Deutsche Bank

16.04.18
Banking & Berater

EZB lässt Deutsche Bank den Big Bang durchrechnen

Wie viel würde die Deutsche Bank die Abwicklung ihres billionenschweren Handelsgeschäfts kosten? Die EZB lässt die Bank ausrechnen, ob sie einen solchen Strategieschwenk finanziell überstehen könnte.

Neue Unruhe bei der Deutschen Bank: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat aufgedeckt, dass das Geldinstitut gerade auf Anweisung der Bankenaufsicht der EZB eine Abwicklung ihres Handelsgeschäfts durchrechnet, das einen großen Teil des Investmentbankings der Deutschen Bank ausmacht. Nach Recherchen des Blatts ist es das erste Mal, dass eine Bank auf Drängen der EZB eine derart komplexe Simulation fahren muss. Den Investmentbanken steht ein großer Umbruch ins Haus.

Anders als die EZB haben die britischen und US-amerikanischen Aufsichtsbehörden derartige Berechnungen in der Vergangenheit schon angeordnet, wenn auch in deutlich kleinerem Umfang. Auch damals gehörte die Deutsche Bank zu den Betroffenen: Die Bank of England ließ durchrechnen, wie teuer den Dax-Konzern theoretisch die Abwicklung seiner britischen Tochtergesellschaft käme.  

Warum ausgerechnet die Deutsche Bank?

Bei der auf Druck der EZB gerade durchgeführten Simulation geht es explizit nicht darum, den Pleitefall zu simulieren. Vielmehr ist es Ziel, zu erfahren, welche Verluste es nach sich ziehen würde, wenn die Deutsche Bank aus eigenem Antrieb heraus kurzfristig das Neugeschäft im Handel komplett einstellen und die bestehenden Bestände abwickeln beziehungsweise auslaufen lassen würde. Die Berechnungen haben offenbar schon vor Monaten begonnen, werden sich wegen ihrer Komplexität aber noch eine Weile hinziehen.

Die EZB lehnte gegenüber der „Süddeutschen“ einen Kommentar speziell zur Deutschen Bank ab, die Deutsche Bank wiederum beschrieb die Simulation als regulatorischen Routinevorgang. Deutsche-Bank-CFO James von Moltke sekundierte seiner Kommunikationsabteilung: „Wir sind eine natürliche Wahl für eine solche Trockenübung in Europa, weil unser Kapitalmarktgeschäft besonders groß ist.“

Trotzdem dürfte es kein Zufall sein, dass es ausgerechnet die Deutsche Bank trifft. Sie ist die größte, vor allem aber die komplexeste Bank in der Euro-Zone und wird von den Regulatoren auf Grund ihrer weitverzweigten Handelsaktiviäten als eine jener Banken angesehen, von denen die größten Gefahren für das Weltfinanzsystem ausgehen. Trotz der erfolgreichen Kapitalerhöhung aus dem vergangenen Jahr wirkt sie recht fragil, und der Chefwechsel der vergangenen Woche hat die Debatte um einen Rückzug aus dem Investmentbanking noch virulenter werden lassen, als sie es davor schon gewesen ist. 

Analyst hat ähnliche Simulation bereits durchgeführt

Für die Aufseher ist es ein wichtiger Schritt, zu erfahren, welche finanziellen Folgen gravierende Strategiewechsel der größten Banken hätten. Im Gegensatz zur Abwicklung im Pleitefall, wofür die Banken so genannte „Testamente“ ausarbeiten mussten, liegen für Strategiewechsel bislang keine umfangreichen Simulationen vor. Dem bei der Deutschen Bank von der EZB initiierten „Wind down cost review“ dürften daher auch noch ähnliche Anweisungen an andere Großbanken der Euro-Zone folgen. Neue EU-Gesetze sehen vor, dass sich Banken auch ohne den Einsatz von Steuergeldern abwickeln lassen sollen.

Am Ende der Simulation dürfte bekanntwerden, ob die Deutsche Bank tatsächlich ohne staatliche Unterstützung aus dem Handelsgeschäft aussteigen könnte. Neben möglichen Verlusten bei der Abwicklung der Handelsbestände wären auch rund 10.000 Mitarbeiter abzufinden. Der Analyst Stuart Graham von Autonomous Research hatte im vergangenen Jahr geschätzt, dass ein Ausstieg aus dem Handelsgeschäft die Deutsche Bank rund 26 Milliarden Euro kosten würde – ein Betrag, den die Bank aber verkraften könnte, so Grahams Einschätzung. 

Deutsche Bank will an Investmentbanking festhalten

Allerdings hatte Garth Ritchie, seit vergangener Woche alleiniger Chef des Investmentbankings der Deutschen Bank, erklärt, dass in seiner Sparte keine radikalen Schritte plane. Der ausgeschiedene Chef-Investmentbanker Marcus Schenck hatte das Investmentbanking sogar ausbauen wollen.  

So oder so dürften die großen Unsicherheiten um die Risiken innerhalb der Deutschen Bank bestehen bleiben. Das gewaltige Derivatebuch der Deutschen Bank mit einem Volumen im zweistelligen Billionen-Euro-Bereich enthält viele Papiere, die nicht gehandelt werden und daher keinen Marktpreis haben. Ihr Wert beruht auf Schätzungen. Wie belastbar diese im Ernstfall wären, ist höchst unsicher.   

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de