03.12.11
Banking & Berater

Die Wahrheit über Derivate

Die milliardenschweren Derivate in den Bankbilanzen werden gerne als Beleg für Zockerei in der Finanzbranche angeführt. Nur wie die Daten zustande kommen, hinterfragt kaum jemand. Die Wahrheit sieht anders aus.

Es ist nicht leicht dieser Tage, Banker zu sein. Erklärungen, welchen Nutzen Banken für die Realwirtschaft haben, sind nicht annähernd so interessant wie schnell gefällte (Vor-)Urteile. Oft werden diese mit Statistiken untermauert, die zeigen, dass der Handelsumsatz zwischen Finanzinstitutionen um ein vielfaches höher ist als der Handelsumsatz mit Unternehmen. Es ist zwingend, dass sich Banken auf die geänderten Rahmenbedingungen einstellen, aber eine differenziertere Betrachtung der Zusammenhänge ist wichtig.

Nehmen wir an, die Innovativ und Pfiffig GmbH in Baden-Württemberg exportiert eine Werkzeugmaschine im Wert von 1 Million US-Dollar in die USA. Mit ihrer Sparkasse tauscht sie die empfangene Fremdwährung in Euro. Die örtliche Bank hedget sich mit ihrer Landesbank, die ihrerseits ein Gegengeschäft mit einer internationalen Großbank abschließt, sagen wir Barclays. Barclays handelt mit JP Morgan, die kurz darauf mit Wells Fargo tauschen. Wells Fargo handelt mit einer Regionalbank in Santa Monica, bei der das gerade erst gegründete Software-Start-up High Hopes Innovation Kunde ist. High Hopes Innovation hat eine Softwarelösung nach Baden-Württemberg verkauft und muss nun dringend Euro in Dollar tauschen.

Die Statistik zeigt 2 Millionen Dollar Umsatz von Banken mit Endkunden und 10 Millionen Dollar Umsatz zwischen Finanzunternehmen. In diesem Fall ist dieses Größenverhältnis aber nicht Ausdruck wilder Spekulation der Banken untereinander, sondern allein der Tatsache geschuldet, dass der Werkzeugmacher in Baden-Württemberg nicht direkt mit dem Internet-Unternehmen in Santa Monica handelt. Eine Vielzahl von Intermediären ist dazwischengeschaltet, und die Statistik erfasst die  Transaktionen, aber nicht, wer ökonomisch dahinter steht.

Lokaler Kredit ersetzt Holding-Kredit

Eine Statistik, die aus guten Gründen große Aufmerksamkeit genießt, ist die Kreditvergabe von Banken an die Realwirtschaft. Im Rahmen der Stresstests im Juli 2011 veröffentlichte die Europäische Bankenaufsicht EBA Daten zur Kreditvergabe der großen europäischen Banken an Unternehmen. Diese Übersicht schließt aber die Internationalisierung der Unternehmen und Banken nicht mit ein. Wer in den vergangenen zehn Jahren von Deutschland aus in Indien, China und anderen Ländern stark gewachsen ist, deckt lokale Kredite mit lokalen Banken ab. Zu diesen lokalen Banken gehören aber auch internationale Großbanken, die gerade dadurch für den Kunden Mehrwert schaffen, weil sie in Deutschland und weltweit vor Ort präsent sind. Eine international agierende Bank wie BNP Paribas beispielsweise beschäftigt heute 8.100 Mitarbeiter in Afrika, 12.500 in Ostasien und 4.200 Mitarbeiter in Lateinamerika.

Manche Kunden sprechen ihre internationalen Bankpartner sogar aktiv an, ob sie die Kreditvergabe an die deutsche Muttergesellschaft etwas zurückfahren und den frei werdenden Betrag in der Türkei, in Indien oder in Brasilien an die dortige Tochtergesellschaft lokal neu leihen können. Aber diese Kredite tauchen in der EBA-Statistik für Deutschland nicht auf. Diesen Hintergrund muss man jedoch kennen, bevor man den beliebten Vorwurf äußert, die Auslandsbanken würden sich aus dem deutschen Kreditgeschäft zurückziehen.

Eine Rolle spielt auch die Absicherung von Exporterlösen gegen Wechselkursschwankungen. Da dies zur Vermeidung von Liquiditätsrisiken auf Unternehmensseite häufig unbesichert geschieht, stellen Banken erhebliche Linien für FX-Hedging bereit. Diese Handelslinien können bei exportorientierten Unternehmen größer als die vergebenen Kredite sein. Unternehmen nutzen Forwards und Optionen, um sich gegen Wechselkursschwankungen abzusichern. Aber auch Rohstoffpreisrisiken werden aktiv gehedget. Zinssicherung durch Fixed Floating Swaps und Cross-Currency Swaps spielt ebenfalls eine große Rolle.

Exportiert ein Unternehmen 50 Prozent seiner Produktion und sichert 50 Prozent seiner Exporterlöse für die nächsten drei Jahre ab, beträgt das Absicherungsvolumen 75 Prozent eines Jahresumsatzes. Da Wechselkurse über drei Jahre leicht um ein Drittel schwanken können, benötigt das Unternehmen FX-Linien, die sich auf 25% seines Jahresumsatzes belaufen. Eine große Summe, die sich in einer gleichen Größenordnung bewegt wie das gesamte Fremdkapital, welches das Unternehmen einsetzt. 

Einen wichtigen Unterschied zwischen Handelslinien und Fremdkapital gibt es allerdings: Die Handelslinien bleiben komplett in der Bankbilanz, werden von Banken mit Eigenkapital unterlegt und bilden Risk Weighted Assets (RWA). Fremdkapital bekommen Unternehmen aber auch vom Kapitalmarkt durch die Emission von Schuldscheinen, Verbriefungen und Anleihen. In den vergangenen Jahren ist die Bedeutung der Handelslinien gestiegen. Die Handelslinie begrenzt das Geschäftvolumen, indem sie eine Obergrenze für das Gegenparteirisiko vorgibt, das aus diesen Geschäften während der Laufzeit erwachsen kann. Um aber abzuschätzen, welches Exposure in Zukunft aus einem Geschäft erwachsen kann, muss man eine Annahme über die Volatilität von Marktpreisen treffen. Durch die Finanzkrise ist die Volatilität an den Märkten gestiegen. Um das gleiche Exportvolumen abzusichern, benötigen die Banken heute viel größere Handelslinien auf Unternehmen als vor fünf oder sechs Jahren – der Anteil der Derivatposition an Risk Weighted Assets wächst.

Derivate sind unverzichtbar

Derivate nehmen ihre große Position auf Bankbilanzen  nicht ein, weil Banken so gerne zocken, sie sind für produzierende Unternehmen vielmehr unverzichtbar zur Absicherung von Preisschwankungen. Unter IFRS bilanzierende Unternehmen veröffentlichen die Art und das Volumen der abgeschlossenen Derivate im jährlichen Geschäftsbericht, und bei einigen DAX-Unternehmen beträgt der Nominalbestand fast 100 Milliarden Euro. Es ist daher nicht verblüffend, dass über die Summe aller europäischen Unternehmen hohe Beträge zusammenkommen, deren Marktwerte bzw. Eigenkapitalunterlegung einen erheblichen Stellenwert in den Bankbilanzen einnehmen. Die Abwicklung des Derivategeschäfts mit Unternehmen über zentrale Gegenparteien würde die Bankbilanzen auf einen Schlag von einem großen Block Risk Weighted Assets befreien, aber aus guten Gründen (unbegrenztes Liquiditätsrisiko für Unternehmen) ist nicht geplant, diesen Weg zu beschreiten.

Die Unterstützung der Realwirtschaft durch Absicherungsmöglichkeiten für Zinsen, Währungen, Rohstoffpreise taucht in keiner Kreditstatistik auf. Sie ist aber ein entscheidender Teil der Leistung, welche die Banken für die Unternehmen erbringen. In der Bankenwelt ist bestimmt nicht alles in Ordnung, aber je genauer man hinschaut, desto differenzierter wird das Bild.

Dr. Volker Anhäuser leitet bei BNP Paribas den Verkauf von Derivaten und Wechselkursprodukten an Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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