Strategie & Effizienz
20.10.16

Trotzdem Kapitalerhöhung nötig

SGL Carbon verkauft Sorgenkind an Japaner

Von Desirée Backhaus

Befreiungsschlag oder nicht? SGL Carbon verkauft das kriselnde Graphitelektrodengeschäft an den japanischen Chemiekonzern Showa Denko. Der Verkaufserlös reicht CFO Michael Majerus aber nicht, um ohne neue Kapitalerhöhung auszukommen.

SGL Carbon

Auf Schrumpfkurs: SGL Carbon verkauft sein Graphitelektrodengeschäft nach Japan.

SGL Carbon kappt seine Wurzeln: Das SDax-Unternehmen verkauft sein ehemaliges Kerngeschäft mit Graphitelektroden an den japanischen Chemiekonzern Showa Denko. Mindestens 200 Millionen Euro sollen in die Kasse der hochverschuldeten Wiesbadener fließen, wie das Unternehmen heute morgen mitteilte. Die endgültige Höhe des Verkaufserlöses hänge von der Bilanz zum Zeitpunkt des Closing ab, das im ersten Halbjahr 2017 erfolgen soll. Inklusive Schulden liegt der Transaktionswert im Bereich von 350 Millionen Euro.

Damit liegt der Kaufpreis im Rahmen der Erwartungen von SGL: Der Mittelzufluss entspreche dem Buchwert zum 30. September, teilte das Unternehmen mit. Der Umsatz des Graphitelektrodengeschäfts betrug im abgelaufenen Geschäftsjahr rund 400 Millionen Euro, Kennzahlen zum operativen Ergebnis weist das Unternehmen nicht gesondert aus.

Kurzfristig drückt der Deal allerdings auf das Ergebnis der Wiesbadener: Der Verkauf wird im laufenden Geschäftsjahr zu einer Wertberichtigung von 40 bis 50 Millionen Euro führen. Das sei auf Transaktionskosten und die Fortführung des Geschäfts bis zum Closing zurückzuführen. Eine Gewinnprognose für 2016 traut sich das Unternehmen nicht mehr zu. Zudem hat es den Halbjahresbericht zurückgezogen. Als Grund führt das Unternehmen den Verkaufsprozess und andere Übergangsmaßnahmen heran.

SGL Carbon gelingt der Verkauf nach dem Carve-Out

Im Lichte der neuerlichen Abschreibungen und der großen Intransparenz über die aktuelle Geschäftsentwicklung kann der M&A-Deal aber nicht als großer Befreiungsschlag gewertet werden. Das sehen auch die Investoren so, die die SGL-Aktie um 4 Prozent in die Tiefe rutschen lassen.

Strategisch ist der Ausstieg aus dem alten Kerngeschäft aber eine Erleichterung, war die ehemalige Cashcow des Unternehmens zuletzt angesichts fallender Stahlpreise doch immer mehr zum Ballast geworden. Umsätze und Margen des Bereichs sind seit Jahren rückläufig. Vor 15 Monaten hatte SGL deshalb beschlossen, die Sparte „Performance Products“, der das Graphitelektrodengeschäft angehört, im Rahmen eines Carve-Outs rechtlich zu verselbständigen. Spätestens seit dem Frühjahr war klar, dass es auf einen Verkauf – und nicht auf einen IPO – hinauslaufen würde.

CEO Jürgen Köhler bezeichnet den M&A-Deal als „ wichtigen Meilenstein unserer strategischen Neuausrichtung. Künftig werden wir uns voll auf unsere Wachstumsbereiche konzentrieren.”

SGL hat nächsten M&A-Deal schon im Visier

Ganz so schnell kann der Blick allerdings noch nicht nach vorne gehen: SGL muss nun noch einen Käufer für die Geschäfte mit Kathoden, Hochofenauskleidungen und Kohlenstoffelektroden finden. Dieses Geschäftsfeld ist ebenfalls Teil des inzwischen eigenständigen Teilkonzerns Performance Products und steht – Stand 2015 – etwa für 133 Millionen Euro Umsatz.

Bereits im Februar hatte SGL-CFO Michael Majerus gegenüber FINANCE angekündigt, dieser lukrativere Geschäftszweig werde in einer eigenständigen Gesellschaft innerhalb von PP gebündelt. So wollte man sich die Möglichkeit offenhalten, beide Bereiche separat zu veräußern und den Verkaufserlös zu maximieren. Das tritt nun auch ein: Der Verkaufsprozess für den verbleibenden Bereich werde Anfang 2017 fortgesetzt, teilte SGL heute mit. In Summe wollen die Wiesbadener so sogar mehr als den Buchwert von PP einnehmen – angesichts des extrem schwierigen Marktumfeldes und des Zugzwangs unter dem SGL steht, wäre das ein Erfolg für das Managementteam um Köhler und Majerus.

Kapitalerhöhung soll schwache Bilanz stützen

Den Verkaufserlös will CFO Majerus vor allem für die Entschuldung nutzen. SGL ächzt – Stand Ende 2015 – unter einer Nettoverschuldung von 534 Millionen Euro. Moody’s und S&P bewerten das SDax-Unternehmen nach zahlreichen Downgrades mit Caa1 und CCC+ jeweils tief im roten Bereich. S&P rechnet in seinem aktuellen Ratingreport vom Juli für 2016 mit einem Verhältnis von Verschuldung zu Ebitda von 15x . Neben der schwachen Bilanzstruktur führen die Ratingagenturen vor allem den negativen Cashflow als Manko an.

Auf diese Schieflage muss nun auch Finanzchef Majerus ein weiteres Mal reagieren. Um das Unternehmen auf stabilere Füße zu stellen, kündigte SGL heute auch an, eine „zeitnahe Bezugsrechtskapitalerhöhung“ zu prüfen. Die Wiesbadener verfügen mit der BMW-Erbin Susanne Klatten (27,5 Prozent), BMW (18,5 Prozent) und VW (9,9 Prozent) über prominente Großaktionäre. Sie hatten dem Unternehmen – trotz erheblicher Schwierigkeiten – stets die Stange gehalten.

Das genehmigte Kapital lasse derzeit die Platzierung von 30 Millionen neuen Aktien zu, wie eine Unternehmenssprecherin gegenüber FINANCE erklärte. Auf Basis des heutigen Aktienkurses von rund 11 Euro entspräche dies einem Volumen von rund 330 Millionen Euro. Majerus hatte SGL schon im Oktober 2014 über eine Kapitalerhöhung frisches Eigenkapital in Höhe von 267 Millionen Euro verschafft.

CFO Michael Majerus muss SGL entschulden

Die Entschuldung ist für SGL vor allem deshalb wichtig, weil das Unternehmen mit dem Carve-Out erheblich schrumpft: Der Umsatz der beiden fortgeführten Geschäftsbereiche Karbonfaser (Geschäftsbereich CFM) und Graphit-Spezialanwendungen (GMS) belief sich 2015 auf 790 Millionen Euro. Die Finanzschulden – allen voran eine Unternehmensanleihe über 250 Millionen Euro sowie zwei Wandelanleihen – bleiben im Rahmen des Carve-Outs jedoch komplett bei SGL.

Der abgespaltenen PP wurden lediglich Pensions- und Restrukturierungsrückstellungen zugeschlagen. Diese haben es allerdings in sich: Für das Graphitelektrodengeschäft liegen sie bei insgesamt 150 Millionen Euro.

Mit dem Deal gehen rund 900 Mitarbeiter und sechs Produktionsstätten in Deutschland, Österreich, Spanien, USA und Malaysia von der SGL Group auf den neuen Eigentümer Showa Denko über. Das japanische Chemieunternehmen erzielte im abgelaufene Geschäftsjahr 2015 einen Umsatz von umgerechnet 6,8 Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis von 0,3 Milliarden Euro. Beraten wurde SGL bei der Transaktion von Hengeler Müller.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

CFO Michael Majerus geht mit SGL Carbon durch eine harte Restrukturierung. Mehr über den Karriereweg von Majerus lesen Sie auf seinem Profil bei FINANCE-Köpfe.