Strategie & Effizienz
27.10.16

Big Four greifen Bain, McKinsey und BCG an

Bain-Chef Sinn: „Wirtschaftsprüfer spielen nicht in der selben Liga“

Von Julia Schmitt

Die Big Four sind plötzlich zu einer ernsten Konkurrenz für die Unternehmensberater geworden. Wie sie das geschafft haben – und warum Bain-Chef Walter Sinn dem Angriff gelassen entgegen sieht.

Walter Sinn, Deutschlandchef der Strategieberatung Bain, glaubt nicht, dass die Big Four es mit ihren Beratungsdienstleistungen bis in die Vorstandsebenen schaffen werden.

Bain & Company

Walter Sinn, Deutschlandchef der Strategieberatung Bain, glaubt nicht, dass die Big Four es mit ihren Beratungsdienstleistungen bis in die Vorstandsebenen schaffen werden.

Die jüngsten Zahlen der größten Wirtschaftsprüfer haben viele Unternehmensberater erschreckt. Deutschlands größte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC etwa ist im vergangenen Geschäftsjahr um mehr als 40 Prozent gewachsen – und zwar nicht in der Wirtschaftsprüfung, sondern in der Unternehmensberatung.

Noch stärker war das Wachstum der WP-Gesellschaft Deloitte: Sie ist in der Corporate-Finance-Beratung um mehr als 50 Prozent, in der klassischen Managementberatung um 37 Prozent gewachsen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte verdient Deloitte mit der Beratung mehr als mit der Wirtschaftsprüfung. 

Die Wirtschaftsprüfer drängen schon seit einigen Jahren in die Unternehmensberatung, denn im Gegensatz zu der Wirtschaftsprüfung, wo der Markt kaum wächst, hat die Beratung noch viel Potential. Das liegt vor allem an dem Digitalisierungsdruck, der inzwischen fast alle Unternehmen in irgendeiner Form erfasst hat und einen hohen Beratungsbedarf nach sich zieht. Bisher wurden die Wirtschaftsprüfer mit ihren Initiativen eher belächelt – jetzt sind sie zur ernsten Konkurrenz für große Strategieberatungen, spezialisierte Beratungshäuser sowie Investmentbanken geworden.

Big Four beraten Ebenen unter dem Vorstand

Walter Sinn, der Chef der drittgrößten Strategieberatung Deutschlands Bain & Company, sieht dem Angriff jedoch gelassen entgegen: „Das Wachstum der Wirtschaftsprüfer im Beratungssegment macht uns keine Angst“, sagt er. Die Wachstumszahlen beeindrucken ihn zwar, im Tagesgeschäft merkt er aber nichts davon: Es kommt so gut wie nie vor, dass Bain um ein Mandat mit einer WP-Gesellschaft konkurriert, sagt er.

Tatsächlich bewegen sich die großen Berater wie Bain, BCG oder McKinsey einerseits und die Wirtschaftsprüfer PwC, Deloitte, KPMG und Ernst & Young andererseits in unterschiedlichen Beratungssegmenten und haben bislang nur wenige Berührungspunkte.

Während die Berater mit ihren Leistungen direkt beim Management angesiedelt sind und damit eher die großen Strategieprojekte verantworten, sind die Prüfer häufiger in den Ebenen darunter zu finden und beraten überwiegend bei Spezialthemen wie M&A, Regulierung oder Steuern. „Wirtschaftsprüfer haben historisch bedingt viel Spezialwissen, aber keine tiefgehenden Erfahrungen mit strategischen Fragestellungen“, sagt Bain-Chef Sinn. Er glaubt daher nicht, dass es den Wirtschaftsprüfern gelingen wird, sich auf Vorstandsebene zu etablieren. „Sie spielen nicht in der selben Liga.“

Bain-Chef Walter Sinn: „Top-Qualität hat ihren Preis“

Genau in diesem Spezialwissen sehen die Wirtschaftsprüfer allerdings ihren großen Wettbewerbsvorteil. „Wir haben ein tiefgreifendes und über mehr als hundert Jahre aufgebautes Wissen um die Strukturen, Prozesse und Werttreiber in Unternehmen“, sagte PwC-Chef Winkeljohann jüngst bei Vorstellung der Geschäftszahlen. Angefangen bei Spezialdienstleistungen wie Prozess- und Steuerberatung über IT-Beratung bis hin zur Strategieberatung könne PwC dem Kunden alles aus einer Hand bieten. Dabei sind die Preise bei den WP-Gesellschaften niedriger als bei den großen Beratern.

Den Unternehmen gehe es nicht darum, alle Leistungen aus einer Hand zu erhalten, sondern den besten Berater zu bekommen, glaubt hingegen Bain-Chef Walter Sinn. Und er ist überzeugt, dass sie bereit sind, für die Dienstleistungen Geld zu bezahlen: „Top-Qualität und ein internationales Netzwerk haben ihren Preis“.

PwC: Zukauf von Strategy& war problematisch

Um sich eine solche Beratungsqualität gebündelt ins Haus zu holen, hat PwC vor zwei Jahren Strategy& (ehemals Booz & Company) gekauft, einen klassischen Strategieberater mit über 3.000 Mitarbeitern und über 1 Milliarde Dollar Umsatz weltweit. Viele Marktbeobachter zeigten sich skeptisch darüber, ob die Integration einer Beratung in eine Wirtschaftsprüfung, die eine ganz andere Arbeitskultur hat, gelingt.

Tatsächlich war die Fluktuation zunächst enorm, viele Berater oder sogar ganze Teams haben gekündigt. Inzwischen ist Ruhe eingekehrt – und das Umsatzwachstum zeigt, dass die Strategie offenbar aufgeht. Auch die anderen WP-Gesellschaften kaufen sich Beratungskompetenz, allerdings in Form kleinerer Beratungshäuser. Die Wirtschaftsprüfer lösen sich also zunehmend aus der Nischenrolle.

Big Four werden nicht von allen als Berater wahrgenommen

Die zentrale Frage ist aber, ob sie auch von ihren Kunden so wahrgenommen werden. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Bonner Professors Dietmar Fink haben die WP-Gesellschaften noch einigen Aufholbedarf. In der Studie geht es darum, wer den meisten Einfluss auf seine Mandanten hatte. Mithilfe einer Befragung von über 1.000 Führungskräften hat er ein Ranking erstellt.

Das Ergebnis: Den höchsten Einfluss hat McKinsey, dicht gefolgt von BCG und Bain. Auf Platz 6 findet sich allerdings schon Strategy&. Die Big Four folgen erst ab Platz 8. Geht es um die Kompetenz in der Strategieberatung, sind die großen Berater ebenfalls auf den Plätzen 1 bis 3, gefolgt vom auf Automotive spezialisierten Berater Berylls und von Roland Berger. Geht es hingegen um Transformationsvorhaben, ist zwar immer noch McKinsey auf Platz 1, auf Platz 2 und 3 finden sich aber schon KPMG und PwC. In der Wahrnehmung der Kunden sind die Prüfer also tatsächlich noch nicht auf dem gleichen Level wie die Berater, holen aber stark auf.

Hat PwC Bain bereits überholt?

Ob sich das schon in den Umsätzen der Beratungshäuser bemerkbar macht, ist, zumindest auf Deutschland bezogen, schwer zu sagen. Weder McKinsey, noch BCG oder Bain veröffentlichen Zahlen für ihr hiesiges Geschäft. Das Marktforschungsinstitut Lünendonk hatte im Jahr 2013 das letzte Mal Zahlen für Deutschland publiziert, diese waren allerdings nur geschätzt.

Demnach lag der Umsatz von McKinsey bei über 600 Millionen Euro, bei BCG bei knapp 500 Millionen Euro und bei Bain bei rund 260 Millionen Euro. Inzwischen dürften die Werte höher sein, laut Walter Sinn sei Bain im deutschsprachigen Raum alleine im vergangenen Geschäftsjahr und auch in diesem deutlich zweistellig gewachsen und habe Marktanteile gewonnen.

Trotzdem ist es gut möglich, dass Bain bereits von PwC überholt wurde, deren Umsatz in den Feldern Management-Beratung und Corporate-Finance-Beratung bei 662 Millionen Euro liegt. Deloitte kommt in beiden Feldern auf 471 Millionen Euro – auch das dürfte an dem kleinsten der Top-Berater gefährlich nah dran sein.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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