dem regen Dealflow bei Unternehmen in Sondersituationen. Deloitte hat zu diesem speziellen M&A-Segment erstmalig rund 2.500 Restrukturierungsexperten befragt, darunter Insolvenzverwalter, CROs, Banker und Private-Equity-Manager.

Obwohl die Anzahl der Firmeninsolvenzen laut Deloitte in den vergangenen vier Jahren von 27.733 auf 21.789 Firmenpleiten zurückgegangen ist, erwartet Deloitte-Partner Oliver Räuscher künftig deutlich mehr Notverkäufe, im Finanzjargon auch Distressed-Deals genannt. „Das liegt vor allem an dem vielen Kapital, das Private-Equity-Investoren für Zukäufe zur Verfügung haben", meint Räuscher. Dies führe auch dazu, dass für Notverkäufe inzwischen relativ hohe Preise bezahlt würden. 

Stahl-, Energie-, und Luftfahrtunternehmen stehen unter Druck

Hierzulande haben sich drei Branchen herauskristallisiert, die in der Wahrnehmung der Restrukturierungsexperten besonders unter Druck stehen. 63 Prozent erwarten in den kommenden zwölf Monaten mehr Notverkäufe in der Stahl- und Metallindustrie. Das liege vor allem an den Überkapazitäten auf dem Weltmarkt, die durch das hohe Exportvolumen von chinesischem Billigstahl herrühren. Der deutsche Stahlriese Thyssen Krupp verhandelt beispielsweise mit Tata Steel über ein gemeinsames Joint Venture oder prüft eine Abspaltung des Stahlgeschäfts. 

Mit mehr Notverkäufen rechnen die Befragten auch in der Energiebranche (57 Prozent). Auch hier spielt China eine entscheidende Rolle, da billige chinesische Solarmodule und –zellen das Preisniveau drücken. Erst vor wenigen Tagen wurde der deutsche Solarpionier Solarworld aus der Insolvenz heraus verkauft – an den langjährigen Vorstandschef.

Auch die Aussichten in der Luft- und Raumfahrtbranche haben sich eingetrübt, da die etablierten Airlines immer stärkeren Druck durch Low-Cost-Airlines wie Ryanair spüren. Air Berlin musste einen Großteil der Flotte per Asset-Deal an die Lufthansa übergeben und sollte Anteile an dem Ferienflieger Niki abtreten. 38 Prozent der befragten Restrukturierungsexperten rechnen mit noch mehr Notverkäufen in der Branche. Im Vorjahr gab es laut Oliver Räuscher die meisten Distressed-Deals noch in der Automotive- und Konsumgüterbranche.

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Auch Family Offices interessieren sich für Distressed Assets

Durch die Notverkäufe von Air Berlin haben die direkten Konkurrenten profitiert. Die Deloitte-Umfrage macht bei Notverkäufen aber in erster Linie Finanzinvestoren als Gewinner aus. Eine überragende Mehrheit von 81 Prozent der Befragten sehen in den kommenden zwölf Monaten in Finanzinvestoren die dominierende Käufergruppe. „Vor allem angelsächsische Finanzinvestoren treten bei Distressed-Deals immer häufiger als Bieter auf", beobachtet Räuscher. 

Die Strategen belegen mit 57 Prozent den zweiten Platz. Überraschend: Immerhin 38 Prozent der Restrukturierungsexperten haben auch Family Offices für Distressed-Deals auf dem Schirm. Dies verwundert, da Family Offices eigentlich nicht für ihre Restrukturierungsexpertise bekannt sind und in der Regel große Risiken lieber meiden.

Das sind die häufigsten Gründe für Notverkäufe

Erfahrung im Umgang mit Restrukturierung ist bei diesen Investments aber entscheidend für den Erfolg. Das zeigen die Umfrageergebnisse zu der Frage nach den häufigsten Gründen für einen Notverkauf.

75 Prozent der Befragten nennen als Distressed-Grund den negativen operativen Cashflow des Unternehmens. Sprich, das Unternehmen benötigt zusätzliche Liquidität um das operative Geschäft zu finanzieren. Diese muss ein neuer Investor aufbringen. Um jedoch nachhaltig hohe Renditen erzielen zu können und nicht nur kurzfristige Löcher zu stopfen, muss der Investor das notverkaufte Unternehmen auch sanieren.

Mit Strategen und PEs gegen Überschuldung und Ineffizienz

Der zweithäufigste Grund für einen Notverkauf ist die Überschuldung. Diese Ansicht teilen 61 Prozent der Befragten. Über einen Verkauf an einen größeren Strategen kann die hohe Verschuldung eines Zielunternehmens zurückgefahren werden und durch eine günstigere Refinanzierung abgelöst werden.

Für 57 Prozent der Befragten erfolgen Notverkäufe, da die Rendite des Unternehmens nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Hier kommen häufig Private-Equity-Investoren wie Aurelius, Mutares oder Bavaria in Spiel, die das unprofitable Unternehmen mit eisernem Besen ausfegen und wieder auf Rendite trimmen.

Weitere News und Personalwechsel aus der Welt der Sanierer gibt es auf der FINANCE-Themenseite Restrukturierung.