Strategie & Effizienz
18.08.17

FINANCE M&A-Ticker

M&A-Deals: Air Berlin, Stada, Knorr-Bremse

Von Philipp Habdank und Camilla Flocke

Nach der Air-Berlin-Insolvenz wird eine Zerschlagung immer wahrscheinlicher, die Stada-Übernahme wird wieder zur Zitterpartie und Knorr-Bremse darf bei der Haldex-Übernahme weitermachen. Diese und andere M&A-Deals finden Sie in unserem FINANCE-Wochenrückblick.

M&A-Deals: Air Berlin, Stada, Knorr-Bremse

Air Berlin

Nach der Insolvenz bringen sich Kaufinteressenten für Air Berlin in Stellung.

Air Berlin droht nach Insolvenz die Zerschlagung

Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin musste diese Woche Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden, nachdem der Großaktionär Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt hatte. Zwar hat die Bundesregierung der Airline über die Staatsbank KfW einen Übergangskredit über 150 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, doch eine Zerschlagung von Air Berlin wird immer wahrscheinlicher.

Das Management verhandelt bereits über die Veräußerung von Geschäftsteilen und will noch im September juristisch belastbare Vereinbarungen getroffen haben. Zu den Interessenten gehören neben der Lufthansa auch Ryanair und Easyjet sowie Tuifly. Seit heute sollen konkrete Verhandlungsgespräche geführt werden. Besonderes Interesse gilt der Billigfluglinie Niki. Die Übernahmepläne der Lufthansa haben allerdings bereits die Kartellrechtler auf den Plan gerufen.

Stada-Übernahme ist geglückt

Die Hängepartie um die Übernahme des Arzneimittelherstellers Stada ist beendet. Wie die beiden Private-Equity-Investoren Bain Capital und Cinven mitteilten, sei die Mindestannahmeschwelle von 63 Prozent mit 63,85 Prozent denkbar knapp erreicht worden. Die Übernahme war eine Zitterpartie, da am Mittwoch Mittag am Tag der Angebotsdeadline erst 46,53 Prozent der Stada-Aktionäre ihre Aktien angedient hatten. Insgesamt bewerten die Private-Equity-Investoren die Stada-Übernahme nun mit rund 5,4 Milliarden Euro. 

Der erste Übernahmeversuch der PE-Investoren war Ende Juni gescheitert, da damals die Mindestannahmeschwelle nicht erreicht wurde. Danach hatten Bain Capital und Cinven ihr Angebot von 66 Euro je Aktie auf 66,25 Euro erhöht und die Mindestannahmeschwelle von 67,5 Prozent auf 63 Prozent gesenkt. Zuletzt hatte Stada-Chef Engelbert Tjeenk Willink versucht die Aktionäre zum Umdenken zu bewegen.

Knorr-Bremse darf bei Haldex-Übernahme weitermachen

Der Bremssystemhersteller Knorr-Bremse kauft sich bei dem Versuch den schwedischen Wettbewerber Haldex zu übernehmen Zeit. Nachdem sich das Haldex-Management zuvor gegen das Angebot der Münchener ausgesprochen hatte, stimmten auf der außerordentlichen Hauptversammlung laut Knorr-Bremse 95 Prozent der anwesenden Haldex-Aktionäre für den Antrag von Knorr-Bremse, die Angebotsfrist erneut zu verlängern.

Knorr-Bremses Konkurrent ZF Friedrichshafen blockierte den Antrag nicht, obwohl das Unternehmen über die Hälfte des anwesenden Stimmkapitals repräsentierte. Knorr-Bremse braucht mehr Zeit um die kartellrechtlichen Probleme aus dem Weg zu räumen. Die EU-Kommission hatte im Juni angekündigt, die Transaktion ein zweites mal, tiefer zu prüfen.

Neue Details zur Solarworld-Übernahme

Die Gläubigerversammlung hat den Plänen von Frank Asbeck für die Zukunft von Solarworld zugestimmt. Der Gründer und CEO des Photovoltaikkonzerns will gemeinsam mit Partnern aus Katar den insolventen Solarkonzern übernehmen. Zu dem Deal wurden nun weitere Details bekannt.

Nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kontrolliert Asbeck 51 Prozent von Solarworld. Die restlichen Solarworld-Anteile hält Qatar Solar Technologies, die im Gegenzug auf einen mit Pfandrechten abgesicherten Kredit über 50 Millionen Euro verzichten, heißt es weiter. Der Gesamtwert der Transaktion soll bei 96 Millionen Euro liegen. Qatar Solar Technologies wurde bei der Transaktion von der Milbank beraten. 

Flixbus und Leo Express retten Locomore

Nachdem das Fernzug-Start-up Locomore im Mai Insolvenz anmelden musste, kann das Unternehmen nun aufatmen. Der Fernbusanbieter Flixbus übernimmt den Vertrieb der Bahntickets für die Locomore-Strecken, während das tschechische Unternehmen Leo Express den Betrieb fortführt. Durch diese Kooperation kann der Zugbetrieb auf der Strecke Berlin-Stuttgart ab dem 24. August wiederaufgenommen werden.

Für Flixbus ist es nicht die erste Kooperation mit dem privaten Verkehrsunternehmen Leo Express, denn schon seit 2015 arbeiten die beiden Unternehmen in Tschechien zusammen. Darüber hinaus gründete der Fernbusanbieter im Rahmen der neuen Kooperation mit Locomore die Gesellschaft Flixtrain, in der sämtliche Kooperationen des Unternehmens mit dem Schienenverkehr gebündelt werden sollen.

PE-Investor Oaktree kauft Pflegeheimbetreiber

Die US-amerikanische Finanzinvestor Oaktree Capital hat die privaten Pflegeheimbetreiber Vitanas und Pflegen & Wohnen Hamburg übernommen. Der bisheriger Eigentümer von Vitanas war die Familie Burkart, die über Vitanas auch die Hälfte der Anteile von Pflegen & Wohnen Hamburg hielt. Die restlichen 50 Prozent gehörten der Andreas Franke Unternehmensgruppe. Zusammen beschäftigen die beiden Pflegeheimbetreiber rund 6200 Mitarbeiter und erwirtschafteten nach Nachgaben von Oaktree im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von rund 350 Millionen Euro. Laut Medienberichten liegt der Kaufpreis bei rund 500 Millionen Euro.

Die Verkäufer wurden von Acxit Capital, der Equinet Bank, Allen & Overy (Federführung: Hans Schoneweg), Schrade & Partner (Federführung: Hans-Joachim König) und der Wirtschaftskanzlei FPS Fritze Wicke Seelig (Federführung: Georg Freiherr von und zu Franckenstein) beraten. Hengeler Mueller (Federführung: Annika Clauss und Peter Weyland) stand Oaktree beratend zur Seite.

M&A-Personalien

Der M&A-Anwalt Michael Sinnhart wechselt als Partner von Hogan Lovells zur Kanzlei Taylor Wessing, wo er die Corporate-Finance-Gruppe von Robert Wethmar ergänzen wird. Sinnhart soll von Frankfurt aus arbeiten und sich auf M&A-Deals aus den Infrastruktur- und Gesundheitsbranche konzentrieren. Bei Hogan Lovells war Sinnhart seit 2006 an Bord und seit 2009 Partner.

Sebastian Lieb ist neuer Director Investments bei Holtzbrinck Digital, der Internet-Beteiligungsholding der Holtzbrinck Publishing Group. In dieser Position soll er die globalen Portfolioaktivitäten des Unternehmens insbesondere im Bereich Digital Science begleiten. Zuvor hatte Lieb bei dem Private-Equity-Investor Harbourvest Partners und der M&A-Beratung Arma Partners gearbeitet.

Die Managementberatung Bain & Company holt im Bereich Telekommunikation- und Technologie mit Alexander Dahlke einen neuen Partner an Bord. Der 47-Jährige war zuletzt Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, wo er seinen Schwerpunkt im Bereich Telekommunikation und Medien hatte. Für Bain & Company soll Dahlke von Frankfurter aus die Kunden bei marktseitigen Strategien, Transformationsprogrammen sowie M&A- und Partnerschaftsstrategien beraten.

Katja Weberpals ist neue Partnerin in der Berliner Kanzlei Hyazinth, wie verschiedenen Medienberichten zu entnehmen ist. Weberpals habe sich auf die Bereiche Private Equity, M&A- und Venture-Capital spezialisiert. Die 40-Jährige komme von der Kanzlei Roever Broenner Susat Mazars. Dort sei sie Salary-Partnerin und Leiterin des Venture-Capital-Teams der Rechtsberatung gewesen, heißt es weiter.

Werner Mielke schließt sich der Kanzlei Hermes & Giebeler an. Mielke kommt von der Kanzlei Salger und berät bei M&A-Transaktionen und kartellrechtlichen Problemen. Zuvor arbeitete der M&A-Anwalt bei Oppenhoff & Partner, Allen & Overy sowie Morgan Lewis & Bockius.

Weitere M&A-Deals

Die beiden Carsharing-Dienstleister Drive Now und Car2Go könnten bald zusammengelegt werden. Wie die „Welt" berichtet, verhandeln die bisherigen Eigentümer BMW, Daimler und Sixt seit Monaten über einen Zusammenschluss. Bisher soll sich vor allem der Autovermieter Sixt gegen den Deal gewehrt haben. 

Der deutsche Chemieriese BASF hat über seine Venture-Gesellschaft den niederländischen 3D-Druck-Zulieferer Innofil3D erworben. Der Kaufpreis ist nicht bekannt. BASF möchte mit dem Zukauf die Wertschöpfungskette im 3D-Druck ausbauen, so das Unternehmen in einer Pressemitteilung. 

Die niederländische RNF Group hat den Modeanbieter Mexx von der türkischen Holdinggesellschaft Eroglu Group übernommen. Der Modeanbieter soll als „Mexx International BV“ innerhalb der RNF Group geführt werden. Die von Ali Tasbasi gegründete Beratungsfirma Roots Advisory hat die Eroglu Group bei der Transaktion beraten.

Im Zuge der Übernahme des deutschen Autobauers Opel durch den französischen Autokonzern PSA Peugeot Citroën hat PSA auch die österreichische Tochtergesellschaft und deren Wiener Produktionsstätte erworben. Die Wiener Produktionsstätte verbucht einen jährlichen Umsatz von 300 Millionen Euro und beschäftigt rund 1.600 Mitarbeiter. Schoenherr (Federführung: Christian Herbst) und Bredin Prat standen PSA bei der Transaktion beratend zur Seite.

Die Open-Banking-Plattform Deposit Solutions hat das Berliner Zinsportal Savedo erworben. Mit der Akquisition will Deposit Solutions seine Aktivitäten im B2C-Geschäft sowie die Internationalisierung des Geschäftsbereichs ausbauen. Der Kaufpreis ist nicht bekannt.

Der Private-Equity-Investor Capiton hat das Personaldienstleistungsunternehmen Gess an die Ingolstädter JR Holding verkauft. Die JR Holding ist ein Portfoliounternehmen der Beteiligungsgesellschaft Auctus und fungiert als Dachmarke ihrer Tochterunternehmen aus der Personaldienstleistungsbranche. Capiton hatte die Gess-Gruppe 2010 übernommen. Im vergangenen Geschäftsjahr erzielte das Unternehmen mit rund 1.850 Mitarbeitern einen Umsatz von 72 Millionen Euro. Die Verkäufer wurden bei der Transaktion von Lincoln International, CMS Hasche Sigle und EY beraten.

Der britische Online-Händler The Hut Group (THG) übernimmt den Kosmetik-Vermarkter Glossybox von Rocket Internet, Holtzbrinck Ventures und dem dänischen Investor Kinnevik. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters hielt Rocket Internet zuletzt knapp 60 Prozent an dem in Berlin gegründeten Unternehmen. THG vertreibt Schönheitsprodukte über ein Abo-Modell. Mit der Übernahme beabsichtigt THG seine internationale Reichweite auszubauen. THG wurde bei der Transaktion von DLA Piper (Federführung: Nils Krause) beraten.

Der IT-Dienstleister Datagroup hat IKB Data, einen Spezialisten für IT-Outsourcing und Datensicherheit, übernommen. Dadurch baut das baden-württembergische Unternehmen sein Kerngeschäft mit Cloud Services und IT-Betriebsdienstleistungen insbesondere im Finanzsektor aus. IKB Data soll ein internes Kompetenzzentrum werden, das die Aktivitäten des IT-Dienstleisters im Banken- und Finanzsektor bündelt und weiterentwickelt. Im vergangenen Geschäftsjahr 2016/2017 erwirtschaftete IKB Data mit 73 Beschäftigten einen Umsatz von rund 27 Millionen Euro. Die IKB wurde bei dem Verkauf von der Corporate-Finance-Beratung Acxit Capital und von der Kanzlei Taylor Wessing (Federführend: Ernst-Albrecht von Beauvais) beraten.

Der schweizerisch-französische Zementkonzern Lafarge Holcim trennt sich laut eines Medienberichts von seiner Minderheitsbeteiligung an einem Zementwerk in Nordkorea. Über den Kaufpreis für die 36-Prozent-Beteiligung ist nichts bekannt.

Die Beteiligungsgesellschaft Invision hat sich an der Dr.-Deppe-Gruppe, einem Anbieter von klinischen Desinfektionspräparaten, Reinigungsprodukten und Feuchttüchern, beteiligt. Im Zuge der Beteiligung soll unter anderem die Produktion der Dr.-Deppe-Gruppe in Kempen ausgebaut werden. Das Unternehmen wurde 1980 gegründet und beschäftigt rund 90 Mitarbeiter.

Die Boyens Medienholding hat den Mailing-Spezialisten Normpack aus der Insolvenz heraus gekauft. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Der Insolvenzverwalter war Moritz Sponagel von der Kanzlei Sponagel Rechtsanwälte.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Die wichtigsten Transaktionen der vergangenen Wochen finden Sie im Überblick auf unserer Themenseite M&A-Deals.