Strategie & Effizienz
21.03.17

Verkauf über Buchwert avisiert

SGL Carbon: M&A-Prozess für Kathodengeschäft schreitet voran

Von Desirée Backhaus

Zum vierten Mal in Folge schreibt SGL Carbon Verluste. Am Kapitalmarkt kommen die Zahlen des SDax-Unternehmen trotzdem gut an. Das hat vor allem mit dem sich konkretisierenden Verkauf des Ex-Kerngeschäfts zu tun.

Entspannungssignale von SGL Carbon: M&A-Prozess läuft, Schulden gehen zurück.

SGL Carbon

Entspannungssignale von SGL Carbon: M&A-Prozess läuft, Schulden gehen zurück.

Das defizitäre Graphitelektrodengeschäft ist verkauft, die Kapitalerhöhung gestemmt – jetzt setzt SGL Carbon zum dritten Befreiungsschlag an: Die Wiesbadener suchen gerade einen Käufer für ihr Geschäft mit Kathoden, Hochofenauskleidungen und Kohlenstoffelektroden. Das Closing des Deals soll noch in diesem Jahr über die Bühne gehen, erklärte SGL-Chef Jürgen Köhler im Rahmen der Bilanzpressekonferenz am heutigen Dienstag: „Wir haben vor einigen Wochen Teaser an über 80 potentielle Käufer verschickt.“

Das Interesse ist offenbar groß: Die Rücklaufquote auf die Teaser habe etwa 50 Prozent betragen – sowohl Strategen als auch Finanzinvestoren seien interessiert, so Köhler. Ende dieser Woche werde man nun in die tiefergehenden Gespräche einsteigen. Der Verkaufsprozess wird begleitet von der Deutschen Bank und HSBC.

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Kathodengeschäft könnte SGL 200 Millionen Euro einbringen

Der Verkauf des Kathodengeschäfts ist für den hochverschuldeten SDax-Konzern der letzte wichtige Meilenstein in der strategischen Neuaufstellung, die SGL Carbon vor knapp zwei Jahren angestoßen hatte: Damals kündigten die Wiesbadener an, das ehemalige Kerngeschäft „Performance Products“ (PP) auszugliedern. Im vergangenen Oktober verkaufte SGL den größten Teil des Geschäfts – die defizitäre Graphitelektrodensparte – an den japanischen Chemiekonzern Showa Denko. Mindestens 200 Millionen Euro wird der Deal, dessen Closing für Mitte dieses Jahres erwartet wird, in die Kasse von CFO Michael Majerus spülen.

Das nun zum Verkauf stehende Kathodengeschäft ist die zweite Sparte von PP. Diese ist kleiner, aber profitabler und erwirtschaftete im abgelaufenen Geschäftsjahr 2016 einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 30 Millionen Euro. Laut CFO Michael Majerus steht die Sparte aber lediglich mit einem Wert von 100 Millionen Euro in den Büchern von SGL.

Entsprechend viel erwarten sich die krisengeplagten Wiesbadener von dem Deal: „Wir rechnen mit einem deutlichen Buchgewinn“, so der Finanzchef. Auf eine Zahl wollte sich Majerus zwar nicht festlegen. Analysteneinschätzungen, die von einer Bewertung von 200 Millionen Euro ausgehen, wies Majerus allerdings nicht zurück. Selbst dieser Kaufpreis entspräche weniger als dem Siebenfachen abgelaufenen Ebitda – im aktuellen M&A-Markt nicht gerade viel. 

Schuldenlast drückt kräftig auf das SGL-Ergebnis

Kommt mit der M&A-Agenda und dem Schuldenabbau voran: SGL-Carbon-CFO Michael Majerus.

SGL Carbon

Kommt mit der M&A-Agenda und dem Schuldenabbau voran: SGL-Carbon-CFO Michael Majerus.

Wie wichtig der Verkauf von PP für die frühere Hoechst-Tochter ist, deren Bonität von Moody’s und S&P mit Caa1und CCC+ jeweils tief im spekulativen Bereich gesehen wird, zeigt ein Blick auf die Zahlen für 2016, die das Unternehmen heute vorgelegt hat: Der Umsatz aus fortgeführten Aktivitäten ging leicht um 2,5 Prozent auf 770 Millionen Euro zurück. Zwar legte das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) auf 23,7 Millionen Euro deutlich zu (nach 6,9 Millionen in 2015). Unter dem Strich stand aber erneut ein Verlust von 112 Millionen Euro.

Dieses negative Konzernergebnis kommt vor allem durch zwei Komponenten zustande: Zum einen schlug das Graphitelektrodengeschäft mit einem Verlust von 34 Millionen Euro zu Buche. Zum anderen ist das Finanzergebnis mit minus 51 Millionen Euro deutlich negativ.

Der Schuldenabbau der Wiesbadener hat für CFO Majerus deshalb höchste Priorität. Der SDax-Konzern will seine Nettofinanzverschuldung von derzeit 450 Millionen Euro deutlich herunterfahren. Als Ziel hat der Finanzchef ein Gearing (Nettofinanzverschuldung im Verhältnis zum Eigenkapital) von 0,5 ausgegeben. 2016 lag diese Kennzahl bei 1,35 – nach 1,85 im Geschäftsjahr 2015. Grund für die Verbesserung war eine Kapitalerhöhung über 180 Millionen Euro im Dezember.

CFO Majerus verkleinert Bankenkreis mit neuem syndizierten Kredit

Den Fahrplan für die Entschuldung hat Majerus heute ebenfalls skizziert: Der Erlös aus dem Verkauf des Graphitelektrodengeschäfts nach Japan soll in die Tilgung der 250-Millionen-Euro schweren Unternehmensanleihe fließen. Dieser mit 4,875 Prozent verzinste Bond wird zwar erst 2021 fällig, allerdings besitzt SGL Carbon eine Call-Option. Dennoch wird für die vorzeitigen Rückzahlung eine Vorfälligkeitsentschädigung über 6 Millionen Euro anfallen.

Auch eine 240 Millionen Euro schwere Wandelanleihe, die mit 2,75 Prozent und im Januar 2018 fällig wird, will Majerus vollständig tilgen. Dafür soll der Erlös aus dem laufenden Verkauf des Kathodengeschäfts herangezogen werden. Sollte sich das Closing des Deals verzögern, hat Majerus mit einem neuen syndizierten Kredit vorgesorgt, um in einem dreiviertel Jahr die Wandelanleihe in jedem Fall tilgen zu können.

Parallel zur Kapitalerhöhung im vergangenen Dezember hat der Finanzchef mit den Hausbanken den alten syndizierten Kredit von 2013 durch eine neues, kleineres Darlehen ersetzt: Statt 200 Millionen Euro hat die geschrumpfte SGL jetzt nur noch eine Backup-Fazilität von 150 Millionen Euro – wobei 100 Millionen erst mit dem Closing des Graphitelektrodengeschäfts freigeschaltet werden.

Im Rahmen dieser Neuordnung fielen die BayernLB und die KfW aus dem Kernbankenkreis des SDax-Unternehmens heraus, wie Majerus erklärte. Mit diesem Bündel an Maßnahmen könnte der Finanzchef schon im laufenden Geschäftsjahr, spätestens aber 2018 seine Ziele bei den Schuldenkennzahlen erreichen.

SGL Carbon wird wohl erst 2018 schwarze Zahlen erzielen

Ohne den finanziellen Bremsklotz will das krisengeplagte Unternehmen dann endlich auch operativ durchstarten. Für das laufende Geschäftsjahr 2017 bereitet das SGL-Management die Aktionäre aber noch einmal auf ein schwieriges Jahr vor. Der Umsatz soll zwar im mittleren einstelligen Millionenbereich zulegen und das Ebit überproportional wachsen, unter dem Strich dürfte aber erneut ein Fehlbetrag stehen. Erst für 2018 rechnet SGL mit einem positiven Ergebnis, auch weil dann weitere Kostensenkungen voll durchschlagen sollen.

An der Börse kam dieser Ausblick dennoch gut an: Der Aktienkurs des SDax-Unternehmens, an dem BMW-Erbin Susanne Klatten, BMW und VW jeweils mit großen Aktienpaketen beteiligt sind, kletterte heute deutlich um fast 5 Prozent auf knapp 9 Euro. Damit erreicht die Aktie aber gerade einmal jenes Niveau, das sie vor genau einem Jahr verzeichnet hatte.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

CFO Majerus saniert SGL Carbon. Was er vorher schon erreicht hat, lesen Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Michael Majerus.

Mehr Infos zu den laufenden M&A-Prozessen und zur Sanierung der früheren Hoechst-Tochter gibt es auf der FINANCE-Themenseite zu SGL Carbon.