Wegen der Rezession könnten auf die Banken massive Kreditausfälle zukommen.

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28.07.20
Banking & Berater

Corona trifft Firmenkundengeschäft stärker als Finanzkrise

Wegen der Coronakrise müssen die Banken mit massiven Kreditausfällen im Firmenkundengeschäft rechnen. Die Kreditrisikovorsorge könnte das Niveau der Finanzkrise toppen, warnt die Unternehmensberatung Bain.

Der Druck auf das ohnehin rückläufige Firmenkundengeschäft von Deutschlands Banken erhöht sich: Wegen des Coronavirus dürften die Kreditausfälle massiv steigen. Die Unternehmensberatung Bain geht deshalb davon aus, dass die Risikovorsorge im Corporate Banking in diesem Jahr um bis zu 150 Prozent gegenüber dem Jahresende 2019 steigen könnte.

Das wäre ein neues Rekordniveau. Während der Finanzkrise 2008/2009 erreichte der Index, anhand dessen Bain die Risikovorsorge misst, in der Spitze 1.400. Corona könnte diesen Wert auf 1.750 hochtreiben. Den Referenzwert von 100 bildet das erste Halbjahr 2007, als ein historischer Tiefstand bei der Kreditvorsorge erreicht wurde.

Die Berechnung basiert auf einem negativen Wirtschaftsszenario mit einer tiefen Rezession in Kombination mit einer zweiten Covid-19 Welle. Im Falle eines milderen Szenarios geht Bain aber immer noch von einer Steigerung der Risikovorsorge um 50 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2019 aus.

Kreditvolumina steigen, Risikoposition auch

Das Problem ist, dass die deutschen Banken seit Jahren immer mehr Kredite ausreichen. Während die Geldhäuser ihre Kreditbücher zwischen 2013 und 2019 um 4 Prozent ausweiteten, ist die Wachstumsrate im Zeitraum von 2017 auf 2019 auf 6 Prozent gestiegen. Durch die Ausweitung der Kreditvolumina wollen die Banken Bain zufolge dem Margenverfall durch die Niedrigzinsen entgegen wirken. Das führt allerdings auch zu steigenden Risiken – was sich nun rächen könnte.

„Die hohe Abhängigkeit vieler deutscher Banken vom Kreditgeschäft wird in der Rezession zur Achillesferse“, sagt Bain-Partner Christian Graf. Zwar hätten die Institute im Firmenkundengeschäft den Anteil des Provisionsüberschusses an den Erträgen in den vergangenen Jahren steigern können. Doch mit 69 Prozent im zweiten Halbjahr 2019 sei der Zinsüberschuss in Deutschland unverändert der wichtigste Ertragsbringer geblieben.

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Eigenkapitalrendite schrumpft immer weiter

Hinzu kommt, dass die Coronakrise die deutschen Banken in einer ohnehin angespannten Lage im Firmenkundengeschäft trifft: So ist es den hiesigen Geldhäusern 2019 erstmals seit zehn Jahren nicht gelungen, im Corporate Banking ihre Kapitalkosten zu erwirtschaften. Die Eigenkapitalrendite erreichte im zweiten Halbjahr nur noch 6 Prozent.

Zum Vergleich: Im zweiten Halbjahr 2018 rangierte sie noch bei 10 Prozent. „Deutschlands Banken verbrennen im traditionell margenstarken Firmenkundengeschäft weiterhin Geld“, kritisiert Bain-Branchenexperte Jan-Alexander Huber. „Das darf kein Dauerzustand sein.“

Profitabilität nähert sich Finanzkrisenniveau an

Diese bedenkliche Entwicklung spiegelt sich auch in der Profitabilität wider, sie nähert sich ebenfalls wieder den Niveaus der Finanzkrise an. So sank der Bain-Profitabilitätsindex im zweiten Halbjahr 2019 auf 72. Das sind 19 Prozent weniger als zur zweiten Jahreshälfte 2018. Während der Finanzkrise lagen die Werte bei 52 (erstes Halbjahr 2019) beziehungsweise -5 (zweites Halbjahr 2019). Den Referenzwert von 100 markiert das Jahr 2007.

Neben dem harten Wettbewerb, der zuletzt zu einem regelrechten Preiskampf im deutschen Firmenkundengeschäft geführt hat, führte auch die steigende Risikovorsorge zu Belastungen: So machte die Kreditrisikovorsorge im zweiten Halbjahr 2019 Bain zufolge 24 Prozent des Ertrags der Banken aus. Anfang 2018 hatte der Anteil noch bei 14 Prozent gelegen, in der zweiten Jahreshälfte 2009 – der Hochphase der Finanzkrise – bei 56 Prozent.

Auch bei Deutsche Bank steigt Kreditvorsorge

Mit Spannung erwartet werden deshalb auch die Zahlen der Deutschen Bank für das zweite Quartal, die die Bank am morgigen Mitwoch vorlegen wird. Früheren Aussagen von CFO James von Moltke zufolge dürfte die Vorsorge für Kreditausfälle im zweiten Quartal das Maximum erreichen. Mitte Juni bezifferte er der nötigen Betrag auf 800 Millionen Euro, nach rund 500 Millionen im ersten Quartal.

Nicht nur in Deutschland macht die Sorge von Kreditausfällen den Bankhäusern zu schaffen: Auch die amerikanischen Banken haben wegen Corona ihre Kreditvorsorge in zweiten Quartal dieses Jahres massiv erhöht. So stellten JP Morgan, die Citigroup und Wells Fargo insgesamt 28 Milliarden US-Dollar für notleidende Kredite zurück.

Wie die Banken gegensteuern sollten

Die Unternehmensberatung Bain empfiehlt den Banken deshalb, nicht nur weiterhin an ihren Sparmaßnahmen festzuhalten, sondern diese zu verschärfen. „Die Kreditinstitute müssen sich noch stärker bemühen, ihre Kosten zu reduzieren und ihre Kapitaleffizienz zu steigern“, so Jan-Alexander Huber.

Als zweites sollten die Banken die Kreditausfälle minimieren. Dabei könnten maschinelle Lernverfahren, die diese ausfallgefährdeten Kredite frühzeitig erkennen, helfen. Dieser Aufgabe sollte sich eine spezielle Einheit widmen. Abraten tut Bain dagegen von Kreditverkäufen. Das empfehle sich nur in Ausnahmefällen.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

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